Wie man Stories weiterdreht

Ex-Blick-Chef - Weissberg erklärt, wie man z. B. die Mörgeli-Affäre weiterspinnt.

Wie geht man als Medium mit einem Megathema wie der Affäre um SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli um? Wie spinnt man die Story weiter? Wie sticht man die Konkurrenz aus? Der ehemalige "Sonntagsblick"-, "Blick"- und "Heute"-Chefredaktor Bernhard Weissberg hält dazu bald ein Seminar. Im Interview mit "persoenlich.com" schneidet er die wichtigsten Punkte schon mal an.

Herr Weissberg, ärgern Sie sich manchmal beim Zeitungslesen, weil viele Ihrer früheren Berufskollegen Chancen ungenutzt lassen?

Ich ärgere mich nicht als ehemaliger Journalist, sondern als Medienkonsument, wenn Journalisten – ob Print, Radio oder TV – nicht hartnäckig genug nachfragen.

Wer beherrscht die Kunst Geschichten weiter zu drehen in der Schweiz?

Der "Blick" ist natürlich Meister dieser Kunst. Das war schon immer so. Leider wird "weiterdrehen" oft mit "Kampagne" gleichgesetzt und so scheuen Nicht-Boulevard-Journalisten oft, eine Serie von Artikeln über das gleiche Thema zu machen. Dabei ist das legitim: Grosse Brocken sind unverdaulich, also muss man sie portionieren.

Bernhard Weissberg, zwischen 2007-2009 "Blick"-Chefredaktor, führt am MAZ ein Seminar zum Thema "Überraschend und anders - So drehe ich Geschichten weiter" durch.

Worin besteht denn diese Kunst?

Einerseits in der Hartnäckigkeit der Recherche: Immer dran bleiben, weiter fragen. Andererseits aber auch, sich zurückzulehnen und zu überlegen, welche Facetten die Geschichte eigentlich auch noch hat, also den Perspektivenwechsel suchen. Meine Erfahrung zeigt, dass wenn man gut überlegt, wo man wen wie fragt, an genug substantielle Informationen rankommt. Zudem sind Journalisten eine Art "privilegierte Bürger": Sie dürfen all die Fragen an all die Leute stellen, an die der Normalo eigentlich nicht rankommt. Wenn man so ein Privileg hat, sollte man es auch nutzen.

Ich weiss, das Thema bringt bei Ringier jeden auf die Palme. Trotzdem muss man es anschneiden: Beherrschen die Deutschen diese Kunst eigentlich besser?

Ja und nein: Ja, weil es einfach mehr Boulevard-Zeitungen in Deutschland gibt als hier, und damit auch mehr versierte Boulevard-Journalisten. Und nein: Ich habe in meinen 20 Jahren bei Ringier viele gute "Weiterdreher" kennengelernt.

Welche aktuelle Geschichte wäre es wert weitergedreht zu werden?

Da gibt es viele. Banalere wie die Mörgeli-Story, die ja weiterdreht. Aber auch substantiellere wie z.B. "Wie sieht der Umbau der Grossbanken wirklich aus?", "Was für konkrete Konsequenzen hat die Energiewende wirklich?" oder dieser unsägliche "Gripen-Kauf".

Wie würden denn Sie die Mörgeli-Story weiterdrehen?

In der Sache dreht die Story ja intensiv. Spannend ist in diesem Fall, dass ein radikaler Staatskritiker sich vom Staat bezahlen lässt und offenbar miserable Arbeit abliefert. Auf der generelleren Ebene wäre spannend, bei wem sonst noch die Schere zwischen Sagen und Handeln so weit auseinandergeht.

Was stört Sie beim Gripen?

Na ja, ich habe selten einen so vernichtenden Bericht über ein Geschäft gelesen und, abgesehen etwa von der "Basler Zeitung" oder dem "Blick", so harmlose Presseberichte. Wäre es ein Geschäft eines anderen Bundesrates, hätte die SVP wahrscheinlich eine PUK gefordert...

Darf man da als Zeitung eigentlich aktiv nachhelfen?

Was heisst nachhelfen? Das passiert in den seltensten Fällen. Viel eher wird von betroffenen Kreisen versucht, Storys zu komponieren und verschiedenen Journalisten zu stecken und zwar so, wie es dem "Lieferanten" passt, siehe der aktuelle Fall Borer/Oligarchen-Kampf. Die Gefahr ist, dass man als Journalist für die eigenen Zwecke missbraucht wird und nicht umgekehrt.

Gibt es Unterschiede in der Behandlung von politischen und gesellschaftlichen, eher "trashigen" Themen?

Nein, ich wollte, dass man alle Themen gleich seriös angeht.

War Peter Uebersax der Meisterdreher oder ist das historische Verklärung?

Peter Uebersax war in seiner Zeit der Meister – der einzige weit und breit. Heute hat es viele Weiterdreher, die Konkurrenz wäre also wesentlich schärfer.

Wenn Sie so genau wissen, wie man Geschichten spinnt, wieso spinnen Sie dann nicht mehr?

Die Arbeit in einer Boulevard-Redaktion ist Hochleistungssport. Das kann man nicht ewig machen. Ich geniesse heute mehr Lebensqualität und ebenso interessante Arbeit, zwar mit weniger Themen, die aber genauso interessant sind. Und nun zeige ich in diesem MAZ-Kurs, wie man systematisch an Storys rangehen und weiterdrehen kann.

Interview: Adrian Schräder