"Wir müssen keine theoretische Debatte führen. Das Bild wird um die Welt gehen"

- Vorerst halten die USA Bin-Laden-Fotos unter Verschluss, weil man damit kein nationales Sicherheitsrisiko heraufbeschwören will. Doch wie würden die Medien mit dem Bild des Toten -- angeblich mit Kopfschuss -- umgehen, wenn es doch an die Öffentlichkeit gelangt? Der Kodex verbietet es bekanntlich. Der Presserat rügte einst das NZZ Folio, weil sie den abgetrennten Kopf einer Terroristin mit herausquellender Hirnmasse zeigte. "persoenlich.com" fragte also die Chefredaktoren, wie sie mit dem Bild eines verstümmelten Bin Laden umgehen würden. Zur Umfrage:

Sandro Brotz, Stv. Chefredaktor 'Der Sonntag'

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ein Bild des getöteten Bin Laden – ähnlich wie der gehängte Mussolini oder der hingerichtete Ceausescu - ein relevantes Dokument der Zeitgeschichte ist. Doch der Entscheid ist schwierig, solange das Bild nicht in Umlauf ist und damit die Frage geklärt werden kann, ob es den Lesern zugemutet werden kann. Bei einem eigentlichen Gräuelbild ist dies meiner Meinung nach nicht der Fall. Aber Zensur ist grundsätzlich der falsche Weg - notfalls kann man sich damit behelfen, Menschen zu zeigen, die das Foto anschauen. Wir müssen uns aber nichts vormachen und eine theoretische Debatte führen: Das Bild wird - wenn es von den US-Behörden erstmals freigegeben wird - innert Sekunden um die Welt gehen.

Peter Wälty, Chefredaktor Newsnetz/Tagesanzeiger.ch

Ich war zwölf Jahre alt, als Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gundrun Ensslin sich in Stammheim das Leben nahmen. Die ersten beiden mit Kopfschuss, die Ensslin erhängte sich. Irmgard Möller scheiterte an einem stumpfen Besteckmesser. Ein paar Wochen später machten wir bei Klassenlehrer Dr. Köpfli so eine Art Medienanalyse. Das heisst, wir mussten eine Zeitschrift ausmessen, Text- und Inserateanteil bestimmen etc. Dazu bestellte Köpfli beim Ringier-Verlag in Zofingen einen Stapel alte "Sie & Er". Sie schickten ihm ausgerechnet jene Ausgabe mit den Bildern der Stammheimer Toten. Literweise Blut war auf den Fotos zu sehen, die Leichen in allen fotografisch denkbaren Perspektiven. Details. Man sah das Loch im Hinterkopf von Baader, angeblich wollte er so einen Mord vortäuschen. Für uns als Teenager war das natürlich ein Riesenspektakel, Köpfli hingegen war geschockt.

In der Regel ist man sehr zurückhaltend bei der Publikation von gewaltsam zu Tode gekommenen in der Presse. Mit einer Ausnahme: Handelt es sich beim Toten um einen Volksfeind, fallen diese Schranken. Wir erinnern uns an die Bilder des toten Ceauescu, der am 25. Dezember 1989 hingerichtet wurde. Alle Kanäle zeigten die entsetzlichen Bilder, die weihnächtlichen Kinderchöre hatte man noch im Ohr. Die Bilderreihe liesse sich endlos fortsetzen: Goebbels verkohlte Leiche, der an den Füssen aufgehängte Mussolini, der aufgebahrte Che Guevarra, Saddams Söhne.

Wenn ein kollektives Interesse der Gesellschaft am Tod einer Person existiert und überwiegt, scheint die Veröffentlichung des Totenbildes gerechtfertigt. Das veröffentlichte Totenbild des Volksfeinds tritt so quasi an die Stelle der öffentlichen Exekution – postum. Es ist der Beweis für die Verbrechen des Toten und demonstriert die Macht des Staates und der Gerechtigkeit. Solche Bilder erhalten in aller Regel ikonographischen Charakter und tauchen Jahre später in Geschichtsbüchern auf. Ja, Newsnetz wird das Bild mit gegebener Zurückhaltung zeigen, denn es scheint uns nicht angebracht, den Lesern ein historisches Dokument vorzuenthalten. Falls das Bild eine völlig verstümmelte Leiche zeigen würde, müsste man die Sache sicherlich neu diskutieren.

Christian Dorer, Chefredaktor 'Aargauer Zeitung'

Die az würde das Bild publizieren – aus drei Gründen und mit einer Einschränkung. Erstens ist das Foto des toten Osama Bin Laden ein Dokument von historischer Bedeutung. Zweitens ist das Bild deshalb relevant, weil es Gerüchten entgegen wirkt, wonach Osama nicht getötet worden sei. Drittens gibt es im Fall des bis vor kurzem meist gesuchten Terroristen der Welt keine Persönlichkeitsrechte, um die ein Medium besorgt sein müsste. Allerdings, und das ist die Einschränkung, würden wir das Bild vor einer Publikation dahingehend beurteilen, ob es den Leserinnen und Lesern rein optisch zugemutet werden könnte.

Peter Röthlisberger, Chefredaktor 'Blick am Abend'

Ich müsste das Bild zuerst sehen. Ich gehe aber davon aus, dass die offiziellen amerikanischen Stellen kein Interesse haben, mit einem grauenvollen Foto des erschossenen Bin Laden die islamische Welt zu provozieren.

David Sieber, Chefredaktor 'Die Südostschweiz'

Unter den Aspekten "Zeitdokument" und "Beweis" würden wir das Bild sicher bringen. Es kommt allerdings drauf an, wie grauslig es ist. Der Ekelfaktor entscheidet über Bildgrösse und Farbe oder s/w. Damit wir uns nicht missverstehen: je ekliger, desto zurückhaltender werden wir sein. Kodex hin oder her. Es gibt Bilder, die man zeigen muss. Ich erinnere an das erschossene Ehepaar Ceausescu oder an die Dokumentation von Greueltaten bis hin zum Holocaust. Das ist alles sehr schwere Kost und doch muss man sich dem stellen.

Peter Studer, ex-Chefredaktor 'Tages-Anzeiger', SF und Präsident des Schweizer Presserats

Der Presserat hat sich mehrmals mit dem Thema "Abbildung von Leichen in den Medien" beschäftigt. Im Journalistenkodexheisst es dazu: Das Interesse an der Dokumentierung ausserordentlicher ("Ikonen der Zeitgeschichte") ist abzuwägen 1. gegen die Pflicht, die Menschenwürde der Toten zu respektieren und 2. gegen das Recht der Betrachter, sich nicht extrem grausamen Bildsituationen auszusetzen gesetzt zu sehen. Es bedarf also einer sorgfältigen Güterabwägung. Sie lässt sich nur am konkreten Bild durchexerzieren. Bei der Berichterstattung über den Tsunami Ende 2005 hielt ich es für legitim, aus der Halbtotalen an der Küste treibende Baumstämme zu zeigen, zwischen denen nicht näher identifizierbare Leichen trieben. Das dokumentierte die zerstörerische Wucht und die unvorstellbar schweren Verluste an Menschenleben. Der Presserat rügte anderseits die NZZ-Beilage Folio, weil sie ohne Einbettung in einen Verständniszusammenhang den abgetrennten Kopf einer palästinensischen Terroristin mit herausquellender Hirnmasse auf dem Asphalt zeigte (Jahrheft Presserat 2005 zur Folioauagabe über das Phänomen der "Bombe" ).

Philipp Landmark, Chefredaktor 'St. Galler Tagblatt'

Grundsätzlich sollten Bilden von Leichen nicht veröffentlicht werden - hinter diesem Prinzip stehen wir. Im Fall von Osama bin Laden geht es aber um weit mehr: Das schon vor seiner Veröffentlichung viel diskutierte Bild ist selbst eine Nachricht, zumal schon Fälschung dieses Bildes im Umlauf sind - und von der Gemeinde der Verschwörungstheoretiker angezweifelt wird, dass die USA überhaupt Osama bin Laden erwischt haben.

Das "St. Galler Tagblatt" ist zwar vergleichsweise zurückhaltend bei der Veröffentlichung umstrittener Aufnahmen, beispielsweise von Bildern vermeintlicher Straftäter, die eine der immer zahlreicheren Überwachungskameras aufgenommen hat. Stets wägen wir sorgfältig die Interessen der Öffentlichkeit gegen die Interessen des Individuums ab. Im Wissen, dass sich viele Boulevardblätter oder Onlineportale nicht mit so lästigen Fragen aufhalten. Wird aber ein Bild des erschossenen Osama bin Ladens veröffentlicht, ist das nicht zuletzt auch ein Zeitdokument. Unsere Redaktion wird sich mit grosser Wahrscheinlichkeit dafür entscheiden, dieses Foto zu publizieren.

Gottlieb F. Höpli, Präsident des Vereins Medienkritik Schweiz

Auch mit Bin Ladens Photo geht es wie mit der ganzen Aktion gegen den finsteren Fürsten des Terrors. Die Amerikaner tun etwas, und die Europäer diskutieren darüber, was die Amerikaner dabei alles falsch gemacht haben. Sollten die Amerikaner das Bild des toten Bin Laden veröffentlichen, wird kaum ein Medium – auch nicht das St.Galler Tagblatt, nehme ich an, auf eine Veröffentlichung verzichten. Denn dabei handelt es sich um ein weltgeschichtliches Dokument. Und es wäre ja doch etwas seltsam, wenn in unserem visuellen Zeitalter in der Zeitung stünde, die USA hätten ein Bild des toten Osama bin Laden veröffentlicht, ohne es zu zeigen! Die Haltung der Redaktion wird sich vielmehr daran ablesen lassen, WIE sie mit diesem Bild umgeht: Wie sehr wird dabei das Dokumentarische, also distanziert-reflektiert Informierende, und wie sehr das Voyeuristische, Skandalisierende im Vordergrund stehen? Das wird sich aus der Aufmachung (wie gross, wie schreiend), je nachdem aus dem Ausschnitt, aber etwa auch aus der Farbgebung - ist eventuell ein Schwarzweiss-Bild vorzuziehen? - ablesen lassen. Das und noch mehr werden die Blattmacher im konkreten Fall zu beurteilen und zu entscheiden haben.

Übrigens hat man schon früher Bilder von berühmten Toten veröffentlicht: In der Form von Totenmasken, die es von fast jeder Berühmtheit gab. Ein Verzicht auf eine Veröffentlichung, wenn möglich verbunden mit einer Schelte an die Amerikaner, wäre aus meiner Sicht heuchlerisch und diente nur dazu, seine Hände in Unschuld zu waschen. Und die Abbildung, die auch der letzte Leser irgendwo zu Gesicht bekommen wird, anderen zu überlassen

Thomas Bornhauser, Chefredaktor 'Neue Luzerner Zeitung'

Tote Menschen zeigen wir nur im begründeten Einzelfall, etwa, wenn dies aus dokumentarischen Gründen angezeigt ist. Zudem prüfen wir im konkreten Einzelfall die Option, für ein interessiertes Publikum ausgewählte Bilder aufs Netz zu laden. Im vorliegenden Fall könnte es journalistisch zum Beispiel Sinn machen, ein Bild von der Seebestattung Osama bin Ladens zu publizieren, welches die Würde des Toten respektiert. Ein konkreter Publikationsentscheid allerdings kann erst nach Sichtung des Bildmaterials gefällt werden.

David Thommen, Stv. Chefredaktor 'Basler Zeitung'

Wir schliessen nicht grundsätzlich aus, dass wir das Bild als Dokument der Zeitgeschichte veröffentlichen werden. Über das Ob und Wie werden wir allerdings erst entscheiden, sobald das Bild vorliegt.

Andy Fischer, Stv. Chefredaktor '20 Minuten'

Die Redaktionen von 20 Minuten Print und 20 Minuten Online werden nach dem allfälligen Erscheinen der Bilder über diese Frage entscheiden.

Umfrage: Christian Lüscher