"Wir haben fast alles richtig gemacht"

- Nach dem Aus für Cash folgt nun auch das Aus für Facts: Am Mittwochabend gab der Medienkonzern Tamedia bekannt, dass das Nachrichtenmagazin eingestellt wird. 64 Personen verlieren ihren Job. "Wir können dem Redaktions- und Verlagsteam nichts vorwerfen", sagt Tamedia-Konzernchef Martin Kall im Interview mit "persoenlich.com". Im dicht besetzten Markt der Wochenpublikationen habe Facts nicht an andere Titel herankommen könnnen.

Herr Kall, Sie haben an der Tamedia-Jahresmedienkonferenz im März noch erklärt, dass Sie Facts Zeit geben wollen. Nun stellen Sie das Magazin trotzdem schon ein. Weshalb?

Voraussetzung für die Weiterführung von Facts war stets, dass wir eine Möglichkeit sahen, Facts längerfristig auf eine wirtschaftlich tragfähige Basis zu stellen. Aufgrund der Ergebnisse der ersten Monate des laufenden Jahres sind wir zur Überzeugung gelangt, dass diese Perspektive für Facts nicht gegeben ist. Dies unbesehen davon, dass wir im Leser- und Werbemarkt eine Stabilisierung erreicht haben.

Facts erreicht über 400'000 Leser. Reichte das nicht, um zu bestehen?

Um die Zukunft von Facts zu sichern, hätte der Titel mittelfristig 550'000 bis 600'000 Leserinnen und Leser erreichen müssen. Das hätte uns die Basis gegeben, den Titel nachhaltig zu finanzieren. Dieses Ziel stand schon beim Relaunch fest.

Welche Fehler müssen Sie sich vorwerfen?

Wir haben fast alles richtig gemacht -- und das meine ich nicht ironisch. In den Monaten seit dem Relaunch hatten wir immer stärker den Eindruck, dass wir sowohl in der Redaktion als auch im Verlag die richtigen Leute beschäftigen und das Team eine hervorragende Arbeit macht. Eine Steigerung war kaum mehr möglich.

Trotzdem ist Facts gescheitert...

Die Schweiz hat einen der am dichtest besetzten Märkte für Wochenpublikationen überhaupt mit einer Vielzahl sehr gut gemachter Medientitel. Nehmen Sie etwa die Sonntagszeitung oder Das Magazin. Beide Titel haben die Leserschaft kontinuierlich gesteigert, Das Magazin kommt derzeit auf über 600'000 Leser, die SonntagsZeitung auf 800'000. Das ist der Massstab, an dem Facts gemessen wird -- und daran konnte Facts, das am Donnerstag erscheint, nicht herankommen. Dem Redaktions- und Verlagsteams können wir nichts vorwerfen. Diese Mitarbeitenden haben eine sehr, sehr gute Arbeit geleistet.

Obwohl Facts ums Überleben kämpfte, setzten Sie mit Andreas Durisch eine Person an die Spitze der Redaktion, die zugleich auch noch die Chefredaktion der SonntagsZeitung bestritt. Im Nachhinein ein Fehler?

Eine Doppelfunktion ist in gewisser Weise immer eine Kompromisslösung. Aber wir waren überzeugt, dass sie funktioniert. Denn wir wussten, dass wir mit Durisch den besten Fachmann im Markt verpflichten konnten. Und in der Tat hat Durisch dem Titel die Dynamik gegeben, die wir uns gewünscht haben. An der Leistung der Redaktion ist Facts letzten Endes damit nicht gescheitert. Das Team hat eine grosse Leistung vollbracht. Deshalb möchte ich hier auch ein grosses Dankeschön an alle richten.

Mit der Einstellung von Facts gehen 53 Vollzeitstellen verloren. Wieviele Journalisten können bei Tamedia bleiben?

Wichtig ist, dass sich bislang erst der Verwaltungsrat und die Unternehmensleitung für die Einstellung entschieden haben. Der Beschluss steht jedoch unter dem Vorbehalt der Mitwirkungsrechte der betroffenen Mitarbeitenden. Sie haben nun die Möglichkeit, Vorschläge zu machen, wie die Schliessung noch abgewendet oder die Folgen gemildert werden können. Erst dann werden die Kündigungen ausgesprochen. Wir werden dabei alles Mögliche tun, um möglichst viele Mitarbeitende weiter zu beschäftigen. Bei Tamedia gibt es neue Projekte, die im Laufe des Jahres spruchreif werden. Passt es von beiden Seiten, wollen wir Mitarbeitende von Facts für diese Projekte gewinnen. Wichtig aber ist vor allem, dass wir allen Mitarbeitenden helfen können, möglichst rasch eine spannende neue Perspektive zu finden.

Der Spiegel hatte im Hinblick auf eine Schweizer Splitausgabe Interesse an einer Zusammenarbeit mit Facts. Weshalb sind die Verhandlungen gescheitert?

Wir haben mit dem Spiegel über eine Split-Ausgabe für die Schweiz diskutiert. Nach intensiven Gesprächen sind wir jedoch gemeinsam zum Schluss gekommen, dass ein Split wirtschaftlich nicht tragfähig ist. Weshalb das so ist, kann ich leider nicht offen legen, weil wir uns an die mit dem Spiegel vereinbarte Vertraulichkeit halten.

Gab es auch andere Interessenten?

Nach dem wir nach zwölf Jahre festgestellt haben, dass wir es alleine nicht schaffen, haben wir in den vergangenen Monaten jede vernünftige andere Option geprüft. Dabei haben wir mit verschiedenen möglichen Partnern gesprochen. Aber keines der Gespräche führte letztlich zum Erfolg. Hätten wir nicht alles versucht, wäre es unverantwortlich gewesen, diesen Entscheid zu treffen.

Welche Konsequenzen hat das Aus von Facts auf die anderen Zeitschriftentitel der Tamedia?

Keine. Ausser dass wir im Herbst eine neue Verlagsstruktur einführen, mit der wir wieder zur früheren Verlagsleiterstruktur zurückkehren werden. Uns wurde immer wieder vorgeworfen, wir hätten keine Fortune mit unseren Zeitschriften. Heute jedoch haben wir viel Freude an unseren Titeln: Annabelle, Schweizer Familie genauso wie TV täglich sind sehr erfolgreich unterwegs. Die Einstellung von Facts ist sicher ein Rückschlag -- der aber auch Energien frei setzen wird. In den letzten Jahren haben wir uns voll auf Facts konzentriert. Nach dem Sommer werden wir die Möglichkeit haben, wieder in die Zukunft zu schauen und Ideen für Neulancierungen im Zeitschriftenbereich zu prüfen.

(Interview: David Vonplon)

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