Wir sind Amateure, die vom Geschäft nicht allzu viel verstehen"

- Bereits eine Viertelmillion Online-TV-Konsumenten schauen in der Schweiz über den virtuellen TV-Anbieter Zattoo fern. Diese Woche nun wagt das Schweizer Startup-Unternehmen den Schritt ins Ausland. "Europaweit werden wir bald 100 Sender anbieten", sagt Zattoo-Mitbegründer Beat Knecht im Interview mit "persoenlich.com". Ob das gefragte Internet-Fernsehen kostenlos bleiben wird, ist alles andere als gesichert.

Herr Knecht, Zattoo findet bei Internet-Usern grossen Anklang, trotzdem hat es bislang noch keinen einzigen Werbefranken in Ihre Kasse gespült. Wann wird sich dies ändern?

In zwei Wochen. Ab dann zeigen wir Werbeeinblendungen, während der User von einem Kanal zum nächsten zappt.

Werden Sie Werbespots zeigen?

Wir verwenden fünfsekündige Kurzspots; ein Format, das in den USA immer mehr Verbreitung findet. Bei der Wahl des Formats haben wir uns am Enduser orientiert; Für ihn ist es letztlich wichtig, dass die Spots nicht zu lange sind.

Zattoo wurde von einer Gruppe von Softwareprogrammierern gegründet. Besitzt Ihr Unternehmen genügend Know-How, um das Anzeigen- und Vermarktungsgeschäft in Eigenregie zu bestreiten?

Nein, das sicherlich nicht. Nur: Vor 18 Monaten waren wir im Content-Bereich auch noch Amateure. Inzwischen sind wir "State of the Art"; es gibt weltweit kein anderes Unternehmen, das besser TV-Stationen lizenziert, als Zattoo. Auch in der Werbung werden wir also das Know-How selbständig aufbauen. Zu behaupten, wir seien in der Werbung bewandert, wäre vermessen. Die Erfahrung zeigt uns aber, dass so genannten Experten uns auch nicht helfen können: Meistens hören wir von ihnen ohnehin nur, was alles nicht möglich ist. Wir aber sind ganz simple Amateure, welche die Sache alleine aus den Augen des Kunden betrachten wollen.

Könnte Zattoo nicht eigene Werbefenster schalten?

Das wäre die Idee, ja. Längerfristig hoffen wir, dass wir die Werbeblöcke der einzelnen Sender überblenden und ein eigenes Werbefenster anbieten können wie dies auch die deutschen Privatstationen in der Schweiz tun.

Ist dies rechtlich möglich?

Medienrechtlich gesehen lautet die Antwort derzeit ganz klar: Nein. Nur: Auch die Schweizer Fenster von Sendern wie Sat.1 bewegten sich bei der Einführung Anfang der 90er Jahre haarscharf an der Grenze der Legalität. Wir werden uns früher oder später auf die Parallelen zu den Schweizer Werbefenstern im TV berufen. Letztendlich, in ein paar Jahren, müsste auch ein Zattoo-Fenster möglich sein.

Wie schwierig ist es für Sie gemeinhin, die TV-Stationen vom neuen Verbreitungskanal Zattoo zu überzeugen?

Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen alle dabei sein, denn sie haben dank dem Service-Public-Auftrag ein grosses Sendebewusstsein. Bei den Privaten ist es schwieriger, da bei ihnen die Versuchung im Raum steht, das Programm selber auszustrahlen. Das Problem dabei ist, dass der User nicht jedes Mal eine neue URL eintippen will, wenn er den Kanal wechseln will. Jene Sender, die versuchen, eine eigene Content-Insel aufzubauen, überschätzen die Stärke ihrer Marke.

Gegenwärtig bietet Zattoo 41 Sender an. Wird diese Auswahl in nächster Zeit erweitert?

Ja, ganz bestimmt. Wir haben uns die Rechte für ca. 400 Sender in der Schweiz gesichert. Europaweit werden wir bald 100 Sender anbieten.

Werden alle Sender weiterhin kostenlos erhältlich sein?

Das ist derzeit noch offen. Wir überlegen uns, ob wir die zusätzlichen Sender gratis zur Verfügung stellen sollen, oder ob der Zugriff auf die Sender künftig kostenpflichtig sein wird.

Sollen alle Sender kostenpflichtig sein?

Nein, die bestehenden Angebote sollen kostenlos bleiben. Für zusätzliche Sender allerdings müsste der User einen kleinen Betrag entrichten.

Weshalb?

Ein Beispiel: Die Rechte am Paykanal National Geographic sind für uns teuer, da der Sender nirgends im Free TV ausgestrahlt wird. Sollen wir ihn nun kostenlos über Zattoo anbieten? Wir müssen uns dies sehr gut überlegen. Vielleicht ist es am besten, wir fragen unsere User.

Die Bildqualität von Zattoo erreicht noch bei weitem nicht TV-Qualität. Ist es da nicht zu früh für kostenpflichtige Angebote?

Das ist mit ein Grund dafür, dass wir noch keine Sender kostenpflichtig anbieten. Hinzu kommt: Das Internet befindet sich noch immer in den Kinderschuhen. Es ist bislang kaum möglich eine hochstehende Bildqualität zu erreichen. Das Internet besitzt auch keine Service-Qualitätsgarantie. Ob die Datenpakete ankommen, ist stets noch eine Frage der Wahrscheinlichkeit.

Wie sehr versteht sich Zattoo als Konkurrent der DigitalTV-Anbieter Bluewin und Cablecom?

Gar nicht. Neben dem herkömmlichen TV-Angebot finden zwei gegensätzliche Entwicklungen statt. Auf der einen Seite stehen Cablecom und Swisscom. Diese Unternehmen bieten einen Rolls Royce an, mit hundert Kanälen, Set-Top-Box und Videos-on-Demand. Sie lancieren ein Premium-Angebot, das sich je länger je stärker vom gewöhnlichen TV-Angebot abhebt. Auf der anderen Seite stehen wir. Wir verfügen über ein sehr simples, kostenloses Software-Angebot, auf das überall zugegriffen werden kann.

Wann wird Zattoo im Ausland erhältlich sein?

Innert Wochenfrist starten wir in England , am 5. April kommt Dänemark hinzu. Noch vor Juni wollen wir unser Angebot auch in Deutschland und Frankreich ausrollen.

Bleibt die USA ein fernes Ziel, das für Zattoo einstweilen unerreichbar bleibt?

Nein. Wir werden definitiv noch in diesem Jahr auch in den USA präsent sein.

Zum Schluss: Wann wird Zattoo schwarze Zahlen schreiben können?

Ende 2008. Auch wenn dieses Ziel zugegebenermassen ambitiös ist. Denn kaum ein Medienunternehmen überschritt bereits in den ersten drei Jahren seines Bestehens die Gewinnschwelle. Wir bereiten uns deshalb darauf vor, dass auch Zattoo eine gewisse Vorlaufszeit benötigen wird. Denn was wir tun, ist hochkomplex. Zattoo ist technologisch viel komplizierter als Youtube. So auch der Umgang mit den Rechten -- ein Bereich, um den sich Youtube kaum geschert hat. Und schliesslich sind wir gezwungen, bereits Werbung aufzuschalten, da die Content-Rechte im Gegensatz zu Youtube teuer sind. Es wird also viel Zeit brauchen, bis alles läuft. Zumal wir wie gesagt Amateure sind, und vom Geschäft nicht allzu viel verstehen.

Die Zattoo-Gründer: Beat Knecht (links) und Computerwissenschafter Sugih Jamin, Professor an der Universität von Michigan in Ann Arbor.