Herr Felber, andere Journalisten schreiben Rezensionen über CDs und Bücher, Sie haben jeden zweiten Samstag Ihre Kolumne über Gesellschaftsspiele in der NZZ. Wie kamen Sie dazu?
Zur Kolumne kam es 1997, als die NZZ die Beilage "Lebensart" einführte. Der Projektverantwortliche fragte mich an, ob ich eine Spiel-Kolumne aufziehen möchte. Er wusste natürlich, dass ich früher schon bei anderen Zeitungen ähnliche Kolumnen hatte und im Bereich der Spiele über ein grosses Fachwissen verfüge.
Ist Ihre Kolumne einzigartig in der Schweiz?
In diesem Umfang und in dieser Regelmässigkeit ist sie meines Wissens einzigartig. In Deutschland hingegen gibt es Vergleichbares.
Was gilt es beim Verfassen eines Spielbeschriebs besonders zu beachten?
Einen Leitfaden gibt es nicht. Ich versuche mit meinen Rezensionen aber alle Leser anzusprechen. So gibt es viele Leute, die gar nicht spielen, meine Spielrezensionen aber trotzdem lesen, weil sie sie einfach unterhaltsam finden. Die Rezension muss erstens die Leute zum Lesen animieren und zweitens das Spiel so beschreiben, dass meine Meinung darüber klar zum Ausdruck kommt. Das heisst, ob ich es empfehle oder von einer Anschaffung abrate. Analog zu einer Filmkritik behandle ich verschiedene Punkte wie das Regelwerk, den Spielreiz, das Material und die Grafik. Die wesentliche Frage ist aber immer: Fasziniert ein Spiel als Ganzes oder nicht? Und: Ist ein Spiel auch nach wiederholtem Spielen immer noch interessant?
Um das zu beurteilen, müssen Sie jedes Spiel mehrmals durchexerzieren. Machen Sie das tatsächlich?
Ja, ich spiele diese Spiele intensivst. Meine Faustregel ist, dass ich keine Rezension schreibe, wenn ich ein Spiel nicht mindestens sieben Mal gespielt habe. Neben meiner journalistischen Tätigkeit bin ich ja auch Mitglied der Jury des "Spiel des Jahres". Damit ich diese Funktion seriös wahrnehmen kann, muss ich mich mit den Spielen auseinandersetzen. Wichtig ist zudem, dass ich die Spiele mit verschiedenen Menschen teste. Die Freude am Spiel ist abhängig von Situation, Stimmung und Laune der Beteiligten. Es gibt Spiele, die kann man mit gewissen Menschen nicht sinnvoll spielen. Dann kommt es vor, dass jemand, dem ein Spiel nicht gefällt, mit mieser Laune oder halbherziger Teilnahme das ganze Spielerlebnis verdirbt. Es lohnt sich also, ein Spiel immer mehrmals und in verschiedenen Konstellationen zu spielen. Erst so erhält man einen repräsentativen Eindruck.
Mit wem spielen Sie?
Ich habe ein eigenes System. Unter anderem auch durch Aufrufe in der NZZ nach Testspielern verfüge ich mittlerweile über einen Spielerpool von 250 Personen. Ich offeriere in einem Newsletter jeweils 20 bis 25 Daten pro Monat zum Spiele-Testen. Es handelt sich dabei um Abend- und Wochenend-Nachmittags-Termine in kleinen Gruppen mit jeweils vier oder acht Spielern. Die Leute können sich anmelden und ich schaue, dass immer verschiedene Leute miteinander spielen. Ich versuche prioritär Leute zu berücksichtigen, die noch nicht viel Erfahrung mit Gesellschaftsspielen haben. Denn "Viel-Spieler" sind oftmals gar nicht besonders geeignet, um zu beurteilen, ob ein Gesellschaftsspiel für eine Familie zumutbar ist oder nicht.
Mit wem würden Sie nie mehr spielen?
Da gibt es mehrere Kategorien von Leuten, zum ersten solche, die bescheissen. Schummeln ist ein absolutes Tabu. Zum zweiten Leute, die einfach nicht verlieren können und extrem emotional werden, wenn sie verlieren. Zum dritten sind es Leute, die während dem Spiel saftende Früchte essen und mit irgendwelcher Sosse das ganze Spielmaterial versauen. Sonst spiele ich eigentlich mit jedem.
Waren Sie während oder nach einem Spiel schon in einen gröberen Streit verwickelt?
Da ich in über vierzig Jahren Tausende von Spielpartien gespielt habe, ist es klar, dass das ab und zu passiert ist. Das ist nicht zu vermeiden.
Aber Sie waren noch nie in einen Raufhandel involviert?
Nein, zu Gewaltanwendung ist es noch nie gekommen. Die letzten zwei drei Jahre ist es auch nie mehr vorgekommen: Ich treffe mich mit gesitteten und zivilisierten Menschen.
Sie spielen nicht gerne mit Leuten, die nicht verlieren können. Ist aber nicht gerade diese Verbissenheit und eine starke Emotionalität ausschlaggebend für den Spielspass?
Absolut, aber man muss immer zwischen Spiel und dem wirklichen Leben unterscheiden können. Alles, was im Spiel passiert, muss im Spiel bleiben und darf keine Auswirkungen auf das "Nach dem Spiel" haben. Aber klar, ein Spiel ist erst interessant, wenn die Mitspieler auch gewinnen wollen. Will jemand nicht gewinnen und spielt einfach locker, blöd mit, drückt das auf die Spielfreude der Mitspieler. Leute, die viel spielen, werden allgemein gelassener auch dem Leben gegenüber. Gewisse Techniken, die man in Alltag und Beruf anwenden kann, können während dem Spielen trainiert werden.
Ist bei Ihnen die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit denn immer trennscharf?
Vor zwanzig Jahren war das vielleicht nicht immer so, aber heute absolut, ja.
Spiel-Anleitungen lesen gilt als ätzende Tätigkeit. Man ist gemeinhin froh, wenn einem jemand ein Spiel erklären und man sich den Beilage-Zettel ersparen kann. Lesen Sie gerne Spiel-Anleitungen?
Es kommt auf die Spielbeschreibung an es gibt sehr gute und es gibt miserable. Ich mache es nicht besonders gern, aber es gehört einfach zum Job. Die Spielregel ist das Wichtigste am ganzen Spiel. Es ist so wie der Startknopf bei einem Porsche. Ein Spiel kann ein super Design, eine super Mechanik haben, wenn man aber nicht ins Spiel reinkommt, ist alles für die Katze. Seit sieben Jahren treffen sich die Spielredaktoren aller wichtigen deutschen Spielverlage übrigens jährlich zu einem Seminar, in dem es darum geht, das Spielregeln-Schreiben zu optimieren. Das Problem wurde also erkannt. Die Spielregeln sind auch besser geworden, aber sie sind nach wie vor das grösste Problem.
Wie wichtig ist neben dem Spielablauf und den Regeln die Schilderung von Interaktion?
Spielregeln schildere ich immer nur sehr rudimentär. Ich konzentriere mich eher auf atmosphärische oder thematische Komponenten.
Wer sind Ihre Leser?
Wenn man nicht in einem Online-Medium arbeitet, ist es als Journalist schwierig zu beurteilen, von wem man eigentlich gelesen wird. Durch die Resonanz auf meine jährlichen Aufrufe in der NZZ nach neuen Testspielern, stelle ich fest, dass ich von Leuten gelesen werde, die gerne spielen. Zudem ist es so, dass meine Rezensionen in Spielfachgeschäften der ganzen Deutschschweiz bemerkt werden. Wenn ich ein Spiel lobe, laufen die Leute in Bern, Aarau und Zürich in die Fachgeschäfte und das Spiel ist oftmals ausverkauft.
Was verpasst jemand, der nicht spielt?
Die Gehirnforschung stellte fest, dass Spielen tatsächlich intelligenter macht. Studien besagen, dass Leute, die Brett- und Kartenspiele spielen, ein geringeres Demenz-Risiko haben. Spielen ist zudem etwas sehr Soziales, man macht etwas mit anderen Menschen, man lacht, hat Freude und manchmal natürlich auch Ärger. Man ist zusammen in einer Gruppe und bekommt sofort menschliches Feedback auf sein Verhalten. Computerspiele bieten das nicht, deshalb geriet das klassische Spiel auch nie in Gefahr, davon verdrängt zu werden. Es bietet ein völlig anderes Erlebnis.
Ist das alles?
Beim Spielen lernt man zudem die Mitspieler sehr gut kennen. Platon hat schon gesagt...(sucht nach einem Blatt Papier, zitiert), beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennenlernen als im Gespräch in einem Jahr. Und das ist natürlich so und zwar aus zwei Gründen: Erstens die Leute vergessen sich im Spiel, zeigen plötzlich ihren wahren Charakter, zweitens lehrt einen Spielen Empathie. Man lernt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Dieser Faktor ist für viele Strategiespiele extrem wichtig. Durch das Spielen wird man zum Menschenkenner, ganz eindeutig.
Platon kann man natürlich auch Schopenhauer entgegenstellen. Der schrieb, Spielen sei eine Tätigkeit für Menschen, die dumm sind oder sich langweilen.
Die Wissenschaft hat widerlegt, dass Spieler dumm sind. Im Gegenteil: Eher die intelligenteren Menschen spielen, so überwiegen in Spielklubs auch immer die Akademiker unter den Mitgliedern. Langeweile hingegen ist natürlich ein Aspekt jeder Freizeittätigkeit. Wieso spielt man Golf, wieso schaut man fern? Wieso soll man Langeweile nicht mit Spielen vertreiben?
Spielen Sie persönlich, weil es Ihnen langweilig ist?
Nein, überhaupt nicht. Es ist eher die Neugierde, immer wieder neue Sachen zu entdecken. Ich suche einfach das soziale Erlebnis und die stategische Herausforderung, sich mit anderen zu messen. Jassen Sie?
Ja, ich jasse alle zwei Wochen.
An spezielle Erlebnisse während Partien, originelle Situationen kann man sich ja zum Teil Jahre später noch erinnern. Spielen ist generationenübergreifend: Jeder kann spielen. Eine Grossmutter geht mit dem Enkel wohl kaum snowboarden, aber Spielen ist ein Kulturangebot, das alle einschliesst. Körperliche Fitness etwa ist kein Kriterium.
Sie spielen Freitag, Samstag, Sonntag die ganze Woche?
Es gibt die Spielmesse in Essen im Oktober sowie die Nürnberger Spielwarenmesse anfangs Februar als wichtige Veröffentlichungstermine neuer Titel. Mitte Mai wiederum hat die Jury "Spiel des Jahres" Klausurtagung. Diese Ereignisse gestalten sozusagen mein Spielverhalten. Zwischen Februar und Mai spiele ich sehr intensiv, viermal bis sechsmal pro Woche. Im Juni wiederum spiele ich ebenfalls sehr häufig, aber nur noch diejenigen Spiele, die für das "Spiel des Jahres" nominiert sind. Von Juli bis Oktober mache ich meine grosse Spiel-Pause. Vier Monate spiele ich überhaupt nicht mehr, um wieder hungrig zu werden.
Empfinden Sie diese vier Monate als Entzug oder als Erholung?
Die ersten zwei Monate sind Erholung, die nächsten zwei Monate sind Entzug. Dann merke ich, wie ich wieder heiss aufs Spielen werde, wieder freiwillig anfange, zu spielen. Aber am Anfang ist es ganz klar Erholung.
Interview: Benedict Neff