"Wir haben nicht die Absicht, weitere Titel zu verkaufen"

- Gerhart Isler, Teilhaber der Jean-Frey im Interview.

Herr Isler, vor einigen Wochen haben Sie die Aktienmehrheit der Weltwoche an den Journalisten Roger Köppel verkauft, der dadurch neuer Verleger wird. Warum haben Sie dies getan?

Es ist in der Schweiz sehr schwierig, einen Chefredaktor zu finden, der die Weltwoche so führt, wie sie geführt werden muss. Jürg Wildberger, den ich als hervorragenden Journalisten schätze, machte den Fehler, sich politisch zu wenig auf einen Kurs festzulegen, wobei die alten Grabenkämpfe erneut aufgebrochen sind. Stattdessen versuchte er, die gesamte Redaktion unter einen Hut zu bringen. Die Weltwoche war schon immer ein latenter Konfliktherd und kein Ort der Idylle; eine gut gemachte Weltwoche sollte aufrütteln, provozieren und darf keineswegs im Mainstream liegen. In den letzten Monaten war das Blatt viel zu harmonisch. Mit dem Verkauf an Köppel haben wir ein Zeichen gesetzt. Die Weltwoche fährt in Zukunft wieder einen wirtschaftsliberalen Kurs. Dadurch wollen wir auch ein Zeichen gegen den Einheitsbrei setzen, der in der Schweiz trotz Medienvielfalt herrscht.

Warum sollte Roger Köppel die Zeitung später nicht an einen anderen Verlag verkaufen?

Das wird er sicher nicht tun. Köppel hat sich mit seinem ganzen Hab und Gut bei der Weltwoche engagiert und wird sich -- in der Tradition der grossen Verleger -- auch publizistisch bemerkbar machen. Roger Köppel hat seine Rückkehr zur Weltwoche von einer finanziellen Beteiligung abhängig gemacht. Er wollte schon immer unternehmerisch tätig sein. Ich ziehe den Hut vor dieser Absicht. Wer unternehmerisch tätig ist, engagiert sich mit ganzer Kraft für eine Sache. Deswegen ist Köppels Schritt richtig. Wir brauchen in der Schweiz wieder mehr Feu sacré und auch mehr Unternehmertum, um grosse Projekte durchzuziehen. Die ganze McKinsey-Mentalität, die vielerorts vorherrscht, ist auf lange Sicht tödlich. Störend ist nur, dass Köppels Engagement bereits vor seinem Start von allen Seiten kritisiert wird. Diese engstirnige Haltung entspricht unserer Mentalität. Trotzdem sollte man Köppel an seinen Taten und nicht an den Spekulationen messen, die momentan herumgereicht werden. Ich mag dieses Gerede über SVP- und Blocher-Nähe nicht mehr hören.

Köppel musste für diesen Kauf sehr viel Geld aufnehmen. Begibt er sich dadurch gegenüber den viel potenteren Minderheitsaktionären nicht in ein Abhängigkeitsverhältnis?

Jeder Unternehmer, der sein ganzes Geld investiert hat, steht in einem Abhängigkeitsverhältnis. Dies unterscheidet ihn auch vom Manager, der jederzeit seine Tätigkeit wechseln kann. Diesen Druck habe ich als Verleger der Finanz und Wirtschaft tagtäglich gespürt.

Aber Sie waren im Gegensatz zu Roger Köppel niemals verschuldet.

Auch mein Vater musste sich, als er Verleger wurde, fürchterlich verschulden. Darum war es mein erstes Ziel, als ich ans Ruder kam, diesen Schuldenberg so schnell wie möglich abzubauen. Vielerorts wurden wir für diese konservative Haltung belächelt. Doch die Entwicklung gab mir Recht: Anfang der Neunzigerjahre stiegen die Zinsen massiv an, was uns in eine schwierige Situation gebracht hätte. Ich bin überzeugt, dass Herr Köppel alles unternehmen wird, um so schnell wie möglich schwarze Zahlen zu schreiben. Ich glaube auch, dass dies möglich ist.

Markus Gisler hat in der SonntagsZeitung geschrieben, dass es sich beim ganzen Verkauf um eine Schenkung handeln würde.

Ich kenne Markus Gisler schon sehr lange, und wir haben früher sogar einmal zusammengearbeitet. Obwohl ich den Kommentar nicht gelesen habe, kann ich diese Behauptung ganz klar dementieren: 'Lieber Markus, diese Geschichte ist definitiv falsch.'

Nochmals ein Wort zum Jean-Frey-Verlag. Durch den Verkauf des Filetstücks Weltwoche dürften die anderen Titel des Jean-Frey-Verlags deutlich an Wert verloren haben.

Das ist mir viel zu salopp formuliert. Gegenfrage: Warum sollen die anderen Zeitschriften an Wert verloren haben? Betrachtet man es finanztechnisch, so haben wir ausgerechnet jenen Titel, der beim Jean-Frey-Verlag rote Zahlen geschrieben hat, nämlich die Weltwoche, abgestossen. Die drei anderen Zeitschriften Bilanz, Beobachter und TV-Star rentieren hingegen.

Trotzdem ist das Vorzeigeobjekt des Verlags weg.

Jetzt tun Sie den drei andern Titeln, die wir herausbringen, Unrecht. Der Beobachter ist mit einer Million Leser immer noch eine feste Institution in der Schweizer Presselandschaft. Aber auch die Bilanz und TV-Star verfügen in ihren Märkten über eine starke Stellung und sind hervorragende Produkte. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn wir mit Roger Köppel keine Lösung gefunden hätten.

Welche Zeitschrift Ihres Verlags wird es in Zukunft am schwierigsten haben?

Für mich ist es die Zeitschrift TV-Star. Ich glaube, das Medium Fernsehen wird in den nächsten fünf Jahren viel von seiner jetzigen Stellung verlieren. Dies zeigen auch die deutlichen Rückgänge der Werbeeinnahmen, welche die SRG im ersten halben Jahr hinnehmen musste. Fernsehen ist heute meist die bare Verblödung! Wenn man um sechs Uhr abends den Apparat einstellt, bekommt man einen Schreikrampf. Entweder werden langweilige amerikanische Soaps ausgestrahlt, oder es wird einem Mord, Sex und Totschlag präsentiert. Im Gegensatz zum Fernsehen glaube ich, dass langfristig das Medium Radio aufgrund seiner günstigen Kostenstruktur zu den Gewinnern gehören wird.

Aber sind drei Titel nicht zu wenig, um einen eigenständigen Verlag zu führen? Diese Diskussion hörte man bereits, als der Jean-Frey-Verlag noch über vier Titel verfügte.

Wieso soll der Jean-Frey-Verlag zu klein sein, wenn er nach der Tamedia die zweithöchste Rendite erzielt? Allen drei Titeln geht es gut. Mit dem Beobachter kann man immer noch gutes Geld verdienen, aber auch die Bilanz konnte dank des neuen Erscheinungsbilds und des zweiwöchentlichen Rhythmus deutlich zulegen. Als Verleger darf man nicht den Fehler machen und alles der Gewinnoptimierung unterordnen. Eine solche Haltung führt zur Verflachung der Produkte und direkt in den Mainstreamjournalismus. Eine gute Zeitung benötigt ein Ziel und muss auch etwas Messianisches haben. Kurzfristiges Denken ist in dieser Branche schädlich. Alle grossen Zeitungen der Welt hatten ihre Ups and downs.

Das heisst, den Jean-Frey-Verlag wird es in dieser Form in fünf Jahren auch noch geben?

Was in fünf Jahren ist, weiss niemand. Wir haben jedenfalls keineswegs die Absicht, in nächster Zeit weitere Titel zu verkaufen. Dies wäre widersinnig, weil die verbleibenden Titel, wie ich bereits ausgeführt habe, absolut problemlos funktionieren. Lediglich die Weltwoche ist durch die Anhäufung blöder Zufälle in diesen schwierigen Rank geraten. Doch nun geht es aufwärts. Ich jedenfalls habe für diese Lösung sehr viele positive Mails und Rückmeldungen erhalten.

Wie stellt sich der Jean-Frey-Verlag zu den Wirren um die Swissfirst-Bank, zu der Ihr Verlag bekanntlich enge Beziehung pflegt beziehungsweise pflegte?

Weder ich -- ich kenne Herrn Matter kaum -- noch unser Verlag pflegt meines Wissens enge Beziehungen zur Swissfirst. Wir 'pflegen' gar keine Beziehungen.