Herr Tippelmann, Puls feiert heute das 20-Jahre-Jubiläum. Weshalb kann sich die Sendung seit so langer Zeit im Programm von SF erfolgreich behaupten?
Das liegt an der Thematik des Formats. Gesundheit und Medizin-Themen betreffen jedermann persönlich und sind nah am Menschen. Solche Sendungen sind deshalb sehr gefragt und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.
Themen der 1. Sendung vor 20 Jahren war unter anderem plötzlicher Kindstod. Das ist ein Thema, das auch heute noch aktuell wäre. Ist die Medizin stehen geblieben?
Es gibt sicher medizinische Bereiche, in denen sich in den letzten 20 Jahren sehr viel verändert hat, insbesondere bei der minimal-invasiven Chirurgie. Allgemeine Themen hingegen, wo es um Erkrankungen geht, wie zum Beispiel Krebs oder plötzlicher Kindstod, sind nach wie vor aktuell, da diese Phänomene natürlich nicht einfach verschwinden.
Puls ist eine Ratgebersendung. Besteht die Gefahr, dass das Publikum die Sendung mit einem Arztbesuch verwechselt?
Diese Verwechslung passiert sehr oft. Das erkennen wir an Mails mit Themenvorschlägen. Diese beginnen oft mit "Ich habe..." und fordern Sendungen zu diesen bestimmten Krankheiten.
Puls berichtet über verschiedene Krankheiten und Schicksale. Damit kann beim Publikum auch Angst ausgelöst werden. Wie geht man mit dieser Verantwortung um?
Wir sind uns stets darüber bewusst, dass die Menschen dank Puls von Krankheiten hören und Dinge sehen, mit denen sie sonst nie konfrontiert gewesen wären. Das stille Grauen liegt darin, dass man sich dann vielleicht überlegt, was wäre, wenn man das selbst bekommt. Unsere Aufgabe ist es in einer Art und Weise über etwas zu berichten, die diese Angst nicht fördert, sondern darüber aufklärt, was gegen eine Krankheit getan werden kann oder wie einzelne Patienten damit umgehen.
Medizin ist ein sehr emotionales Thema. Wie viel darf man dem Publikum zumuten?
Die Diskussion führen wir praktisch bei jeder Redaktionssitzung. Insbesondere die Frage, wie viele blutige Bilder man zeigen soll, taucht immer auf. Das ist immer eine Gratwanderung. Unsere Berichte müssen authentisch daher kommen. Das heisst ich kann nicht über eine Hüftoperation berichten und dabei nur das Gesicht des Patienten hinter einer Maske zeigen. Wir müssen die Bilder aber auf das beschränken, was für diese Authentizität und Verständlichkeit des Berichts unbedingt notwendig ist. Das versuchen wir, doch bleibt es schlussendlich immer Ansichtssache. Die Grenze kann nicht aufgrund von objektiven Kriterien gezogen werden. Am Ende entscheidet der Produzent. Die Entwicklung zeigt, dass vor 7 oder 8 Jahren viel deftigere Bilder ausgestrahlt wurden als heute. Man darf bei der Diskussion auch nicht vergessen, dass wir bis zu einem gewissen Grad auch vom Grauen und Voyeurismus dieser Bilder leben.
Wird Ihnen denn Voyeurismus vorgeworfen?
Ja, sehr regelmässig sogar. Immer wenn wir Blut zeigen, kommt die Kritik: "Ihr setzt doch wieder nur auf das Grauen. Das muss doch nicht sein".
Kommt es auch oft zu Beschwerden?
Ombudsmannfälle gibt es praktisch keine. Meist sind es persönliche Einschätzungen von Leuten, die finden, dass wir über die Stränge hauen oder unsachlich sind. Ich bin dankbar für diese Zuschriften, denn sie sind ein guter Gradmesser. Es kann ja durchaus vorkommen, dass wir von der Redaktion die Bilder nach mehrmaligem Betrachten im Schnitt als weniger schlimm empfinden als die Zuschauer, die die Bilder nur einmal sehen.
Puls deckt selten Ärzteskandale oder Ähnliches auf. Will die Sendung kein "Kassensturz" der Medizin sein?
Nein. Das liegt ganz klar in der Positionierung des Formats. Wir sind ganz klar ein Ratgebermagazin und keine Ärzte-Schlachtshow. Als wir per Zufall mal über einen Ärzte-Skandal gestolpert sind, haben wir auch einen investigativen Bericht gemacht. Es ist jedoch weder unser Auftrag noch ist es sinnvoll, irgendwelche Skandale aufzuspüren und ein Misstrauen in die Ärzte zu schüren. Puls soll aber auch keine Plattform sein, bei der jeder Arzt seinen Werbespruch loswerden kann.
Patientenschicksale sind ein Hauptteil der Sendung. Wie weit geht die emotionale Betroffenheit auf der Redaktion?
Die einzelnen Schicksale nehmen die Redaktion sehr mit. Insbesondere natürlich bei Patienten, die man über längere Zeit begleitet und die dann sterben. Man baut Beziehungen zu diesen Menschen auf, das geht einem dann teilweise sehr nahe. Diese Betroffenheit verliert man auch mit Jahren der Erfahrung nicht. Für blutige Bilder kriegt man irgendwann das Kameraauge, doch Begegnungen mit Menschen sind immer einzigartig und emotional.
Ist es schwierig Patienten und Betroffene zu finden, die sich für die Sendung zur Verfügung stellen?
Das ist die Hauptaufgabe der Redaktoren. Leute mit einer bestimmten Krankheit zu finden, ist das Allerschwierigste. Da versucht man dann über Ärzte, Selbsthilfegruppen etc. an Namen zu kommen. Diese Personen dann dazu zu bewegen, sich in der Sendung zu öffnen, ist Redaktorengeschick. Hier geht es immer darum, Vertrauen zu gewinnen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.
Sie haben selbst als Arzt praktiziert. Wie wichtig ist das für ihre Funktion als Redaktionsleiter?
Es hilft bei der Bewertung von Themen. Es kann sich aber auch in den Weg stellen, da ich teilweise einen Spezialistenblick auf die Themen habe. Wir hören oft den Vorwurf, dass wir sehr schulmedizinisch orientiert seien. Das wäre auch nachvollziehbar, wenn wir auf der Redaktion nur Schulmediziner wären. Wir haben aber nebst unserem Puls-Hausarzt nur zwei Ärzte, die in ratgeberischer Art und Weise für die Redaktion arbeiten.
Wie gehen sie denn mit Themen aus der Alternativmedizin um?
Da wir ein ratgeberorientiertes Magazin sind, müssen wir jeweils beurteilen können, ob eine Technik oder ein Medikament empfehlenswert ist oder nicht. Dies ist in der Komplementärmedizin schwierig, da wir keine medizinische Evidenz nachweisen können. Es bleibt oft eine Glaubensfrage. Wir berichten deshalb nur fallorientiert über diese Themen.
Puls hat bereits mehrere Male mehrstündige Operationen live übertragen. Sind weitere Sondersendungen wie "Herznacht" geplant?
Das sind sehr ressourcenintensive Projekte. Derzeit sind die Produktionsbedingungen und die personelle Decke enger, deshalb sind momentan keine solchen Sondersendungen geplant.
Zum Jubiläum vom Montag: Was ist für die Jubiläumssendung geplant?
Es gibt Wiedersehen mit Patienten von früheren Sendungen und ehemaligen Moderatoren. Weiter zeigen wir Entwicklungen der Medizin auf und natürlich auch ein Zusammenschnitt der Best-Off-Sendungen.
(Interview: Corinne Bauer)