Frau Rufer, der Film "Tod nach Plan - André, psychisch krank und lebensmüde" bewegte die Gemüter bereits vor der gestrigen Ausstrahlung. Verstehen Sie die Aufregung?
Ich verstehe die Aufregung insofern, als dass Tod und Freitod bei uns ein Tabuthema sind. Ich glaube, die Diskussion um den ganzen Film zeigt, wie emotional die ganze Diskussion verläuft.
Aber ist es statthaft, einen psychisch kranken Menschen wie André Rieder für ein solches Filmexperiment zu gebrauchen?
Das war kein Filmexperiment. André Rieder war manisch-depressiv und hat uns selbst kontaktiert, ob wir einen Film über seinen Freitod machen wollen. Wir hatten also sein vollstes Einverständnis. Wir haben in unserer Redaktion lange diskutiert, ob ein solcher Film überhaupt statthaft ist. Ich glaube aber, dass die ganze Sterbehilfediskussion ein enorm wichtiges Thema ist, das viele Leute bewegt und auch betrifft. Die Schweiz hat eine hohe Selbstmordrate, eine der höchsten Europas. Sterbehilfe ist bei uns erlaubt, dies im Gegensatz zu vielen andern Ländern. Die politische Diskussion ist im Gange. Unser Film zeigt auch, dass man sehr viele Instanzen benötigt, bis Exit zum Zuge kommt. André Rieder konnte drei Gutachten vorweisen, die seinen Todeswillen beweisen sollen. Normalerweise benötigt man nur deren zwei.
Trotzdem: War André Rieder überhaupt urteilsfähig?
André Rieder wusste trotz seiner Medikamente ganz genau, was er tat. Er war Mediziner.
Pfarrer Ernst Sieber meinte im "Blick", man hätte dem lebensmüden Mann lieber geholfen, als ihn bis zu seinem Ende zu filmen.
Klar, will man, dass jemand lebt und nicht stirbt. Filmautor Hanspeter Bäni fragte auch bei André Rieder auch mehrmals nach, ob er nicht lieber am Leben bleiben will, worauf dieser verneint. Es kommt ganz klar hervor, dass André Rieder sterben will. Er hatte auch einen Beweggrund, er traute sich selbst nicht mehr über den Weg. In einer manischen Phase hat er einen Freund attackiert und will mit dem Freitod vermeiden, dass dies ein zweites Mal passiert. Er weiss, dass seine Krankheit mächtiger ist als er selbst.
Was will er mit diesem Film bewirken?
In diesem Punkt muss ich spekulieren. Möglicherweise wollte André Rieder der Nachwelt nochmals erklären, warum er sterben wollte.
Wer war beim Drehen dabei?
Nur Hanspeter Bäni, der Macher des Filmes. Er agierte als Videojournalist.
Ein Vorwurf lautet, dass durch solche Filme Nachahmer angeregt würden.
Der Film zeigt, wieviel es braucht, bis man mit Hilfe von Exit so weit kommt... Nächste Woche zeigen wir den eindrücklichen Film "Dein Schmerz ist auch mein Schmerz", in welchem Dok-Autorin Marianne Pletscher ihre eigene Trauer-Geschichte aufarbeitet. Vor rund drei Jahren verlor sie ihren Lebensgefährten - auch er hat sich selbst getötet.
Wie stehen Sie selbst zur Sterbehilfe?
Ich finde diese Frage extrem schwierig, deswegen kann ich sie auch nicht beantworten. Vielleicht ist es tröstlich, wenn man in seinem Sterben begleitet wird.
Gibt es für Sie eine moralische Grenze bei einem Dokfilm und wo liegt diese?
Selbstverständlich gibt es diese Grenze. Wir zeigen in unserem Film den ganzen Sterbevorgang nicht. In jenem Moment, in dem André Rieder das Sterbehaus betritt, endet auch die Reportage.
Interview: Matthias Ackeret