Der Tages-Anzeiger weist am linken Seeufer jetzt schon eine Marktdurchdringung von 50 Prozent auf. Weshalb die Lancierung eines Regionalausgabe?
Zum einen ist die Stärkung der regionalen Berichterstattung Teil einer Gesamtstrategie. Zum anderen lancieren wir die erste Regionalausgabe am linken Seeufer und im Sihltal, gerade weil wir dort mit 34000 Leserinnen und Lesern schon stark verankert sind. Wir glauben, dass dies eine gute Basis ist, um eine erste Ausgabe zu lancieren und Erfahrungen zu sammeln.
Wie gross schätzen Sie die Chance ein, die neuen Zürichsee-Zeitungs-Miteigentümerin NZZ an der Pfnüselküste ausbremsen zu können?
Wir stehen seit jeher in einer gesunden Konkurrenz mit der Zürichsee-Zeitung. Uns geht es in erster Linie darum, den Tages-Anzeiger für die Einwohner dieses Raums noch attraktiver zu gestalten, indem wir künftig stärker über regionale und lokale Themen informieren. Bisher war dies nur beschränkt möglich. Eltern mit Schulkindern etwa, die sich für die Schulwegsicherung interessieren, fanden bisher im Tages-Anziger kaum Informationen. Hier wollen wir ansetzen.
Der Split wurde in den Medien als Angriff auf die Medienvielfalt in der Region interpretiert. Werden Sie an der Pfnüselküste nicht gegen Ihnen feindlich gesinnte Anzeigenkunden und Leser ankämpfen müssen?
Wir haben in der Region viele Gespräche geführt, um unser Projekt vorzustellen. Dabei erhielten wir sehr vielfältige und erfreuliche Reaktionen. Viele freuen sich über die Stärkung des regionalen Angebots. Andere hingegen nehmen eine eher abwartende Haltung ein, solange sie das Produkt noch nicht gesehen haben.
Warum kommt der Regionalsplit im Tabloid-Format?
Wir haben lange und intensiv darüber nachgedacht, ob wir einen sechsten Bund oder einen Tabloid-Teil machen wollen. Schliesslich haben wir festgestellt, dass das Tabloid-Format von unseren Leser als sehr nützlich beurteilt wird und bei einem entsprechenden Layout der Kompetenzausstrahlung der Zeitung nicht abträglich ist. Überdies besitzen wir dank dem Züritipp eine langjährige Erfahrung mit diesem Format. Für die lokale Berichterstattung ist das Tabloid deshalb von Vorteil, weil es eine klare inhaltliche Strukturierung zulässt. Gerade in der heterogenen Region links vom Zürichsee kommt uns dies entgegen: Wer in Wädenswil wohnt, interessiert kaum, was in Langnau am Albis passiert. Beim Tabloid kommt dem Leser entgegen, dass er sofort findet, wonach er sucht.
Wie wollen Sie verhindern, dass der Tabloid-Teil von der Leserschaft als Fremdkörper wahrgenommen wird?
Auf publizistischer Ebene wollen wir das regionale Leben in all seinen Facetten spiegeln. Zugleich wollen wir auch die Stärken des Tages Anzeigers ausspielen, nämlich Themen zu besetzen, auszuleuchten und dem Leser Hintergründe zu liefern. Bei der Erarbeitung des Layouts, der Länge der Texte etc. haben wir sehr sorgfältig darauf geachtet, dass das Produkt als Teil des Tages Anzeigers wahrgenommen wird.
Wie sieht die thematische Vorgabe aus? Welche Themen wollen Sie besetzen?
Wir erfinden den Lokaljournalismus nicht neu. Wir möchten das lokale Leben in einer Tiefe ausleuchten, wie wir das im Tages Anzeiger bisher nicht tun konnten. Unsere Berichterstattung wird Politik, Wirtschaft und gesellschaftliche Themen umfassen. Im Mittelpunkt werden die Menschen stehen, die diese Region prägen. Eine wichtige Rolle spielt auch der Regionalsport. Hierfür haben wir speziell ein eigenes Team zusammengestellt.
Wird den Leser vom linken Zürichseeufer der Zürich-Bund weiterhin beigelegt?
Ja. Es wird nach wie vor den Bund Zürich und Region geben, dazu wird der lokale Tabloid-Teil der Zeitung beigelegt. Die Region des linken Seeufers und Sihltals wird überdies auch in Zukunft nicht zu einem blinden Fleck im Hauptteil werden. Vielmehr werden die überregionalen Themen wie etwa eine Wädenswiler Spitaldiskussion weiterhin im zweiten Bund stattfinden, können aber jetzt in der Regionalausgabe weiter vertieft und ausgeleuchtet werden. Um Überschneidungen im Blatt zu vermeiden, müssen die einzelnen Dienstpulte sich untereinander absprechen. Wie das Zusammenspiel ausschaut, ist detailliert geregelt
Wie läuft die redaktionelle Organisation zwischen der Redaktion Wädenswil und Zürich ab?
Insgesamt wurden für die Regionalredaktion 12.5 Stellen geschaffen. Zur lokalen Verankerung unterhalten wir zudem einen Stab freier Mitarbeiter, der schon jetzt mehr als 15 Personen umfasst. Als Leiterin des Ressorts Zürich und Region bin ich auch künftig für die Regionalausgabe verantwortlich und werde auch in Wädenswil präsent sein. Dort habe ich Daniel Bach als Teamleiter eingesetzt ein erfahrener Lokaljournalist, der mir unterstellt ist. Auch bei künftigen Lokalredaktionen sollen die Teams jeweils ins Ressort Zürich und Region eingegliedert werden.
Wieviele Anzeigenseiten umfasst die erste Regionalausgabe?
Das Anzeigenvolumen in der ersten Regionalausgabe umfasst sechs Tabloidseiten.
Wir stark kann der Regionalteil über Anzeigen finanziert werden?
Die Regionalausgabe ist kein eigenständiges Produkt, sondern Teil des Gesamtprodukts. Die Investition ist langfristig angelegt und im Zusammenhang mit der Entwicklung des Gesamt-Tages-Anzeigers zu betrachten.
Wagen Sie dennoch das Gedankenspiel: Ein Regionalteil mit eigener Redaktion wird wohl nie selbsttragend sein können...
Kurzfristig ist dies sicher nicht realistisch. Der Verleger des Tages-Anzeigers hat aber immer unterstrichen, dass die Investitionen am linken Zürichseeufer langfristig, auf sieben bis zehn Jahre, ausgerichtet sind.
Gibt es Vorgaben, wie viele Abonnenten Sie in den kommenden Jahren gewinnen sollen?
Wir messen natürlich die Entwicklung der Leserzahlen, aber man darf dies einfach nicht isoliert betrachten. Unser Anliegen ist es, den Tages-Anzeiger als Qualitätszeitung im Raum Zürich noch stärker zu verankern. Diese Strategie steht in Kontrast zu jener der 90er-Jahre, als der Tages-Anzeiger stärker als nationale Zeitung positioniert werden sollte. In den vergangenen Jahren hat eine Rückbesinnung auf den lokalen Markt stattgefunden. Europäische Studien belegen, dass Titel, die regionalisiert wurden, erfolgreicher sind, weil lokale Inhalte durch die neuen Medien schwieriger zu substiutieren sind als andere.
Tages-Anzeiger-Chefredaktor Peter Hartmeier sagte gegenüber persoenlich.com, dass ein Regionalsplit allein nie rentabel sein könne. Wo plant das Haus Tamedia den Aufbau der nächsten Regionalredaktion?
Dazu kann ich ihnen nichts sagen. Wir starten mit der Redaktion in Wädenswil und sammeln erste Erfahrungen. Wo weitere Lokalredaktionen hinzukommen, ist noch nicht festgelegt.