Herr Wettstein, Schönheitschirurg Meyer-Fürst sagt im Interview mit dem Blick, er habe die Ausstrahlung der Bilder verboten -- trotzdem strahlte SF den Beitrag aus. Weshalb?
Wir setzen die versteckte Kamera sehr selten ein und wenn, dann nur ganz bewusst. Im besagten Beitrag hatten wir gute Gründe, um verdeckte Aufnahmen zu machen: Wir wollten dokumentieren, wie der Schönheitschirurg Peter Meyer-Fürst arbeitet, da wir immer wieder Hinweise erhalten haben, dass Frauen mit seiner Arbeit unzufrieden sind und er sie schlecht behandelt. Die Beweisführung war nur mit der versteckter Kamera möglich. Der Besuch bei ihm war keineswegs darauf ausgerichtet, ihm eine Falle zu stellen, um ihn der sexuellen Belästigung zu überführen.
Der Einsatz der versteckten Kamera ist aus juristischer Sicht gesehen äusserst umstritten.
Peter Meyer-Fürst ist ein bekannter Schönheitschirurg, eine Person von öffentlichem Interesse. Der Kassensturz wollte wissen: Was ist dran an den Vorwürfen, wie arbeitet Peter Meyer-Fürst? Die einzige Möglichkeit, unverfälscht zu dokumentieren, wie er arbeitet, war die versteckte Kamera. Nur so konnten wir eine saubere Beweisführung erreichen.
"Die verdeckte Recherche ist in der Regel nicht erlaubt", sagt Rechtsexperte Bruno Glaus gegenüber persoenlich.com. Gingen Sie mit dem Beitrag nicht zu weit?
Wir haben den Einsatz der versteckten Kamera sorgfältig überprüft. Zusammen mit Chefredaktor Ueli Haldimann und unserem Rechtskonsulenten haben wir entschieden, in diesem Fall mit versteckter Kamera zu arbeiten. Ebenso haben wir sorgfältig abgewogen, ob wir die Aufnahmen zeigen sollen. Wir haben uns dafür entschieden.
Weshalb?
Erstens: Die einzige Möglichkeit, dem Zuschauer vor Augen zu führen, wie Meyer-Fürst Jessica de Fillipis behandelt hat, war, diese Bilder zu zeigen. Der Zuschauer sieht ja im Beitrag, dass die medizinische Aufklärung nicht über alle Zweifel erhaben ist. Letztlich wollen wir dem Zuschauer einfach zeigen, was wirklich passiert ist. Nur so konnten sich die Zuschauer eine eigene Meinung bilden. Zweitens: Meyer-Fürst ist ein bekannter Chirurg, das Interesse der Öffentlichkeit an ihm ist gross. Kommt dazu, dass das Thema Gesundheit sehr wichtig ist und darum einer stärkeren öffentlichen Beobachtung unterliegt. Und drittens, der Warneffekt: Die Zuschauer sollen wissen, wie der Chirurg heisst, der seine Patientinnen ungenügend aufklärt, sofort eine Operationsvollmacht verlangt, ohne ihr Bedenkzeit zu geben und seine Operationen ab und zu schief laufen.
Der "Kassensturz"-Beitrag sagt nicht nur, Meyer-Fürst sei ein schlechter Arzt; er suggeriert auch, dass der prominente Chirurg ein Grabscher ist.
Uns ist aufgefallen, dass Meyer-Fürst der Miss Argovia Jessica de Filippis oft an die Brüste fasst. Wir haben aber nicht gesagt, dass ein sexueller Übergriff stattgefunden hat. Nicht nur wir, auch Ärzte haben uns gesagt, dass sie die Untersuchung seltsam fanden. Dazu kommt, dass sich de Filippi sehr unwohl gefühlt hat. Es ist klar, wann sexuelle Belästigung beginnt, liegt lange im Graubereich.
Die Miss Argovia wurde vom "Kassensturz" zu Meyer-Fürst geschickt. Da ist ihre Aussage doch nicht glaubwürdig.
Wir haben die junge Frau sicherlich nicht zu dieser Aussage gezwungen. Tatsache ist auch, dass sich bei uns wie auch bei den Patientenorganisationen mehrere Frauen über Meyer-Fürst beschwert haben, weil er ihnen zu nahe gekommen sei.
Neben de Filippi lassen Sie Vera Dillier sagen, dass sie belästigt wurde. Auch sie ist befangen, da sie Meyer-Fürst seit langem kennt.
Dillier hat vor Jahren als Zeugin gegen Meyer-Fürst ausgesagt. Das ist aktenkundig.
Trotzdem: Steht diese Argumentation -- bei einem so schweren Vorwurf wie sexuelle Belästigung -- nicht auf allzu wackligen Beinen?
Es ist nun mal so, dass Frauen nicht gerne auftreten und der Öffentlichkeit sagen, ich wurde sexuell belästigt. Aber sowohl wir wie auch die Patientenorganisationen kennen die Namen von Frauen, die sich von Meyer-Fürst belästigt fühlten. Aber mir ist bewusst, dass das Thema heikel ist. Was ein sexueller Übergriff ist, liegt in einer Grauzone. Aber noch einmal: Wir haben nicht gesagt, dass Meyer-Fürst einen sexuellen Übergriff begangen hat.
Meyer-Fürst wirft Ihnen im Blick vor, die Bilder schneller abgespielt zu haben.
Das ist Quatsch. Natürlich haben wir die Aufnahmen geschnitten, aber die Geschwindigkeit wurde nicht verändert.
Meyer-Fürst behauptet ebenfalls, es gebe eine Vereinbarung aus dem Jahre 1997, welche es dem Schweizer Fernsehen verbiete, Beiträge über ihn zu bringen.
Das ist falsch. In einer tatsächlich vorliegenden Vereinbarung heisst es, dass wir berichten dürfen, wenn der Beitrag von seiner beruflicher Tätigkeit handelt, oder wenn ein Strafverfahren läuft. Beide Bedingungen sind derzeit erfüllt.
Ist der Beitrag ein Zeugnis davon, dass der Kassensturz reisserischer werden will?
Nein, gar nicht. Wir haben in den letzten Monaten über Themen wie das Cassis-de-Dijon-Prinzip, über Parallelimporte und deren Beziehung zu den Medikamentenpreisen bis hin zum Umwandlungssatz von Pensionskassen berichtet. Harte, recherchierte Hintergrundgeschichten. Klar ist aber, dass auch Opfergeschichten zu unserem Konzept gehören und wir nahe an den Menschen sein wollen.
Befürchten Sie nicht, dass der "Kassensturz" mit solchen Beiträgen sein eigentliches gutes Image kaputt ramponiert?
Wichtig ist, dass es uns nicht in erster Linie um eine Boulevardgeschichte ging. Um es aber noch einmal klarzustellen: Wir platzieren diesen Vorwurf nicht aus heiterhellem Himmel. Wir haben ganz seriös über die Arbeit von Meyer-Fürst berichtet und uns die Geschichte nicht aus den Fingern gesaugt.