Vergangene Woche war Simon Rogers, Datenjournalist bei "The Guardian", zu Gast in Zürich bei zwei Veranstaltungen der "NZZ". Neben einem öffentlichen Vortrag leitete Rogers am Samstag einen Workshop zum Thema "Data Journalism". Er zeigte auf, wie er bei "The Guardian" mit den immensen Datenmengen von Wikileaks umgegangen ist. Mit dabei war auch Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien der NZZ. Er hat die Veranstaltung zusammen mit Journalist David Bauer organisiert.
Herr Hogenkamp, konsequente und umfassende Auswertung von Daten und deren journalistische Aufbereitung sind vor allem seit Wikileaks ein Thema. Entsteht hier tatsächlich eine neue Art Journalismus?
Was heisst eine neue Art von Journalismus? Waren Infografiken eine neue Art des Journalismus, als USA Today sie populär gemacht hat? Vermutlich nicht, denn es gibt sie schon seit 200 Jahren. Simon Rogers hat in seinem Vortrag am Freitag mit Florence Nightingale und ihrem "Diagram on the Causes of Mortality" (vgl. en.wikipedia.org) begonnen. Auch das Thema Datenvisualisierung ist offenbar älter, als man gemeinhin denkt.
Trotzdem ist in diesem Zusammenhang der Begriff "Data Journalism" neu entstanden.
Neu ist sicherlich daran, dass man den Lesern im Web eine interaktive Grafik oder sogar eine kleine Applikation zur Verfügung stellen kann, die einlädt, sich ein ganz eigenes, individuelles Bild zu machen. Auch das ist nur eine Fortschreibung des Bestehenden, aber es könnte einen entscheidenden Unterschied für den Durchbruch solcher Techniken ausmachen.
Was bleibt Ihnen aus den Gesprächen mit Simon Rogers?
Am beeindruckenden war für mich, dass Rogers bis September praktisch allein war; erst seitdem hat er Unterstützung durch zwei "Researcher". Das hat von hier aus nach deutlich mehr ausgesehen. Offensichtlich ist es deutlich besser, wenn man mal irgendwo anfängt, als dass man lange an einem Konzept arbeitet. Ich vermute allerdings, wenn man nur eine Person hat, dass es hilft, wenn diese sehr gern arbeitet.
Welches Fazit ziehen Sie aus dem Workshop?
Der Workshop hatte mit rund einem Dutzend Teilnehmern offenbar genau die richtige Grösse, so dass diese "hands on" etwas erarbeiten konnten. Ich habe nur positives Feedback gehört, offenbar konnten alle etwas für sich mitnehmen. Es hilft sicher, dass wir mit Simon Rogers einen Referenten hatten, der dieses Thema auch selbst jeden Tag in der Praxis "lebt". Andererseits gibt es ja auch noch gar keine "Nur-Referenten", die das Thema nur aus der Theorie kennen.
Was werden die Teilnehmer umsetzen?
Mehrere haben angedeutet, etwas Konkretes in dieser Richtung unternehmen zu wollen; es wird sich zeigen, was dabei herauskommt. Wir sind froh, wenn wir einen generellen Anstoss geben konnten, um das Thema zu entwickeln.
Was planen Sie bei der "NZZ" in dieser Richtung?
Ich denke, Hauptsache, man legt mal los und sammelt erste Erfahrungen. Klar ist, wir können nicht aus dem Stand ein "Daten-Team" von drei Leuten aus dem Boden stampfen, um das Thema mit grosser Kelle anzurühren. Ich würde es aber auch für falsch halten, deswegen jetzt auf die nächste Budgetphase zu warten, um es dann mit einem Businessplan anzugehen. Vielmehr hoffe ich, dass aus der Teilnahme mehrerer Leute von uns quasi "von unten" etwas entsteht. Und unser neues Team vom "NZZ Lab", das seit dem 1. März vollzählig ist, steht bereit, der Online-Redaktion zu helfen, wenn von dort spontane Ideen kommen.
Ein Beispiel für die grafische Aufbereitung aktueller Daten finden Sie auf www.guardian.co.uk.
Interview: Edith Hollenstein