Wie die globale Überwachung enthüllt wurde

Glenn Greenwald - Am 6. Juni 2013 erschien im britischen "Guardian" ein Artikel von Glenn Greenwald über einen geheimen Gerichtsbeschluss, der den US-Konzern Verizon verpflichtete, Daten über Millionen von Anrufen an NSA und FBI auszuhändigen. Es war der Start der "NSA-Affäre", die von Edward Snowdens Enthüllungen ausgelöst wurde. Ein Jahr danach erzählt Greenwald in seinem Buch "Die globale Überwachung" die ganze Geschichte. "Ihm ist passiert, wovon die meisten Journalisten träumen", meint Thomas Knellwolf vom "Tages-Anzeiger", der Greenwald kürzlich interviewt hat.

"Dass seine Enthüllungen mit Gleichgültigkeit und Desinteresse aufgenommen würden und er dann sein altes Leben umsonst aufgegeben hätte", sei die grösste Befürchtung von Edward Snowden gewesen, schreibt Glenn Greenwald. Der Journalist, Blogger und ehemalige Anwalt traf den ehemaligen NSA-Mitarbeiter im Mai 2013 in einem Hotel in Hongkong, wo er ihn gemeinsam mit Dokumentarfilmerin Laura Poitras befragte.

Ausserdem übergab Snowden den Journalisten eine grosse Menge an geheimen Dokumenten, die das Ausmass der weltweiten Überwachung durch die NSA und weitere Geheimdienste der USA und ihrer Partner offenbarten. Am 6. Juni 2013 erschien im "Guardian" der erste Artikel über einen geheimen Gerichtsbeschluss, der den amerikanischen Telekom-Riesen Verizon verpflichtet, Daten über Millionen Anrufe an die NSA und FBI auszuhändigen.

Dieser und die folgenden Artikel zur Tätigkeit der NSA und ihrer Zusammenarbeit mit Internet-Firmen lösten grosse Empörung und eine anhaltende Diskussion aus. Snowdens schlimmste Befürchtung ist also nicht eingetreten. "Er lebt in Frieden mit dem Entscheid, den er gefällt hat", sagte Greenwald gegenüber dem "Tages-Anzeiger".

Doch wohin Snowden gehen wird, wenn sein Asyl in Russland ausläuft, ist noch ungewiss. Laut jüngsten Berichten hat er in Brasilien um Asyl ersucht. Greenwald fordert im "Tages-Anzeiger" die Schweiz auf, Snowden Asyl zu gewähren; die USA würden die Schweiz dafür nicht bestrafen, meint er.


Greenwald, Laura Poitras und Ewen MacAskill (von links nach rechts) vom "Guardian" am 11. April 2014 an einer Pressekonferenz in New York. (Bild: Keystone)

Auch wie es mit der Überwachung weitergeht, ist ungewiss. Wird sich wirklich etwas ändern? Greenwald bleibt skeptisch, sieht aber auch gute Anzeichen: "Im Denken der Menschen hat ein Wandel stattgefunden." Ähnlich äusserte er sich auch gegenüber der NZZ: "Ich setze nicht auf Obama. Ich setze darauf, dass Bürger und Nutzer von Social-Media-Diensten Reformen einfordern."

Eine elfmonatige Diskussion bringe einen solch gigantischen Überwachungsapparat aber nicht von alleine zum Verschwinden. Doch mittlerweile stünden auch die involvierten Firmen wie Google oder Facebook verstärkt in der Kritik und würden ihrerseits die Regierung unter Druck setzen.

Nun ist Greenwalds Buch "Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen" erschienen. Darin fasst der Journalist die wichtigsten Erkenntnisse der Snowden-Dokumente zusammen und erzählt, wie es zum Treffen mit Snowden kam und wie es sein Leben verändert hat. "Ich wusste, dass meine Berichterstattung riesige Kontroversen lostreten und mein Leben umpflügen würde", sagte er im Interview mit dem "Tages-Anzeiger".

Lange reiste er nicht mehr in die USA, sein Heimatland - aus Angst vor einer Verhaftung. Mittlerweile fühlt er sich durch seine öffentliche Bekanntheit ein Stück weit geschützt. Doch die Vorsicht dominiert noch immer sein Leben: So wollte er "Tages-Anzeiger"-Redaktor Thomas Knellwolf (siehe Interview unten) nach dem Treffen in München nicht verraten, wohin er als nächstes reiste.

Regierungstreuer Journalismus
Greenwald spart in seinem Buch auch nicht mit Kritik am Journalismus in den USA. So hätten die "New York Times" und die "Washington Post" schon öfters brisante Storys auf Verlangen der Regierung gestoppt. Snowden sprach auch darum die unabhängigen Greenwald und Poitras für seine Enthüllungen an, "weil er wusste, dass wir offensiv berichten und uns von Drohungen seitens der Regierung nicht einschüchtern lassen würden", wie Greenwald schreibt.

In den USA sei es üblich, dass Zeitungen ihre Texte den Regierungsstellen vorlegen, wenn es um geheime Dokumente oder Enthüllungen gehe - und oft zögen sie es auf deren Druck hin zurück. So ging erst auch der "Guardian" vor: Das Büro in New York zeigte die Artikel den zuständigen Behörden, setzte sich dann allerdings über deren Einwände hinweg, weil sie sie nicht für stichhaltig hielten.

Alles wurde schliesslich so publiziert wie von Greenwald verlangt. Daraufhin wurde auch die Identität von Snowden enthüllt und das Video-Interview publiziert, das Greenwald geführt und Poitras aufgezeichnet hatte. Sie verliessen Hongkong bald, weil sie dort von Medienleuten belagert wurden. Greenwald flog am nächsten Tag zurück nach Brasilien, wo er mit seinem Lebenspartner wohnt: "Fürs erste, sagte ich mir, hatte ich genug getan."


Thomas Knellwolf, Leiter des Recherche-Teams beim "Tages-Anzeiger", und Redaktor Beat Metzler trafen Glenn Greenwald in München, wo er sein Buch vorstellte, zum Interview. Das Ergebnis erschien am 22. Mai als Samstagsgespräch.

Herr Knellwolf, wie war das Interview mit Greenwald?
Das Gespräch in München fand in angenehmer Atmosphäre statt. Greenwald steckt mitten in einem internationalen Interview-Marathon. Wir waren die einzigen Journalisten, die aus der Schweiz angereist sind. Mich hat überrascht, wie er trotz wenig Schlaf und vielen Reisen fundiert, konzentriert und eloquent sogar Fragen zu schweizerischen Aspekten im Snowden-Material beantworten konnte.

Wie schätzen Sie Greenwalds journalistische Leistung ein?
Ihm ist passiert, wovon die meisten Journalisten träumen: Nach Jahren intensiver Beschäftigung mit einem Thema prägen Greenwald und wenige weitere Reporter heute durch Enthüllungen international eine breite und wichtige Debatte weit über ihr Fachgebiet hinaus. Greenwald verfolgt unter hohem Druck der Obama-Administration und der britischen Strafverfolger einen anwaltschaftlichen Journalismus. Dabei vermittelt er harte Fakten, aber er hält stets auch mit seiner - offen deklarierten - Meinung nicht zurück.

Was halten Sie von dieser Art von Journalismus?
Ich selber praktiziere keinen anwaltschaftlichen Journalismus. Greenwald dagegen hat diese Rolle von Anfang an gewählt. Ich halte das für eine zulässige Methode, solange man es offen deklariert und nicht eine versteckte Agenda verfolgt.

In seinem Buch berichtet Greenwald über eine Kultur des Journalismus in den USA, der gegenüber Regierung und Behörden sehr unterwürfig ist. Wie ist das in der Schweiz? Wie ist das Verhältnis zu Amtsstellen?
Klüngelei gibt es sicher auch da und dort. Aber im Bereich der Geheimdienste und der Sicherheit kenne ich in der Schweiz keine solche Unterwürfigkeit. Journalisten sehen sich nicht gezwungen, Enthüllungen vorab dem Staat vorzulegen. Ein Problem des Recherchejournalismus in der Schweiz sehe ich eher darin, dass wir oft gar nicht an die Informationen und Dokumente herankommen, mit denen wir Staatsmacht hinterfragen könnten. Da haben uns die von Greenwald heftig kritisierten Kollegen der "Washington Post" oder der "New York Times" viel voraus.

Wenden Sie auch solche Vorsichtsmassnahmen an bei Ihren Emails und Telefonaten, wie es Greenwald tut?
Ich wende Vorsichtsmassnahmen an, insbesondere wenn es um empfindliche Themen und um Informantenschutz geht. Seit den NSA-Enthüllungen tue ich das verstärkt. Glenn Greenwald, der weit exponierter ist, geht verständlicherweise viel weiter. Bei ihm dominiert die Vorsicht das ganze Leben. Ein Beispiel: In München wollte er uns im Smalltalk nach dem Interview nicht verraten, wo er als nächstes hinreist.

Text und Interview: Lukas Meyer//Bilder: Keystone, zVg