Wie gut ist der neue "Blick"?

- Einschätzung von zwei Experten.

Die erste Ausgabe des neuen "Blick" ist erschienen. Am Dienstagabend hat Ringier in Oerlikon das rundum erneuerte Boulevardblatt mit Fanfaren und Trompeten präsentiert. Doch was halten Fachleute vom neuen Zeitungskonzept? Und wie wird die Idee aufgenommen, die Abendzeitung "heute" durch einen "Blick am Abend" zu ersetzen? "persoenlich.com" bat mit Le Matin-Chefredaktor Peter Rothenbühler und Aegis-Chef Andy Lehmann zwei Fachleute um Einschätzung.

Peter Rothenbühler, Chefredaktor Le Matin

Die Idee, die Abendzeitung "heute" in den "Blick am Abend" umzuwandeln, halte ich für hervorragend. Denn sie entspricht einer Markenstrategie, welche "Blick" als stärkste Zeitungsmarke der Schweiz etablieren will und zeugt von einem völlig neuen Selbstbewusstsein der "Blick"-Gruppe. Ich fand es stets merkwürdig, dass Ringier versucht hat, mit "heute" eine neue Marke im Markt festzusetzen. Was heisst schon "heute"? Das ist doch keine echte Marke.

Viele werden nun bemängeln, dass sie den "Blick" am Vorabend schon gelesen hätten und die Kaufzeitung am anderen Morgen nicht mehr zu lesen brauchen. Das trifft aber nicht zu. Im Gegenteil. Die Leser werden den ganzen Tag vom "Blick" begleitet. "Blick" muss den besten Internet-Auftritt der Deutschschweiz besitzen, die beste Tageszeitung, die beste Sonntagszeitung und die beste Abendzeitung.

Bis jetzt musste man stets bezahlen, um einen "Blick" zu erhalten. Künftig wird man einen "Blick" auch gratis erhalten. Das hat zur Folge, dass viele neue Leser an die Marke "Blick" herangeführt werden. Wir haben in der Westschweiz mit der Gratiszeitung „Le Matin bleu“ und der Kaufzeitung "Le Matin orange" die Erfahrung gemacht, dass es erstaunlich wenige Doppelleser gibt. Die beiden Zeitungen kommen aber zeitgleich heraus. Wenn aber die beiden Titel wie beim "Blick" zeitverschoben erscheinen, werden viele Leute beide Ausgaben lesen. Wem der kostenlose "Blick" am Abend gefällt, wird ihn am Morgen auch kaufen -- oder dort lesen, wo er die Zeitung gratis erhält.

Den neuen grafischen Auftritt des "Blick" finde ich sehr gelungen. Die neue Aufteilung in Aktualität, People, Service und Sport ist sehr gut. Für eine unnötige Spielerei halte ich jedoch die 69-Stellung vom Sport. Damit sieht der Leser sofort, dass der Sport sehr dünn ist, was zweifellos ein Nachteil ist. Es wäre besser, wenn der Sport in der Zeitung integriert ist. Das Argument, dass man nun für eine Zeitung zwei erhält, haut nicht hin. Hier muss man über die Bücher.

Das neue Layout hat auf dem Papier einen schweren Stand. Der schwarze Hintergrund kommt nicht gleich zur Geltung wie bei einem Magazin. Ein Fragezeichen setze ich auch hinter das TV-Programm, das nicht mehr nach Stationen geordnet ist. Es entspricht sicherlich nicht dem Wunsch des Lesers. Die Rubrik Erotik macht das Blatt zudem billig und nuttig. Dabei will der "Blick" doch jung und urban erscheinen!

Schliesslich frage ich mich nach der Lektüre der ersten Ausgabe, wo die "Blick"-Geschichten, respektive die "Blick"-Schlagzeilen geblieben sind. Letztere sind kürzer geworden, ohne Verb und mit vielen Fragezeichen -- statt einem Ausrufezeichen. Ich erhielt deshalb den Eindruck, die Zeitung macht auf harmlos. Ist dies das Richtige für den "Blick"? Trotzdem: Ich nehme an, dass Chefredaktor Bernhard Weissberg sein Versprechen einhalten wird, weiterhin klassische "Blick"-Kampagnen zu fahren. Es ist stets sehr undankbar für eine Zeitung, wenn sie aufgrund der ersten Ausgabe bewertet wird.

Andy Lehmann, CEO Aegis Schweiz

"Ich halte die Idee eines Gruppentitels mit Tagesblick, Sonntagsblick und nun auch noch einem Abendblick schlichtweg für genial. Denn betrachtet man die Sache aus der Sicht des Markenartikels, gibt es keinen Grund, die Abendzeitung "heute" zu nennen. Es handelt sich dabei um eine klassische Line-Extension. heute ist ja keine Marke, die man noch nicht aufgeben darf. Aber Ringier kann vom bestehenden Vertriebsnetz profitieren sowie auch davon, dass sich die Leute bereits an eine Abendzeitung gewöhnt haben.

Die Lancierung der Abendzeitung war eine gute Idee von Ringier. Das Problem von "heute" aber ist, dass das Blatt handwerklich nicht gut gemacht ist. Man hat es einfach verpasst, die Erwartungshaltung der Leute zu treffen -- auch wenn es gelang, viele Exemplare abzusetzen. Dies muss auch der Führungscrew von Ringier bewusst gewesen sein, sonst würde man die Marke nicht einstellen. Schliesslich hat das Medienhaus eineinhalb Jahre in die Marke investiert.

Der neue "Blick" hat meine Erwartungen vollauf erfüllt. Ringier hat sein Produktversprechen eingelöst -- und das ist schon einmal gut. Der "Blick" sieht so aus wie angekündigt, die versprochenen Bilder sind drin, die Reportage und auch die Girls. So gesehen ist der Start gelungen. Die entscheidende Frage ist aber nun, ob die Leserschaft das neue Produkt akzeptiert. Dem Werbemarkt würde es sehr entgegen kommen, wenn der neue "Blick" tatsächlich mehr Junge und mehr Frauen anspricht. Ich plädiere dafür, dem "Blick" Zeit zu geben. Auch andere Titel wie "20 Minuten" brauchten Jahre bis sie zu Erfolgsprodukten wurden.

(Bearbeitung: David Vonplon)