Herr Kall, Sie sind nun seit vier Jahren CEO von Tamedia. Welches war Ihre wichtigste Entscheidung, die Sie in dieser Zeit getroffen haben?
Wir hatten 2002, als sich unsere Ergebnisse drastisch verschlechterten, den Mut, uns einer Bestandesaufnahme zu unterziehen. Dies war eminent wichtig. Deren Erkenntnisse lieferten uns die Grundlage für die richtige Entscheidungsfindung und letztendlich für die Strategie, die heute noch gilt.
Lange lautete die Devise im Hause: Solange der Stellenmarkt funktioniert, kann man sich alles leisten.
Mit diesem Grundsatz haben wir damals gebrochen. Das Geschäft soll auch ohne Stelleninserate leben. Werfen diese aber Gewinne ab, ist es umso besser und bildet sozusagen das Sahnehäubchen. Während der letzten Jahre wurde uns schmerzlich bewusst, dass der Stellenmarkt ein Geschäft ist, welches zwar einfach funktioniert, gleichzeitig aber auch sehr gefährdet ist. Im Gegensatz zu anderen Marktsegmenten können wir den Stellenmarkt kaum beeinflussen. Die Bestandesaufnahme zeigte uns klar, wie abhängig Tamedia in der Vergangenheit von diesem Geschäftsmodell war. Sarkastisch ausgedrückt: Wir waren wie ein Drogensüchtiger, der nur mit seinem Stoff überleben konnte. Da wir nicht wissen, ob die Stelleninserate in vollem Umfang in die Printmedien zurückkommen, entwickelten wir unsere neue Devise, wonach Tamedia auch ohne Stellenanzeigen erfolgreich sein kann. Ich bin der festen Ansicht, dass dies mit starken Medien möglich ist.
Warum versuchte man diesen Stellenmarkt nicht weiter zu entwickeln? Betrachtet man das Internet, gibt es in der Schweiz noch keinen richtigen Marktplayer.
Das stimmt. Wir haben in der Schweiz momentan einige Online-Anbieter. Tamedia ist einer davon und wir konnten in den letzten zwei Jahren erhebliche Fortschritte machen. Mit Jobwinner sind wir auf den zweiten Platz vorgestossen. Deswegen konnten wir auch unser Team aufstocken. Der Durchbruch für einen einzigen Anbieter ist aber noch nicht erfolgt und ich glaube auch nicht, dass dieser in nächster Zeit erfolgen wird.
Vor Ihrer Zeit hat man bei der Tamedia zudem die Devise vertreten, dass man in die elektronischen Medien wie TV 3 investieren müsse. Sie hingegen setzen auf Printprodukte. Welche Überlegung steht dabei im Vordergrund?
Nach dem Scheitern von TV 3 und den Abschreibungen bei der Belcom AG und bei Radio Basilisk sind wir uns schmerzlich bewusst geworden, dass die elektronischen Medien in der Schweiz über ein beschränktes Tätigkeitsfeld verfügen. Zum einen hängt dies mit den fehlenden Sprachbarrieren zusammen, die unseren Mediennutzern erlauben, ausländische Sender zu konsumieren, zum andern aber auch mit einer Gesetzgebung, die das öffentlich-rechtliche Sendersystem in vielen Bereichen bevorzugt. Das müssen wir akzeptieren, gleichzeitig bedeutet dies für einen privaten Anbieter wie Tamedia, dass er wieder verstärkt in Printmedien investieren sollte.
Ihr Gesellenstück war vor drei Jahren der Kauf von 20 Minuten. Welches war Ihr zweiter Schritt?
Der zweite Schritt war für uns die 'Renaissance' der Regionalzeitung. Mit unserer Beteiligung am Landboten und der Übernahme der Thurgauer Zeitung unterstreichen wir, wie stark wir an deren Zukunft glauben. Der dritte Schritt ist die Regionalisierungsstrategie des Tages-Anzeigers. Damit wollen wir in unserem Heimmarkt in die Offensive gehen. Zunächst bedeutet dies für uns selbstverständlich beachtliche Investitionen. Wir hoffen aber, dadurch dem Zeitungsmarkt in Zürich und auch in der Schweiz neue Impulse vermitteln zu können.
Wie gross ist die Gefahr, dass es bei dieser Regionalisierungsstrategie zu einem Preiskampf zwischen Tamedia und den lokalen Verlegern kommt, bei dem es schlussendlich nur Verlierer gibt?
Da wir in diesen Regionen im lokalen Werbemarkt heute nicht vertreten sind, ist die Gefahr der Selbstzerfleischung für uns sehr gering. Zusätzlich sind wir in den meisten Gebieten im Lesermarkt schon die Nummer eins. Eine sehr gute Ausgangslage. Aber selbstverständlich wird der Wettbewerb zwischen den Lokalzeitungen und unseren Regionalausgaben auch über den Preis laufen. Mit 20 Minuten, aber auch mit dem Tages-Anzeiger haben wir in den letzten Jahren bewiesen, dass Zeitungen auch im Werbemarkt preislich attraktiv sein können. Ich glaube, dass die Werbepreise in vielen Schweizer Regionalzeitungen zu hoch sind. Wir sind uns bewusst, dass unsere Werbekunden -- beispielsweise im Detailhandel -- unter enormem Margendruck stehen und in Zukunft für den gleichen Preis mehr Leistung verlangen werden.
Sie haben gesagt, dass Sie in den lokalen Werberäumen bis anhin nicht vertreten waren.
Wir konnten von den regionalen Werbemärkten bis anhin einfach nicht profitieren. Für uns bedeutet dies, dass wir parallel zu den Lokalredaktionen auch eine entsprechende Infrastruktur zur Bearbeitung des lokalen Werbemarktes aufbauen müssen. Wir konnten in den letzten beiden Jahren reichlich Erfahrung am linken Zürichseeufer sammeln. Und diese Erfahrungen haben uns für einen Ausbau motiviert.
Aber -- ehrlich gesagt -- wäre es Ihnen nicht lieber, eine weitere Regionalzeitung aufzukaufen, anstatt eine neue Verkaufsstruktur für den Tages-Anzeiger aufzubauen?
Lassen Sie es mich so formulieren: Was mir lieber wäre, interessiert leider niemanden. Unsere Mitbewerber im Markt Zürich haben sich klar für eine Zusammenarbeit mit der Neuen Zürcher Zeitung, der PubliGroupe und untereinander entschieden. Dies respektiere ich. Da es keine anderen Optionen gibt, wählten wir unseren Weg aus der eigenen Stärke heraus.
Sie haben Tamedia wieder in die Gewinnzone gebracht. Nun sind Sie eigentlich für noch grössere Aufgaben prädestiniert.
Auf meine Zukunftsplanung bezogen: Ich fühle mich bei Tamedia sehr wohl und verschwende keinen Gedanken daran, mich beruflich zu verändern. Das Schöne für einen unternehmerisch denkenden Menschen ist, dass er sein Betätigungsfeld selber wählen und gestalten kann. So hoffe ich, dass sich aufgrund unserer erweiterten Strategie auch mein Betätigungsfeld positiv verändern wird.
Sie möchten jetzt die Früchte ernten?
Selbstverständlich. Die jetzige Phase ist insofern sehr erfreulich, als wir Erfolge vorweisen können, nicht dauernd von Selbstzweifeln geplagt werden und ständig bittere Entscheide fällen müssen. Wir können wieder neue Projekte in Angriff nehmen und damit nicht nur ernten, sondern auch säen.