Res Strehle
Als Stellvertreter von Peter Hartmeier wäre Res Strehle quasi eine "logische Lösung". Wer den Chef vertritt, kann den Laden auch selber schmeissen. Zudem: Strehle leitet innerhalb der Arbeitsgruppe zur Weiterentwicklung des "Tagi" das Projektteam Redaktion und ist damit massgeblich an der Neugestaltung der Zeitung beteiligt. Doch will Strehle mit 57 Jahren den "Tagi" noch in eine neue Ära führen?
Strehle war vor seinem Wechsel zum "Tagi" bis 2007 Chefredaktor des "Magazins". Zuvor schrieb er unter anderem für die "Weltwoche", die "WochenZeitung" (WoZ), die "Bilanz" und für "Facts. Strehle war zudem Dozent an der Hochschule St. Gallen, der Schule für Soziale Arbeit, Zürich, sowie am Medienausbildungszentrum (MAZ) Luzern.
Markus Eisenhut
Falls der "Tages-Anzeiger" in Zukunft den Mantel für den "Bund" liefert, könnte mit der Berufung von Markus Eisenhut zum "Tagi"-Chefredaktor das Berner-Modell quasi doch noch gerettet werden. Auch Eisenhut ist Mitglied der Arbeitsgruppe, die sich um die Neupositionierung des "Tagis" kümmert. Allerdings soll sich in der Redaktion des "Tages-Anzeiger" schon im Vorfeld Widerstand gegen eine allfällige Wahl Eisenhuts geregt haben.
Markus Eisenhut leitete vor seinem Engagement als Chefredaktor bei der "Berner Zeitung" für Tamedia das Projekt zur Lancierung von "20 Minutes" in der Suisse Romande. Zuvor war er unter anderem als Sportchef bei "Blick/Sonntagsblick", als Nachrichtenchef bei der "SonntagsZeitung" sowie als Chefredaktor der Pendlerzeitung "20 Minuten" engagiert.
Patrik Müller
Wenn man sich im Stall von Peter Wanner schon für den Posten des Espace-Chefs bedient (Ueli Eckstein), warum dann nicht auch für den "Tagi" im Rüebliland wildern. Müller hat als Chefredaktor von "Sonntag" bewiesen, dass er eine neue Zeitung von null auf hundert zum viel zitierten Titel aufbauen kann. Zudem kann Tamedia gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mit Müllers Verpflichtung hätte der "Tagi" nicht nur einen hungrigen neuen Chef, sondern die "SonntagsZeitung" auch einen geschwächten Konkurrenten.
Allerdings würde dann vielleicht das angebliche Gentlemens Agreement zwischen Martin Kall und Peter Wanner mehr als nur bröckeln. Ob dann die NZZ in Baden anklopft? Die Kirche bleibt wohl im Dorf, Müller soll dem "Tagi" abgesagt haben. Müller war vor seinem Engagement bei "Sonntag" Nachrichtenchef/Blattmacher beim "SonntagsBlick".
Andreas Durisch
Seit 1997 ist Andreas Durisch Chefredaktor bei der "SonntagsZeitung", zwischendurch übernahm er auch noch die Leitung des Nachrichtenmagazins "Facts" im Doppelamt. Durisch kann also gleichzeitig sowohl mit Erfolg als auch mit Krisen umgehen.
Doch würde sich Durisch nach so langer Zeit bei einem Wochentitel mit dem Tagesrhythmus zu Recht finden. Ausserdem hätte dann Tamedia das Problem nicht gelöst, sondern nur verlagert. Die "SonntagsZeitung" bräuchte dann ebenfalls einen neuen Chef.
Peter Rothenbühler
Tamedia hat sicher nicht mit Edipresse fusioniert, um günstiger an Peter Rothenbühler als neuen Chefredaktor des "Tages-Anzeiger" heranzukommen. Aber als Mitgift wäre der ehemalige Chefredaktor von "Le Matin" ein nettes Geschenk.
Man kann sich vorstellen, dass Rothenbühler als Vollblutjournalist sich nicht bis aufs Letzte gegen einen Wechsel vom reinen Manager-Stuhl zurück in den Chefsessel einer Redaktion wehren würde. Da der "Tagi" sowieso mehr in Richtung Boulevard will, würde auch Rothenbühlers Vergangenheit als Chef der "Schweizer Illustrierten" nicht gegen den neuen Posten sprechen.
Marco Boselli
Die Pendlerzeitung "20 Minuten" ist das Prunkstück von Tamedia was Leserzahlen und Werbeeinnahmen im Print angeht und Marco Boselli amtet als ihr publizistischer Chef. Geht es also um eine Neubesetzung eines Chefredaktorenpostens an der Werdstrasse, kommt man nicht um Boselli herum. Gegen Boselli spricht, dass der "Tages-Anzeiger" keine Gratiszeitung ist. Allerdings hat bei Ringier Bernhard Weissberg nach seinem Abstecher zur Abendzeitung "heute" den Weg zurück zu einer Bezahlzeitung auch geschafft.
Boselli war von 1987 bis 1998 bei Ringier angestellt: von 1987 bis 1990 als Nachrichtenredaktor für den "Blick". Nach einem einjährigen USA-Aufenthalt war er Leiter Magazin/Mitglied der Chefredaktion beim "SonntagsBlick". 1999 wurde er Geschäftsführer der Tamedia-Tochter PartnerWinner. Anfang Januar 2003 übernahm er dann die Leitung des zwei Tage vor Launch gestoppten "Express". Seit 2004 ist er als Nachfolger von Markus Eisenhut Chefredaktor von "20 Minuten".
Peter Wälty
Der "Tages-Anzeiger" will sich künftig mehr am Newsnetz orientieren. Warum dann nicht gleich den Chef des Online-Verbundes ins eigene Boot holen. Damit würde man auch ein klares Zeichen für den Zusammenschluss von Print- und Online-Redaktion setzen. Und genau das spricht wohl neben seiner fehlenden Print-Erfahrung auch gegen Peter Wälty als Chefredaktor des "Tagi". Der Kulturschock wäre zu gross -- auch für Wälty.
Peter Wälty war vor seiner Tätigkeit als Chefredaktor des Newsnetz Chefredaktor der Online-Redaktion von "20 Minuten". Vor seinem Engagement bei der Pendlerzeitung war er während zwei Jahren Projektleiter bei Schweizer Radio International. Weitere Online-Erfahrung sammelte er als Online-Redaktor von Tamedia Online und Facts.
Esther Girsberger
Yes she can. Esther Girsberger wäre zwar nicht die erste Frau an der Spitze des "Tages-Anzeiger", aber die erste Frau, die das zum zweiten Mal geschafft hätte. Der "Tagi" will sich verändern, warum nicht hin zu mehr Weiblichkeit. Zudem verfügt Girsberger -- wie Peter Hartmeier -- über "SonnTalk"-Erfahrung und hat eine eigene Website. Sie weiss also, wie man über alle Kanäle kommuniziert.
Esther Girsberger war rund vier Jahre bei der Inlandredaktion der NZZ tätig. Es folgten Stationen beim Berner "Bund" (Inlandverantwortliche), beim Tages-Anzeiger (stv. Chefredaktorin und Chefredaktorin) und bei der Weltwoche (Co-Ressortleiterin Wirtschaft). Heute ist sie Autorin, Moderatorin, Dozentin und zeichnet verantworltich für die "SonntagsGespräche" der "SonntagsZeitung".
(Text: Stefan Wyss)