Watson, das ambitionierte Projekt der AZ Medien, will innert fünf Jahren zum führenden Onlineportal im deutschsprachigen Raum werden. Die Beta-Version fällt mit grossflächigen Kacheln und einer bildlastigen Gestaltung auf. Dadurch wird deutlich, dass es sich bei Watson nicht um die Adaption einer Printzeitung handelt, sondern um ein reines Online-Medium. Mit einem "Mix aus Information und Zeitvertreib sowie multimedialen Erzählformen" will sich das Portal bei einer jungen, mobilen Leserschaft etablieren (persoenlich.com berichtete). Im Bereich Werbung möchte Watson neben Bannern auch neue Formen anbieten, so etwa Native Advertising.
persoenlich.com hat bei Chefs der Konkurrenz sowie bei Werbeexperten nachgefragt: Wie ist der erste Eindruck von Watson? Was fällt positiv auf, wo gibt es Verbesserungspotenzial? Und ist Watson tatsächlich das "Medienportal der Zukunft", wie Hansi Voigt in seinem Begrüssungs-Editorial schreibt?
Folgende Antworten sind eingegangen:
Alex Oeschger, Mitinhaber Dreicom
"Ins Auge springt das adaptive und plakative Design, welches meiner Meinung nach die richtige Offensive ist, um im Lesermarkt zu überraschen. Inhaltlich kann ich noch nicht viel sagen. Es scheint von Listicals bis zur Hintergrundberichterstattung zu gehen. Das Portal wird sich in den nächsten Monaten sicher inhaltlich profilieren. Persönlich hoffe ich auf Überraschungen sowie Qualität und nicht auf einen weiteren Newsaggregator. Die von den Initianten geschürte Erwartungshaltung will ja schliesslich erfüllt werden. Was die Werbung betrifft, sehe ich bis jetzt nur Standardformate in ungenügender Auflösung. Watson will ein Reichweitentitel werden, somit wird sich die Zielgruppe sicher in den Rubriken segmentieren lassen. Das Problem wird auch da die Masse sein. Wenn aber genügend Leser vorhanden sind, wird Watson für den Werbemarkt attraktiv und für die Konkurrenz ein Ärgernis. Ich wünsche Hansi Voigt und seinem Team auf jeden Fall viel Erfolg und vor allem Spass dabei!"
Markus Schärer, Executive Digital Director, Jung von Matt/next
"Nachdem sowohl Verleger, Leser und nicht zuletzt wir aus der digitalen Werbebranche dem im Vorfeld hochdramatisierten Launch von Watson entgegengefiebert haben, bin ich persönlich etwas ernüchtert. Form, Funktionalität und Inhalt entsprechen dem Zeitgeist, sind jedoch keineswegs so revolutionär und multimedial, wie ich es mir gewünscht hätte. Natürlich abgesehen davon, dass alleine die Lancierung von Watson schon eine kleine Revolution ist. Definitiv enttäuscht bin ich über das Angebot moderner Werbemittel. Bis anhin habe ich nur Standard-Werbemittel ausmachen können. Neue Formate, wie Native Advertising, sponsored Content etc., sind mir noch nicht aufgefallen. Ich finde zudem, es fehlt ein Usability-Experte im Web-Team von Watson und ebenso fehlen mir Listicles. Hier ist blickamabend.ch bedeutend weiter. Aber genau so, wie es eine klassische Plakatkampagne schaffen kann, auffällig zu sein und Wirkung beim Konsumenten zu erzielen - oder eben unbeachtet bleibt -, funktionieren auch digitale Kampagnen, wenn ihnen eine zündende Idee zu Grunde liegt. Ganz allgemein sehe ich grosses Potenzial in den neuen Werbeformaten. Denn je mehr Plattformen diese anbieten, desto eher werden unsere Kunden an solche Wege glauben und auch Budget dafür sprechen. Hier hoffe ich auf Überraschungen in den nächsten Wochen. Die hohe Kaufkraft der Schweizerinnen und Schweizer trifft auch auf die von Hansi Voigt definierte Watson-Zielgruppe zu. Und genau so verhält es sich mit der Werbung: Stimmt der Inhalt der Botschaft, erreicht man auch den Konsumenten. Logisch, dass diese Zielgruppe eher digital vorzufinden ist, als auf den klassischen Kanälen. Ich wünsche Hansi Voigt und dem Watson-Team viel Erfolg und freue mich auf alles, was wir von ihnen noch zu sehen bekommen werden."
Manfred Strobl, CEO Omnicom Media Group
"Mein erster Eindruck von Watson: opulente Bilder, reisserische Headlines, 'kurzer' Content, modern und jung aufgemacht. Ich bin gespannt auf die angekündigten neuartigen Werbeformate, die sich in der Beta-Version noch nicht finden lassen. Aus meiner Sicht fehlt eine optische Klammer, denn vieles fällt 'aus dem Rahmen' bzw. ist nur aneinandergefügt - aber das ist Geschmackssache und hat nichts mit Relevanz für die anvisierte Zielgruppe zu tun. Ich denke journalistisch wird sich Watson innert der Beta-Phase noch finden müssen, d.h. 'Optimierung nach Leser-Interesse on the fly'. Beim Webdesign hätte ich mehr erwartet: Hier sind mir modernere Ansätze geläufig, von daher erscheint mir der Watson-Ansatz zunächst sehr plakativ, aber wenig revolutionär. Die von Watson definierte Zielgruppe ist - wie andere auch - affin für relevante Werbung analog deren Interessenslagen. Wir werden über ein entsprechendes (Re-)Targeting den Wert von Watson 'testen' müssen, bevor wir hier Aussagen über Effizienz und Effektivität bzw. Wirkungsstärke machen können. Grundsätzlich begrüssen wir aber frische Ansätze, die mit neuem 'look & feel' Aufmerksamkeit generieren und damit weiteres spannendes Inventar für Online-Kampagnen aufzeigen."
Marc Brupbacher, Leiter Newsdesk, "Tages-Anzeiger"
"Visuell gefällt mir die Kacheloptik: aufgeräumt, klar und befreit von jeglichem Firlefanz. So mag ich es. In der jetzigen Beta-Version sind mir die Bilder auf dem Desktop allerdings zu gross. Rubriken spielen praktisch keine Rolle mehr, das ist absolut der richtige Schritt. Die Stimmung auf der Redaktion ist euphorisch und das spürt man als Leser sofort. Es gibt ein paar kleinere Bugs, aber für den Start eines so grossen Projekts ist die Technik erstaunlich stabil. Was ich aber noch vermisse, ist neuartiges Storytelling, welches Voigt versprochen hatte. Ich sehe Videos, Umfragen, Bildstrecken, Links. Das macht man schon seit zehn Jahren so. Dazu kommen ein paar Gifs. Auch inhaltlich ist bisher alles konventionelle Ware: Da kracht aber auch gar nichts - ausser Wawrinka, und diese News haben alle. Wenigstens 1-2 Primeurs hätte man zum Start vorbereiten müssen. Native Advertising habe ich auch nicht gesehen. Oder ist diese Werbung so gut, dass ich sie tatsächlich nicht bemerkt habe? Ich denke nicht, dass Watson so gross wird, wie man angekündigt hat. Dafür braucht es mehr Power. 60 Leute sind okay, aber damit entwickelt man keine Data-Apps, produziert keine interaktiven Multimedia-Features oder Longform-Interviews. Auch aufwendige Recherchen liegen wohl nicht drin. Die Redaktion ist zwar wie gesagt top motiviert und das ist ihr Trumpf. Das kann auf die Leser überschwappen. Man fühlt sich bei der bunten Truppe sofort gut aufgehoben. Aber die Stimmung kann schnell kippen: Wenn die Nutzerzahlen in ein paar Monaten nicht stimmen, kehrt Katerstimmung ein. Was die Konkurrenz anbelangt, sehe ich zumindest inhaltlich überhaupt keine Gefahr für tagesanzeiger.ch. Wenn, dann eine technische. Wobei es nach den grossen Tönen im Vorfeld erstaunlich ist, mit wie wenig digitalen und interaktiven Neuerungen Watson gestartet ist. Infografiken? Fehlanzeige. Die einzigen, die ich gesehen habe, wurden mit dem Gratis-Tool infogr.am gebastelt. Auch die Liveticker können kaum mehr als auf anderen Portalen - immerhin sehen sie optisch gut aus. Bei den Leserkommentaren wagt man auch nichts Neues. Und dann ist da noch die Zusammenarbeit mit 'Spiegel Online'. Das bereitete mir etwas Sorgen. Die SPON-Artikel sind nun aber so offensichtlich gekennzeichnet und gut versteckt, dass sie nichts weiter als ein Fenster zum grossen deutschen Online-Portal darstellen."