"Wir haben werbewirtschaftlich eine interessante Leserstruktur"

- Weder beissende Kälte noch Katzenhagel nehmen dem hartgesottenen "Surprise"-Verkäufer die Motivation. Im Gegenteil, die kalte Jahreszeit kommt dem Geschäft sogar zugute: Das Strassenmagazin verkauft sich im Advent mit 34'000 Exemplaren besoners gut. Während die Verkäufer dem Heft ein Gesicht geben, kümmert sich die Redaktion um gesellschaftskritische Inhalte von Qualität. persoenlich.com sprach mit der Redaktorin Diana Frei über das "Surprise"-Geschäftsmodell und die neue nicht-weihnachtlich-weihnachtliche Ausgabe mit Paulo Coelho, Sibylle Berg und Dieter Meier. Das Interview:

Frau Frei, verkauft sich das 'Surprise' in der Adventszeit besser, wo die Menschen bekanntlich spendabler und mitfühlender sind?

Ja, wir gehen im Dezember immer mit einer höheren Auflage auf die Strasse und konzipieren für die Advents-, Weihnachtszeit und den Jahreswechsel jeweils eine Sondernummer, von der wir hoffen, dass sie die Passanten besonders anspricht. Das Weihnachtsheft vom 14. Dezember erscheint in einer Auflage von 34'300 Exemplaren. Es wird während drei Wochen verkauft. Unsere durchschnittliche Auflage liegt sonst aber bei 15'000 pro Heft, das alle zwei Wochen herauskommt.

Ihr Heft ist ein Strassenmagazin, das zugunsten von sozial Benachteiligten Menschen arbeitet. Können Sie uns in ein paar Worten das 'Surprise'-Modell erklären?

Das Modell ist so einfach und niederschwellig wie möglich: Die Verkaufenden nehmen so viele Hefte, wie sie wollen, in Kommission, und verkaufen sie weiter, zu 6 Franken pro Stück. Die Hälfte des Verkaufspreises – abzüglich der Sozialleistungen, die wir übernehmen – geht an sie. Im Vergleich zu vielen anderen sozialen Unterstützungsmassnahmen kostet das Modell die Sozialhilfe keinen Rappen.

Ist dieses Modell krisenresistent?

Es ist natürlich alles andere als krisenresistent. Wir sind als soziale Institution auf Spenden angewiesen und stehen immer wieder einmal auf wackligen Füssen. Aber immerhin überlebt Surprise seit unterdessen 15 Jahren.

Und wie ist 'Surprise' entstanden?

Eine Gruppe von Arbeitslosen wollte sich eine sinnvolle Beschäftigung geben und hat angefangen, selber eine Zeitung zu schreiben und zu publizieren. Zuerst hiess das Produkt 'Stempelkissen', und alle haben alles gemacht. Nach zwei Jahren war die Nachfrage bereits so gross, dass sich die Leute strukturell organisieren mussten. Aus dieser neuen Struktur heraus entstand 'Surprise'.

Manche Nicht-Leser des 'Surprise' denken noch heute, die Verkäufer seien auch die Autoren. Wer steckt hinter den Texten?

Die Redaktion besteht aus vier fixen Redaktoren und ca. 20 freien journalistischen Mitarbeitern.

Das ganze ohne Chefredaktor bzw. Chefredaktorin?

Genau. Das Teammodell wird von der Geschäftsleitung und vom Vorstand des Gesamtbetriebs 'Surprise' favorisiert. Da wir eine nur vierköpfige Redaktion mit Teilzeitpensen sind, können flache Hierarchien sinnvoll sein. So kann jeder einzelne ein Heft von der Konzeption bis zur Abschlussredaktion vollständig betreuen. Die Gesamtverantwortung teilen wir uns Heft für Heft im Team auf.

Unter den freien Mitarbeitern befinden sich einige bekannte Namen.

Ja, darunter sind Leute wie Christof Moser, Bundeshausredaktor und Medienjournalist beim 'Sonntag' oder Redaktoren, die auch für Zeitungen wie den 'Bund' oder die 'WoZ' unterwegs sind. Für die Kolumnen haben wir Persönlichkeiten wie Carlo Knöpfel, promovierter Sozialwissenschaftler und früheres Geschäftsleitungsmitglied von Caritas Schweiz und der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) oder den Zürcher Krimiautoren Stephan Pörtner.

Wie sieht es bei Ihnen mit Journalistennachwuchs aus? Sieht sich 'Surprise' auch als Ort, wo junge Journalisten ihre Schreibversuche starten können?

Grundsätzlich auch, ja. Wobei wir im Dilemma stecken, dass wir qualitative Ansprüche haben, aber ein schmales Redaktionsbudget. Daher setzen wir vor allem auf Leute, die ein gewisses Niveau bieten, für die es aber interessant bleibt, bei uns Magazingeschichten mit grösserem Bogen zu platzieren, was ihnen zum Beispiel bei einer Tageszeitung nicht möglich ist.

Was unterscheidet die Arbeit in der 'Surprise'-Redaktion von jener in einer anderen Redaktion?

Vor allem die Redaktionsstruktur. Wir sind so schlank aufgestellt, dass wir alle sowohl Redaktoren, Reporter, Produzenten, Blattmacher und Bildredaktoren sind.

Aber den Verkauf machen Sie nicht. Wer darf eigentlich 'Surprise'-Verkäufer sein?

Jeder. Aber der Verkauf ist an sich eine Arbeitsmöglichkeit für diejenigen, die durch das soziale Netz gefallen sind und Selbstverantwortung übernehmen wollen.

Viele 'Surprise'-Verkäufer sind Stadt-Originale – sie sind sozusagen kultureller Bestandteil einer Stadt oder eines Quartiers. Haben da neue Bewerber überhaupt eine Chance, zumal die Verkaufsgebiete meines Wissens nach aufgeteilt sind?

Aber sicher! Jeder soll verkaufen dürfen! Das ist ja kein starres System, auch wenn auf der Bahnhofbrücke in Zürich seit Jahren ein Ruedi Kälin steht, den unterdessen alle kennen.

Wie viele Verkäuferinnen und -verkäufer zählt das Magazin?

2011 waren es 388, dieses Jahr sieht es ähnlich aus. Sie sind in Basel, Bern, Zürich und vereinzelt in Luzern unterwegs, aber auch in Chur und kleineren Ortschaften. Da kommt es auch darauf an, wo wir Verkaufsbewilligungen bekommen, was von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich gehandhabt wird.

In welcher Stadt wird 'Surprise' am meisten abgesetzt?

In Zürich.

Viele Verlage klagen. Wie steht es bei Ihnen um den Anzeigenverkauf?

Wenn wir voll auf den Anzeigenverkauf angewiesen wären, gäbe es uns längst nicht mehr. Wir rechnen als spendenfinanziertes soziales Projekt in anderen Kategorien und sind nicht profitorientiert. Aber auch wir wären durchaus an mehr Anzeigen interessiert und weisen an sich auch eine werbewirtschaftlich interessante Leserstruktur auf.

Inwiefern?

Die aktuelle Wemf-Studie zeigt, dasss wir eine für Werbezwecke interessante Kundenstruktur aufweisen: Unsere Leser haben ein gutes bis hohes Ausbildungsniveau, gehören der mittleren bis höheren Mittelschicht an und haben ein durchschnittliches Monatseinkommen über 8'000 Franken. Ausserdem sind wir als überregionale Publikation in der ganzen Deutschschweiz präsent.

Und Ihre Themenvielfalt kommt dem sicher zu gute. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Themen aus?

Wir bringen, was wir interessant finden. Oder wichtig. Wichtig finden wir zum Beispiel Zusammenhänge in der Sozialindustrie oder Einblicke ins Asylwesen. Und interessant ist für mich persönlich eine Geschichte, die unterhaltsam ist, schön zu erzählen und die eine gewisse gesellschaftliche Relevanz hat. Ich finde ein Thema spannend, wenn es etwas aussagt über unsere Zeit, unser Leben, unser Denken. Und ich mag es ganz besonders, wenn ich beim Schreiben selber das Gefühl habe, jetzt habe ich etwas richtig Grundlegendes über die Welt gelernt.

Die 'Surprise'-Inhalte sind gesellschaftskritisch. Sieht sich Ihr Magazin als Stimme der Schwächeren?

Dass wir ab und zu als Stimme der Schwächeren auftreten, ist der Sache ja immanent. 'Surprise' gibt der Armut ein Gesicht - mit den Verkaufenden - und eine Stimme - mit dem Heft. Das war der Ursprungsgedanke und soll auch weiterhin so bleiben. Aber wir wollen gleichzeitig einfach ein Heft machen, das man gerne liest.

Arbeiten Sie mit anderen internationalen Strassenmagazinen zusammen?

Wir sind in einem internationalen Verbund, dem International Network of Streetpapers (INSP). Wir sind in ständigem Kontakt, stellen ausgewählte Geschichten dem Netzwerk zur Verfügung, übernehmen Artikel von ihrem Pressedienst, dem Street News Service, oder direkt aus anderen Strassenmagazinen. Wir dürfen auch ihren Übersetzerdienst nutzen, Reuters stellt dem INSP ein gewisses Kontingent an Pressefotos zur Verfügung, und einmal jährlich trifft man sich zur internationalen Konferenz.

In wenigen Tagen ist Weihnachten. Wird die kommende Sonderausgabe weihnachtlich sein?

Sie wird unweihnachtlich-weihnachtlich. Die Kurzgeschichten sind zum Teil besinnlich, zum Teil gar nicht, und unter dem Strich haben die wenigsten explizit mit Weihnachten zu tun. Die Geschichten stammen aus den Federn von Sibylle Berg, Tim Krohn, Dieter Meier, Milena Moser, Max Rüdlinger, Ralf Schlatter, Ruth Schweikert, Christoph Simon, Gabriel Vetter – und Paulo Coelho. Für die Bilder hat die Illustratorin Priska Wenger Pflanzen, die in den biblischen Schriften vorkommen, mit Motiven aus den Kurzgeschichten verwachsen lassen. So hoffen wir, den saisonbedingten Kitsch zu umgehen und uns trotzdem auf die Festtage beziehen zu können. Und die Illustrationen sind einfach richtig toll. Ehrlich.

Interview: Claudia Thöny