"Wir gerieten sofort an unsere Kapazitätsgrenze"

- Seit Ausbruch der Flutkatastrophe in Südasien hat die Glückskette schon mehr als 45 Millionen Franken an Spendengeldern gesammelt. "persoenlich.com" warf einen Blick hinter die Kulissen des aussergewöhnlichen Sammelsystems der Schweizer Medien und sprach mit Roland Jeanneret, der Stimme der Glückskette, über die herausragende Kommunikationsleistung seiner Institution. Das Interview:

Herr Jeanneret, können Sie in kurzen Worten die wichtigsten kommunikativen Schritte schildern, die die Glückskette unternommen hat, nachdem sie von der Seebeben-Katastrophe vernommen hat?

Die Glückskette hält bei ihren Sammelaktionen normalerweise ein Drehbuch bereit, wie sie bei ihren Kampagnen vorzugehen hat. Im Falle des Seebebens jedoch ist alles ganz anders abgelaufen: Als ich am 26. Dezember um acht Uhr die Meldung des Seebebens vernommen habe, konnte ich annehmen, dass einiges auf uns zukommen wird. Ich habe anschliessend mit der Direktion der Glückskette über die weiteren Schritte beraten, um zehn Uhr haben wir mit den verantwortlichen Personen der Hilfswerke Kontakt aufgenommen und bereits um elf Uhr haben wir -- nachdem der Generaldirektor der SRG Armin Walpen sein Einverständnis gegeben hatte -- ein Spendenkonto eröffnet. Um zwölf Uhr wurde in den Mittagsnachrichten über unsere Sammelaktion berichtet, schon um 12.03 Uhr ging die erste Online-Spende ein. Seither haben allein über Internet rund 65'000 Personen für die Glückskette gespendet. Dieses Vorgehen war kein Musterbeispiel einer beabsichtigten, aktiven Kommunikationsstrategie, sondern vielmehr einer typischen Reaktionskommunikation.

Was waren die grössten kommunikativen Probleme bei der Sammelaktion zur Flutwellen-Katasrophe?

Da die Poststellen am Tag der Katastrophe geschlossen hatten, waren wir gezwungen, den Spendenfluss alleine im Internet zu bewältigen. Abgesehen von temporären Serverüberlastungen hatte diese Akzentuierung zur Folge, dass uns eine riesige E-Mail-Flut überschwemmte. Mit einem beschränkten Personalbestand -- bei der deutschschweizer Glückskette arbeiten lediglich drei Personen in der Kommunikation -- war dieser Aufwand kaum zu schaffen und bleibt nach wie vor eines unserer grössten Probleme. Zugleich wurde die Post bei ihrer Eröffnung von Tausenden von Spendern überrannt. Schon nach wenigen Tagen gingen die Einzahlungsscheine aus. Sie sehen, wenn dermassen viele Aufrufe eingehen, gerät man sofort an die Kapazitätsgrenze. Natürlich sind wir auf Katastrophen eingerichtet, aber die Dimension des Seebebens hat uns alle überrascht.

Wie beschafft sich die Glückskette Informationen aus dem Krisengebiet?

Hierbei spielt die Medienkommission, in welcher Kommunikationsfachleute der Glückskette und der Hilfswerke einsitzen, die wichtigste Rolle. Alle zwei Tage führt dieses ständige Gremium eine Telefonkonferenz durch, laufend wird aufdatiert, wie die Hilfe vor Ort koordiniert wird und wo welche Hilfsgüter benötigt werden. Zugleich verfügen wir über enge Verbindungen zum DEZA, der staatlichen Entwicklungshilfe.

Wie eng arbeiten Sie mit den Medien zusammen?

Die Glückskette ist ein Medien-Sammelsystem. Die Glückskette funktioniert nur, wenn die Medien erstens über das Ereignis berichten und uns zweitens bei der Spendenaktion begleiten.

Wie funktionierte diese Zusammenarbeit?

Die Kooperation klappt hervorragend. Wir beliefern täglich zwischen zehn und 25 Privatradios mit Informationen. Daneben berichten unsere eigenen Medien der SRG stündlich über uns. Alleine heute waren vier TV-Teams im Haus. Zugleich wird derzeit eine Unmenge von Veranstaltungen für die Glückskette organisiert. Das Angebot reicht vom Coiffeursalon, der einen Spendenzuschlag für uns reserviert, über das Glückskettentram, das mit dem Gemeinderat in Bern seine Runden dreht, bis hin zum Restaurant, das mit ihren angestellten Tamilen für uns kocht. All dies können wir nicht alleine bewältigen und sind deshalb auf Medienpartnerschaften angewiesen. So listet etwa der Blick unsere Veranstaltungen auf drei Seiten auf, die Gratiszeitschrift 20 Minuten erscheint am Mittwoch in einem Sonderumschlag für die Glückskette. Sie sehen, die Medienunterstützung reicht weit über die Berichterstattung hinaus. Die Glückskette wird von den Medien aktiv mitgetragen.

Wie stellten sie diese Kontakte so rasch her?

Wenn die Katastrophe hier ist, sind Verhandlungen nicht mehr möglich. Die Situation ist vergleichbar mit dem Tennisspiel am Netz: Jene Bälle, die man erreicht, spielt man, die anderen muss man durchlassen. Unsere Kontakte zu den Medien haben wir deshalb schon lange zuvor eingefädelt. Wir verfügen schon seit zwei Jahren über Zusammenarbeitsverträge mit den Privatradios, die Verhandlungen mit Blick und 20 Minuten wurden schon viel früher geführt. Zugleich regelten wir in Gesprächen mit dem Verlegerverband "Schweizer Presse“, wie man uns im Katastrophenfall unterstützen kann. Die hervorragende Zusammenarbeit liefert uns die Bestätigung für die geleistete Arbeit während des ganzen Jahres.

Sie sind in der Deutschschweiz die personifizierte Stimme der Glückskette, man kennt Sie. Wie wichtig ist es für den Erfolg der Spendenaktion, dass die Sammlung an einer Person aufgehängt wird?

Wir gingen eigentlich davon aus, dass die persönliche Glaubwürdigkeit der Exponenten, die in der Öffentlichkeit stehen, wichtig ist. Deshalb stellen wir die Personen und nicht die Institution in den Vordergrund. Allerdings hat eine Publikumsumfrage ergeben, dass die Bevölkerung den Einzelpersonen kaum Wichtigkeit beimisst. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer irgendwo dazwischen.

Gibt es Parallelen zwischen ihrem früheren Beruf als Journalist und dem heutigen als Spendensammler?

In meinem Eigenverständnis bin ich immer noch Journalist. Die Glückskette bedeutet für mich bloss eine weitere Dimension meiner journalistischen Tätigkeit. Ein Journalist macht durch seine Berichte und Kommentare betroffen, lässt jedoch die Leser mit seiner Ohnmacht zumeist allein. Indem ich in meiner Funktion Solidarität erzeugen kann, schliesse ich die Arbeit ab, welche die Journalisten angefangen haben.