Frau Zimmermann, Herr Stroppel, "Jeder Rappen zählt" geht in die zweite Runde. Was ist nebst den Moderatoren in der Box und Thema neu?
Dominik Stroppel: Letztes Jahr waren wir völlig überrascht und überwältigt von den unzähligen Sammelaktionen, die spontan in der ganzen Schweiz entstanden sind. Dem wollen wir dieses Jahr Rechnung tragen. Judith Wernli wird als Reporterin aus der ganzen Schweiz von den Sammelaktionen berichten.
- Nadja Zimmermann: Und Mario Torriani reist während der Spendenwoche in den Kongo. Eine Woche lang berichtet er täglich mehrmals live direkt aus einem aktuellen Krisengebiet.
Was soll gegenüber dem letzten Jahr noch verbessert werden bzw. mit was waren Sie bei der Premiere noch nicht zufrieden?
DS: Es gibt nicht das eine grosse Learning, aber wie in jeder Sendung eine Vielzahl von kleinen Verbesserungen, die wir vorgenommen haben: Angefangen von der Grösse des Glasschlitzes, damit die Besucher in Bern ihre Rappen nicht einzeln durch den Schlitz zwängen müssen, über den Auszug der Moderatoren, den wir etwas bescheidener gestalten wollen, bis zur Schriftgrösse der Spenden-SMS, die dieses Jahr viel besser lesbarer sein sollen.
- NZ: In diesem Jahr wollen wir bei Radioberichterstattungen ausserdem so oft wie möglich das Bild dazu liefern.
Gesammelt wird dieses Jahr für "Kinder in Kriegs- und Konfliktgebieten". Aus was für Gründen hat man sich für dieses Thema entschieden? Was waren die Alternativen?
Dominik Stroppel: Wir haben sehr früh im Jahr eine Umfrage unter den Schweizer Hilfswerken gemacht und sie um Vorschläge gebeten. Die Partnerstationen in Holland, Belgien und Schweden haben dasselbe in ihren Ländern gemacht. Relativ bald kristallisierte sich heraus, dass wir für Menschen sammeln möchten, die Opfer von Kriegen und Konflikten sind. Ein Krieg, der vorbei oder zumindest nicht mehr in den Schlagzeilen ist, gerät schnell einmal in Vergessenheit. Die Menschen vor Ort leider aber teilweise noch Jahrzehnte unter den Folgen. Dies gilt vor allem für Kinder, und darauf wollen wir aufmerksam machen.
Für die Sammelaktion gegen Malaria sind bis jetzt über 9 Millionen Franken gespendet worden. Glauben Sie, dass die Spendierfreudigkeit für Kinder noch grösser ist?
- NZ: Da wage ich keine Prognose. Und wir sind ja auch keine Sportveranstaltung, die nur erfolgreich ist, wenn ein neuer Weltrekord aufgestellt wird. Ich hoffe einfach, dass viel Geld zusammenkommt, um Kindern im Krieg zu helfen. Je mehr Spenden wir sammeln, umso mehr Hilfsprojekte kann die Glückskette unterstützen.
"Jeder Rappen zählt" basiert auf dem niederländischen Original "Serious Request". Wie arbeiten Sie mit den Machern aus Holland zusammen?
DS: "JRZ" ist ein Projekt, bei dem Improvisation, Fantasie und "Unkompliziertheit" eine wichtige Rolle spielen. Und so erlebe ich auch die Zusammenarbeit mit den anderen drei Ländern: Wir tauschen uns aus, berichten uns gegenseitig von den Ideen, die wir umsetzen möchten. Natürlich konnten wir vor allem letztes Jahr, als wir als "Neulinge" zur "Serious Request"- Familie gestossen sind, extrem von den Erfahrungen der anderen Länder profitieren. Völlig unkompliziert haben uns die Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Ländern mit Tipps und Ideen versorgt.
- NZ: Zum gegenseitigen Austausch gehört auch, dass wir unseren Zuschauerinnen und Zuschauern zeigen wollen, wie die Glasbox in Holland, Schweden oder Belgien aussieht und was die Höhepunkte in unseren Partnerländern sind.
Gibt es Vorgaben, die in den verschiedenen Ländern eingehalten werden müssen? Welche?
DS: Gemeinsam sind natürlich die Grundidee, dass drei Radiomoderatoren eine Woche in einer Glasbox verbringen und dass die Musik vom Publikum bestimmt wird. Beim Sammelthema gibt es ein gemeinsames Oberthema, dieses Jahr ist dies "children in conflicts", wobei sich jedes Land für einen eigenen Hauptfokus entscheiden kann. Daneben gibt es eine sehr kleine Zahl von gemeinsamen Punkten, an die sich alle Länder halten: der gemeinsame Termin - alle Länder haben mindestens einen Tag "Überlappung", die typische Form des Studios und als äusseres Kennzeichen den Erdball mit dem Heftpflaster.
Was für Hilfswerke profitieren dieses Jahr von "Jeder Rappen zählt"?
DS: Definitiv ist das erst klar, wenn das Spendenresultat feststeht und die Glückskette alle eingereichten Projekte geprüft hat. Je mehr Geld wir sammeln, umso mehr Hilfsprojekte kann die Glückskette berücksichtigen. Für das letztjährige Spendenthema Malaria sind es bis jetzt 26 Projekte von 14 Hilfswerken, die dank "JRZ" unterstützt werden können.
"Jeder Rappen zählt" geniesst eine unglaubliche Medienpräsenz. Während einer Woche berichtet DRS 3 rund um die Uhr und SF zwei während vielen Stunden live vom Event. Andere Hilfswerke befürchten, dass sie wegen dem Projekt zu kurz kommen. Ihre Meinung?
DS: Jeder Rappen, den wir sammeln, geht an die Glückskette und von dort weiter an die Schweizer Hilfswerke - und zwar ohne einen Rappen Abzug! Persönlich bin ich überzeugt, dass wir mit "JRZ" ein anderes, jüngeres Publikum zum Spenden motivieren. Davon profitieren mittel- und langfristig sicher auch die Hilfswerke.
- NZ: Und letztlich zeigt die ZEWO-Statistik des letzten Jahres, dass die Schweizerinnen und Schweizer 2009 trotz (oder vielleicht sogar wegen) "JRZ" mehr gespendet haben als im Vorjahr.
Frau Zimmermann, bis vor kurzem moderierten sie die Sendung "Glanz und Gloria". Warum der Wechsel aus der Glitzerwelt zu JRZ?
NZ: Ich war bei "Jeder Rappen zählt" bereits im letzten Jahr Produzentin und TV-Verantwortliche, also noch mitten in der "glanz & gloria"-Zeit. Meine Kündigung hatte mit "JRZ" nichts zu tun - ich wusste damals nicht mal, ob es ein "JRZ 2010" geben wird. Da ich seit rund zehn Jahren als Produzentin arbeite, und mich bei "glanz & gloria" mehr oder weniger auf die Moderation beschränkte, war das für mich eine ganz natürliche Entwicklung.
Als Produzentin sind Sie nun hinter der Kamera. Hätte es Sie auch gereizt, wieder vor der Kamera sprich in der Glasbox zu sitzen und zu moderieren?
NZ: Nein, gar nicht. Warum auch? Da drin wird Radio gemacht. Meine Radiozeit ist Jahre her, da wäre ich in der Glasbox ziemlich aufgeschmissen.
Man setzt auf ein neues Moderatoren-Trio. Warum?
NZ: "Jeder Rappen zählt" sieht im Konzept vor, dass ein Teil des Moderationsteams bei einer erneuten Durchführung des Spendenprojekts ausgewechselt wird. So können die letztjährigen Moderatoren ihre bereits gemachten Erfahrungen in der Aussenmoderation oder auf Reportagen einsetzen. Und die neuen Moderatoren können, wie jetzt dieses Jahr der Fall, von der letztjährigen Erfahrung Nik Hartmanns profitieren.
Ich gehe davon aus, dass auch Sie beide einen oder zwei Rappen spenden. Ihre persönliche Motivation?
DS: Die Woche auf dem Bundesplatz war letztes Jahr eine ziemlich teure Woche für mich. Ich konnte an keinem Kässeli eines Kindes, das Guetzli oder selber gemachte Zeichnungen verkauft hat, vorbei gehen, ohne etwas zu spenden. Aber es reut mich kein Rappen. Erstens ist das Lächeln der kleinen und grossen Sammler und Sammlerinnen Gold wert. Und zweitens weiss ich, dass die Gelder bei der Glückskette und den angeschlossenen Hilfswerken wirklich an einem guten Ort sind. Und dass wir damit echt etwas bewirken können.
- NZ: Bei mir war es genauso - die "JRZ" -Woche wurde teuer. Ich unterstütze aber ohnehin jedes Jahr diverse Hilfsorganisationen - und ich tue das aus Überzeugung. Ausserdem habe auch ich, vor allem jetzt wo ich einen tieferen Einblick erhalten habe, grosses Vertrauen in die Glückskette. Mir ist sehr bewusst, dass wir alle hier sehr behütet sind und ich setze mich stark mit den zum Teil äusserst traurigen Lebensumständen in anderen Ländern auseinander. Da ist es für mich nur logisch, dass ich helfen möchte. Es bricht mir das Herz, wenn ich an die vielen Kindern denke, die schon mit drei oder vier Jahren auf der Flucht sind, kein Zuhause, keine Eltern, keine Sicherheit haben. Ständig in Angst leben müssen und misshandelt werden.
(Interview: Corinne Bauer)