"Wir sind die Souffleure des intelligenten Tischgesprächs"

- Die Weltwoche feiert ihren 75. Geburtstag. "persoenlich.com" sprach mit Verleger und Chefredaktor Roger Köppel über seine Ehrfurcht vor den "Weltwoche"-Vätern Karl von Schumacher und Manuel Gasser, die das Blatt während einer Bahnfahrt nach Paris gründeten. Zudem äussert sich Köppel zu den Politikern, die der "Weltwoche" nicht zum Jubiläum gratulierten und sagt, was er von Frank A. Meyers Breitseite kürzlich im "SoBli" haltet. Das Interview:

Herr Köppel, die Weltwoche feiert ihren 75. Geburtstag. Wie haben Sie das Jubiläum gefeiert?

Ich feierte mit einer gewissen Bescheidenheit. Ich bin ja noch nicht lange dabei. Wir haben auf eine grosse Inszenierung verzichtet. Nicht wie andere Medienhäuser in diesem Jahr. Wir konzentrieren uns auf das Machen einer guten Zeitung und nicht auf das Schmeissen von Parties.

Die "Weltwoche" blickt auf eine interessante Vergangenheit zurück. Auf was sind Sie am meisten stolz?

Ich habe das Privileg und die Ehre, als Chefredaktor und Eigentümer dieses Jubiläum zu feiern. Eine der grossen Leistungen der "Weltwoche"-Gründer war die intellektuelle Unbeugsamkeit angesichts der grössten Gefahr während des zweiten Weltkrieges. Ohne Rücksicht der persönlichen Nachteile und Verluste haben sie dem freiheitlichen Denken Ausdruck gegeben. Das ist vorbildlich und eine gewaltige Leistung, mit der man sich heute nicht vergleichen oder gleichsetzen kann. Die Gründer sind heute noch inspirierend und erzeugen bei uns eine gewisse Ehrfurcht.

Wie beschreiben Sie die "Weltwoche"?

Die Weltwoche ist für mich eine intellektuelle Wundertüte. Es ist eine Zeitung, die neben politischen Analysen, feuilletonistische Brillanz aber auch boulevardesken, frivolen und humoristischen Charakter verbindet. Die Weltwoche zeigt eine eigenwillige DNA, die Dürrenmatt in einem Satz auf den Punkt bringt: "Dinge auszusprechen die andere nicht auszusprechen wagen."

Und wie beschreiben Sie Ihr Team?

Wir sind die Souffleure des intelligenten Tischgesprächs.

Sämtliche Politiker haben der "Weltwoche" nicht zum Jubiläum gratuliert. Ist das ein gutes Zeichen?

Ich finde ja.

Man könnte Schriftsteller Peter Stamm zitieren, der sagt, dass es in der "Weltwoche" von substanzlosen Schähartikeln nur so wimmle. Bleiben deshalb die Gratulationen aus?

Was die Inlandrecherchen betreffen sind wir die Nummer eins in der Schweiz. Wir haben den Fall Roschacher aufgedeckt. Wir haben die soziale Misere im Kanton Zürich aufgedeckt. Wir haben im Kanton Bern Misswirtschaft aufgedeckt. Wir gehen also sehr kritisch mit den Politikern um. Offensichtlich ist man sich von den anderen Medien einen Schmusekurs gewohnt. Das liefern wir ihnen nicht. Also gratulieren sie uns nicht zum Geburtstag.

Die Titelgeschichte "La crise n'existe pas" bezeichnen einzelne Kritiker als "oberpeinlich". Gab es so was schon einmal in der Geschichte der "Weltwoche"?

Es stimmt, dass wir auf dem falschen Fuss erwischt worden sind, weil wir bezüglich UBS und Rettungspaket Pascal Couchepin geglaubt haben. Das Cover war eine ironische Referenz an "La Suisse n'existe pas". Wir wollten nie behaupten, dass es keine Krise gibt. Wie damals, als man gesagt hat, es gäbe keine Schweiz. Es ist lächerlich, wenn man das wörtlich auslegen will. Die Ausgabe war ein trotziges Bekenntnis gegen den gallopierenden Depressivismus. Für diese Geschichte entschuldige ich mich also sicher nicht.

Wie sehen Ihre Pläne mit der "Weltwoche" aus?

Es geht darum, die Zeitung noch besser zu machen. Wir werden im Bereich Recherchen ganz klar aufrüsten. Ich bin natürlich stolz auf die einzigartige Zusammenarbeit mit Charles Lewinsky, einer der renommiertesten Schriftsteller der Schweiz, der einen Fortsetzungsroman in der "Weltwoche" verfasst.

Was ist mit einer "Weltwoche" für Deutschland?

Im Moment kein Thema.

Auch die Weltwoche wird die Rezession zu spüren bekommen. Wie sehen Sie dieser Krise als Verleger entgegen?

Leider kann ich dazu nicht sagen "La crise n'existe pas". Wir sind davon auch sehr betroffen. Derzeit haben wir noch keinen starken Inseraterückgang. Wir beobachten die Entwicklung mit grosser Sorge und müssen schauen, wie wir uns unternehmerisch positionieren wollen. Welche Massnahmen wir treffen, darüber kann ich noch nichts sagen.

Im "SonntagsBlick“ wurden Sie kürzlich von Frank A. Meyer angegriffen. Die Weltwoche sei zum "publizistischen Boudoir" geworden. Sie seien der "journalistische Lustknabe" von Christoph Blocher. Wie kommentieren Sie das?

Das ist einfach auf erbärmlich tiefem Niveau. Ich finde es verräterisch, dass ein Herr Meyer mit so offenkundigen und sexualisierten Metaphern um sich wirft. Ich kann ihn aber beruhigen: Ich bin heterosexuell.

Was halten Sie eigentlich generell vom Vorwurf, die "Weltwoche" sei ein SVP-Kampfblatt?

Damit will man unsere Unabhängigkeit streitig machen. Wir haben einfach eine staats- und EU-kritische Grundhaltung. Das sind Positionen, die man auch in der SVP findet. Ich sehe keine Veranlassung, Meinungen oder Artikel umzuschreiben, nur weil andere Leute eines Parteienspektrums auch dieser Meinung sind. Der Vorwurf entstand auch aus der medialen Mainstream-Problematik, weil alle Medien mehr oder weniger gegen eine Partei geschrieben haben. Sobald man eine neutralere Seite zeigen oder auch mal auf die Qualitäten eines Blochers hinweisen möchte, wird sofort kritisiert. Das ist der Preis den man zahlt, wenn man aus dem Mainstream herauskommt.

Hat sich dieser Preis auch auf die Auflage ausgewirkt?

Es gibt sicher Leser, die es nicht gut finden, dass wir einen Christoph Blocher nicht zum Halunken erklären. Unser Kurs hat aber auch Auflage generiert. Als ich 2001 die Weltwoche übernommen habe, hatten wir im Vergleich zu heute 30 Prozent weniger Leser und 10 Prozent weniger Auflage. Unsere Berichterstattung hat uns nicht geschadet. Im Gegenteil.

Zum Geburtstag schenkt sich die "Weltwoche" einen neuen Internetauftritt. Warum?

Der letzte Auftritt war schon sehr antiquiert. Unser strategisches Schwergewicht ist der Printtitel, wobei ich das Internet als eine Line Extension verstehe. Wir versuchen natürlich so neue Leute für die Marke Weltwoche zu begeistern. Wir wollen auch den Charakter des Blattes mehr zu Geltung kommen lassen. Zudem wollen wir mehr Angebote bieten. Nicht wie Spiegel Online, aber doch mit einem wechselnden Auftritt.

Wollen Sie auch mehr auf News setzen?

Schuster, bleib bei deinen Leisten. Die Weltwoche ist eine Wochenzeitung und darf nicht in die Atemlosigkeit der News-Welt geraten. Wir sind für vertieften Hintergrund, andere Fragestellungen und Recherchen. Da können andere nicht einfach mithecheln.

Die Weltwoche experimentiert gern mit neuen Formaten wie Blogs oder Podcasts. Was planen Sie neues?

Entscheidend ist der Inhalt. Wir machen uns gewisse Überlegungen betreffend Blogs. Aber die Verantwortlichen des Webs sollen das vorantreiben. Wir werden das Rad sicher nicht neu erfinden.

Sie sagten kürzlich, dass man aufpassen müsse, dass einen das Internet nicht zum Grössenwahn verleite. Können Sie die Aussage präzisieren?

Man ist nicht Tageszeitung, Wochenzeitung und Fernsehkanal zugleich. Man muss aufpassen, dass es nicht zum "Imperial Overstretch" kommt. Wir müssen fokusiert bleiben. Man darf nicht glauben, man könne mit einem Webauftritt plötzlich Google schlagen. Das Internet ist eine Ergänzung der Marke Weltwoche, die immer noch eine Printmarke ist.

(Interview: Christian Lüscher)