Nach der Fusion mit der Espace Media Groupe macht man sich im Medienhaus Tamedia Gedanken darüber, wie eine kostenpflichtige Qualitätszeitung für die gebildete, urbane Leserschaft ausgestaltet sein muss, die dem Boom der Gratiszeitungen entgegenhalten kann. In enger Kooperation mit der Berner Zeitung wird unter dem Arbeitstitel "Grossstadtzeitung" ein Blatt entwickelt, das gescheiter als die NZZ sein soll, aber für die Leser leichter verständlich.
Das Projekt "Grossstadtzeitung" ist einer von vier Grundpfeilern, auf welchen die Tamedia nach der Fusion mit der Espace Media Groupe sein Zeitungshaus abstützen will, wie es in einem redaktionsinternen Schreiben des Tages-Anzeigers heisst, das "persoenlich.com" vorliegt. Als weitere Säulen dienen die Regionalisierung, die weiterhin systematisch fortgesetzt werden soll. Die Stärkung des Online-Bereichs, die in Kooperation mit Berner Zeitung und Basler Zeitung geschehen soll. Und schliesslich die neue Pendlerzeitung, mit der das neue Konkurrenzblatt ".ch" bekämpft und zugleich verhindert werden soll, dass Tamedia im Werbemarkt auf Platz 3 abrutscht.
"Im Hinblick auf die Gesamtentwicklung der Medienlandschaft ist es klar, dass wir uns die Frage stellen müssen, welches die Ansprüche einer kritischen Leserschaft an eine abonnierte, politisch profilierte, unabhängige Qualitätszeitung sind. Wie eine solche Zeitung aussehen müsste -- darüber machen wir uns derzeit tatsächlich Gedanken", bestätigt Tages-Anzeiger-Chefredaktor Peter Hartmeier entsprechende Recherchen von "persoenlich.com". Man denke derzeit in Varianten nach über eine völlig neue Art einer abonnierten Qualitätszeitung -- auch wenn man wisse, dass der lokal verankerte Tages-Anzeiger mit nationaler Ausstrahlung ein Erfolgsmodell sei.
Dem Boom der Gratiszeitung will der Tages-Anzeiger mit einer Veredelung der Inhalte entgegenhalten. Wie dem internen Schreiben zu entnehmen ist, soll eine Zeitung für gebildete, urbane, und lokal verankerte Leser entstehen, welche auf Hintergrundinformationen und hochwertige Artikel setzt. "Ziel sei es, gleich gescheit wie die NZZ zu sein, aber für die Leser leichter zugänglich", wird Hartmeier zitiert. Da die finanziellen Mittel für eine solche Zeitung beträchtlich sind, pocht man in Zürich auf die Unterstützung aus Bern. Man wolle mit der BZ das Gespräch aufnehmen und Synergien nutzen, heisst es weiter. In der inhaltlichen Diskussion gelte es zu klären, was man vom jetzigen Blatt übernehmen könne, und wo man gut sei.
Das Arbeitsprojekt "Grossstadtzeitung" ist langfristig angelegt. Der Tages-Anzeiger wird nächstes Jahr noch gleich aussehen wie bisher; geplant ist, mit demselben Budget ins neue Jahr gehen zu können. Wie Hartmeier gegenüber "persoenlich.com" erklärt, finden derzeit zwar "intensive Gespräche mit unseren Kollegen in Bern" statt. "Es bestehen aber keine konkreten Pläne, den Tages-Anzeiger und die Berner Zeitung zusammenzulegen." Eine Zusammenarbeit der beiden Titel kann sich Hartmeier indessen vorstellen: "Beide Zeitungen müssen jedoch die Bedürfnisse der Heimmärkte erfüllen -- und die sind sehr unterschiedlich."
Die angestrebte Veredelung des Mantelteils soll nicht auf Kosten der Regionalisierungsstrategie geschehen. Der Tages-Anzeiger will weiterhin Schritt für Schritt in die Regionen gehen, wie es im Schreiben heisst. Seine Redaktionsleitung erachtet die Regionalisierung angesichts der Marktsituation der Pendlerzeitungen als doppelt richtig.
(Text: David Vonplon)