Herr Pünter, das Schweizer Radio und Fernsehen blickt für seinen diesjährigen Sommerschwerpunkt "Anno 1914" zurück in die Belle Époque: Warum interessiert Sie gerade das Jahr 1914?
Die meisten Personen denken natürlich sofort an den Ersten Weltkrieg. Für uns ist aber vor allem die Zeit davor spannend: Sie war voller Dynamik und Beschleunigung, es gab fast kein Jahr ohne bahnbrechende Erfindung, erste Autos ratterten über staubige Strassen, die Elektrifizierung erreichte auch die Dörfer. Das Lebensgefühl war grundsätzlich optimistisch. Mit dem Krieg, der diese Dynamik jäh auf null bremste und den Fortschrittsglauben vieler Menschen erschütterte, rechnete kaum jemand. Wir beschäftigen uns vor allem mit der Zeit kurz vor dem Krieg. Wir wollen den Zuschauern aufzeigen, dass das Leben vor nur hundert Jahren völlig anders war, aber viele direkte Bezüge zum Heute hergestellt werden können. Ein Beispiel die Technologiegläubigkeit: Apple bringt in jedem Jahr ein neues iPhone auf den Markt, Computer haben unser Leben revolutioniert. Das war damals ähnlich als die Elektrizität und die Luftfahrt aufkamen. Diese Parallelen eignen sich für eine Diskussion und die Familien, die beim Projekt mitmachen, können mit ihrem Erlebnis, das sie im Projekt machen, die Diskussion sicherlich bereichern.
Ab heute Dienstag können sich Familien für die Sendung bewerben. Wer ist Ihre Idealbesetzung?
Wir haben natürlich eine Idealvorstellung einer Familie im Kopf: Diese sollte zwei bis drei Kinder im Teenageralter haben, die Eltern sollten zwischen 35 und 50 Jahre alt sein. Denn damals ging man gemeinsam als Familie in die Fabrik arbeiten.
Erzählt werden Geschichten aus dem Alltag einer Arbeiterfamilie und einer vermögenden Fabrikantenfamilie. Warum lassen Sie die beiden gegensätzlichen Milieus aufeinandertreffen?
Es lässt sich gut filmisch darstellen, da sich diese Milieus stark unterscheiden. Ein Fabrikant konnte sich in der Belle Époque relativ viel leisten: Er fuhr zur Kur in die Ferien, residierte in luxuriösen Hotels, leistete sich ein Auto und lebte mit seiner Familie in einer repräsentativen und elektrifizierten Villa. Das pure Gegenteil die Arbeiterfamilien: Auch wenn sie nicht hungern mussten, waren sie vom Arbeitgeber, vom Fabrikanten, stark abhängig. Vater, Mutter und die Kinder. Sie alle mussten viel und hart arbeiten, damit sie zuhause nicht hungern mussten. Die Villa, die Fabrik und das sogenannte Kosthaus, in dem die Arbeiter wohnten, liegen in unserem Falle räumlich sehr nahe beieinander, sozial betrachtet sind sie aber weit voneinander entfernt.
Sie bezeichnen "Anno 1914" als eine "Scripted Living History"-Produktion. Was bedeutet das?
Der Begriff bezeichnet unsere Produktionsweise, die wir anwenden werden: Wir arbeiten nämlich einerseits mit Laien, die während der Produktionszeit leben und arbeiten wie damals und die Zeit so hautnah erleben. Andererseits engagieren wir Schauspieler, welche die Rollen der Mächtigen und Besitzenden besetzen. Der Fabrikherr und seine Frau sind beispielsweise Schauspieler – sie werden instruiert von Historikern und handeln nach einer Drehbuchskizze. Sie lernen zwar keine Dialoge auswendig, wissen aber, was wir während der Produktion wann und wie von ihnen erwarten. Darum der Name "Scriptet Living History". Wir produzieren aber keinen Spielfilm, sondern drehen beobachtend, also reportagehaft. Ganz anders als in einer fiktionalen Produktion, wo einzelne Szenen und Einstellungen mehrmals gedreht werden. Mit unserer Produktionsweise wollen wir den Alltag von damals möglichst authentisch darstellen.
Warum werden ausgerechnet die Fabrikanten von Schauspielern verkörpert? Sie hätten sicher problemlos Leute gefunden, die freiwillig in eine Luxusvilla eingezogen wären.
Wenn wir den Fabrikant und seine Gattin mit Laien besetzen würden, müssten wir diese Personen mit grossem Aufwand vorbereiten und instruieren, damit sie möglichst korrekt ihre Rollen verkörpern. Es ist in diesem Fall einfacher, mit professionellen Schauspielern zu arbeiten, die von Historikern beraten werden. Unser Fabrikant muss beispielsweise sprechen und sich verhalten wie damals. Gleichzeitig muss er den gecasteten Laien mit seinem Verhalten ein maximales Erlebnis bieten können. Unser Ziel ist es, über die Laien die Zeit vor dem Weltkrieg fürs Publikum erlebbar zu machen.
Können Sie schon einige Namen von Schauspielern verraten?
Wir haben vier bis fünf Figuren, die wir mit Schauspielen besetzen. Wir hatten schon Gespräche mit möglichen Kandidaten. Da aber noch kein Vertrag gemacht wurde, kann ich nichts Genaueres sagen.
Wann finden die Dreharbeiten statt?
Wir drehen alles im Mai in weniger als drei Wochen und senden dann im August. Während der Drehs im Zürcher Oberland sind rund 30 Personen dauernd im Einsatz. An manchen Tagen werden überdies Statisten dabei sein.
Für ein derart aufwendiges Projekt sind zwei, drei Wochen aber ziemlich knapp bemessen.
Es ist recht knapp, das stimmt. Um wirklich in den Alltag eines Arbeiters reinzukommen, würde man wohl mehr als drei Monate benötigen. Andererseits bin ich überzeugt, dass schon ein elfstündiger Arbeitstag an einer Webmaschine von damals ausreicht, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Eine solche Maschine ist sehr eindrücklich: laut und nicht ungefährlich. Ich muss aber betonen: Wir können mit unserem Projekt leider nicht die Realität von damals nachzeichnen oder nachspielen, sondern lediglich mit dem Bildmedium Fernsehen einen attraktiven und erlebnisreichen Zugang zur Vergangenheit bieten. Wir thematisieren die Arbeit in der Fabrik, aber auch den Alltag der Arbeiterfamilie, die auf engstem Raum und ohne Dusche oder Bad zusammenlebt.
Sie sagten an der Medienkonferenz, dass der diesjährige Sommerschwerpunkt multimedial aufbereitet wird. Was heisst das konkret?
"Schweiz aktuell" ist die treibende Kraft. Wir machen begleitend etwas im Web, aber nicht eine eigenständige Episode. Natürlich gibt es einen Dokfilm und das Radio hat diverse Ideen, wie man die Belle Époque thematisieren könnte. Auch wir werden dazu ein Rahmenprogramm gestalten, was genau das sein wird, ist noch offen.
Was wird für Sie die grösste Herausforderung bei der Produktion?
Für uns ist es Neuland, dass wir Erlebnisfiguren mit Schauspielern mischen. Bei den Pfahlbauern hatten wir einfach eine Familie begleitet und gesagt "Lebt doch mal". Hier ist das Leben aber derart fremd bestimmt, dass diese Anlage nicht mehr funktioniert. Wir müssen also wirklich mit Schauspielern und einer Drehbuchskizze eine neue Produktionsart austesten. Es ist eine grosse Chance für uns, aber natürlich auch ein Experimentierfeld.
Interview: Seraina Etter, Fotos: SRF
Interessierte Personen können sich mittels Online-Formular oder auf dem Postweg für eine Rolle in "Anno 1914" bewerben. Weitere Informationen zur Sendung und zu den einzelnen Rollen gibt es auf srf.ch/anno1914