Herr Buess, Die "TagesWoche" ist aus dem Unmut angesichts der Entwicklungen bei der BaZ entstanden. Hat es die Zeitung mittlerweile geschafft, beim Publikum Begeisterung auszulösen?
Das Konzept unserer Zeitung muss man unabhängig von der Mediensituation in Basel anschauen. Wir bieten einmal pro Woche Vertiefung und Hintergründe im Print, und täglich News auf dem Netz. Damit bewegt sich unser Zeitungsprojekt in dem Rahmen, den ich auch als die Zukunft des Zeitungsgeschäfts erachte. Gebetmühleartig haben wir von Anfang an immer wieder gesagt, dass wir keine Anti-BaZ sein wollen, gewisse Leute haben es uns trotzdem nicht geglaubt. Wir spürten aber schon vor der Lancierung der ersten Zeitung sehr viel Goodwill in der Bevölkerung und über erste Mängel wurde grosszügig hinweggesehen. Die Abos sind stetig gewachsen. Wir sind Profiteure der Mediensituation in Basel, aber wir definieren uns seit unserem Anfang vor einem Jahr nicht in Abgrenzung zur BaZ.
Am Anfang wurde in Artikeln über Ihre Zeitung moniert, die "TagesWoche" agiere mutlos und etwas gar zurückhaltend. Sehen Sie das rückblickend auch so?
Unsere Ansage, keine Anti-BaZ sein zu wollen, hat am Anfang tatsächlich zu einer übervorsichtigen Berichterstattung geführt. Wenn ich unsere ersten Ausgaben anschaue, tendiere ich auch dazu, einige unserer Artikel als von ausgewogen bis etwas langweilig zu beurteilen. Mittlerweile sind wir viel mutiger und prononcierter geworden, das wird uns übrigens auch von den Lesern attestiert.
Ex negativo sagen Sie, die "TagesWoche" ist keine Anti-BaZ. Was ist sie dann?
Die Zeitung ist geprägt von jungen, urbanen Journalisten, die ohne ideologische Scheuklappen die Welt betrachten, linke und rechte Positionen gleichermassen hinterfragen. Will man unser Produkt aber in einem Links-Rechts-Schema einordnen, so stehen wir natürlich links von der BaZ. Das ist auch nicht schwierig, denn Markus Somm sorgt dafür, dass die BaZ so rechts ist, dass weiter rechts von ihr keine Zeitung mehr existieren könnte. Wir sind vor allem online sehr kulturlastig, repräsentieren auch stark eine junge Kultur. Kunst hat in Basel einen hohen Stellenwert, wir versuchen dieser Bedeutung mit unserer Zeitung gerecht zu werden. Schwächen sehe ich vor allem noch im Bereich Literatur. Wir schreiben vor allem für ein jüngeres Publikum, zwischen 20 und 45 Jahren, aber wir erreichen gerade mit der Printausgabe auch ältere Leser und bieten diesen Stoff zur Auseinandersetzung.
Laut den letzten Wemf-Zahlen hat die "TagesWoche" eine beglaubigte Auflage von 22'500. Das ist ein grosser Erfolg für eine neue Zeitung. In drei Jahren sind die Beiträge der Stiftung für die "TagesWoche" von Frau Beatrice Oeri aufgebraucht. Was passiert dann?
Wir hoffen und strengen uns an, dass wir bis dann selbsttragend sind und uns selbst finanzieren können. Im Abo-Bereich sind wir über Erwarten sehr gut gestartet, auch die Erneuerungen der Jahresabos laufen erfreulich gut. Steigerungspotenzial bei den Abonnentenzahlen ist aber nach wie vor vorhanden. Noch nicht so gut auf Kurs sind wir im Anzeigenbereich. Wir haben im Print fünf bis sechs Seiten Werbung. Es sollte möglich sein, diese Zahl zu verdoppeln. Im Marketing sind eine personelle Verstärkung und neue Konzepte geplant, die wir bald auch kommunizieren können.
Was muss bis in drei Jahren konkret passieren, dass sich die Zeitung selbst monetarisieren kann?
Ich bin nicht so der Zahlenmensch wenn wir im Anzeigengeschäft aber vorwärts machen, sollte es klappen. Mit der Auflage sind wir im Plan, aber weiteres Potenzial ist vorhanden: Wir sind in der Medienszene zwar bekannt geworden, in der Stadt Basel können wir aber noch populärer werden. Das liegt auch daran, dass uns die BaZ vollständig verschweigt und konsequent nicht zitiert, wenn sie Geschichten von uns nachzieht. Im Gegensatz zur BaZ macht das die "bz Basel".
Ist es denkbar, dass Frau Oeri die Stiftung nach drei Jahren weiter mit Geld speisen wird?
Es ist nicht die Meinung, dass wir in drei Jahren bei Frau Oeri klingeln, um ihr mitzuteilen, dass uns noch ein paar Millionen fehlen.
Gibt es eine klare Korrelation bei der Zunahme Ihrer Abonnentenzahlen bei gleichzeitiger Abnahme der Abonnentenzahlen der BaZ? Geht bei der "TagesWoche" die Säule hoch, wenn sie bei der BaZ runter geht?
Die Korrelation ist nicht so klar, aber bei gewissen Ereignissen bei der BaZ, etwa als bekannt wurde, dass sie von Christoph Blocher finanziert wird oder wenn Markus Somm einen ganz scharfen Kommentar schreibt, steigen bei uns die Abo-Zahlen tatsächlich.
Ein scharfer Somm-Artikel ist also die beste Werbung für Ihre Zeitung.
Gewissermassen schon, bei einzelnen extremen Ereignissen ist eine Korrelation erkennbar.
Hat sich Ihr kombiniertes Konzept von täglichen News online und Vertiefung in einer wöchentlichen Printausgabe eigentlich bewährt? Und: Führte dieser doppelte Effort bei der kleinen Redaktion nicht zu einer Zerreissprobe?
Es war am Anfang eine grössere Zerreissprobe als jetzt. Klar ist, jeder Mitarbeiter, der zu uns gekommen ist, kam aus freien Stücken, von allem Anfang an im Wissen, dass er für Online und Print arbeiten wird. Das Konzept hat sich in unserer Redaktion eingespielt, allerdings müssen wir uns noch bemühen, unsere Leser mehr auf unser kombiniertes Angebot aufmerksam zu machen. In unserem Publikum gibt es immer noch viele, die nur einen Teil, also entweder Print oder Online aktiv wahrnehmen.
Aber wie steht es konkret um die Belastung Ihrer Mitarbeiter?
Wir sind in einer Pionierphase, da ist es so, dass der Einzelne mehr leisten muss als in einer etablierten Redaktion. Manchmal denke ich schon, dass alle hier sehr viel, vielleicht ein bisschen zu viel arbeiten. Wir müssen schauen, dass wir unsere Leute nicht verheizen.
Die Online-Inhalte sind immer noch gratis. Ist die Paywall ein Thema?
Wir werden bis Ende Herbst eine App herausbringen, mit der man unsere Print-Inhalte lesen kann. Als kleiner Anbieter werden wir in Sachen Paywall nicht voranschreiten können, aber wir beobachten natürlich genau, was in dieser Hinsicht passiert.
Sie haben unter Ihren Lesern einen Aufruf gemacht und nach einem Jahr um Feedbacks zu Ihrer Zeitung gebeten. Was ist dabei herausgekommen?
Wir haben vor allem positive Kommentatoren angezogen: Die "TagesWoche" wird als profilierte Zeitung und für viele Leser als schon für unverzichtbar angesehen. Gelegentlich kommen als Kritikpunkte, wir würden zu reisserisch schreiben und seien zu 'links' positioniert.
Sie sind selber schon auf die Basler Zeitungslandschaft zu sprechen gekommen. Wie würden Sie diese im Allgemeinen einschätzen?
Das dominierende Medium in Basel ist die BaZ, sie hat eine lange Tradition und ist mit Abstand am grössten. Wir sind an einem Punkt, wo es schwer zu beurteilen ist, wohin die Reise geht. Man ahnt es lediglich. Neben der BaZ sind wir da, die für einen erfrischenden Wind sorgen, aber da wir keine Tageszeitung herausgeben, können wir die Rolle der BaZ nicht übernehmen und sind nur begrenzt eine Alternative. Als dritten Akteur haben wir Wanner, der mit dem "Sonntag" und der "bz Basel" versucht, in den Markt einzudringen. Er müsste von der Situation in Basel eigentlich mehr profitieren, als dies tatsächlich der Fall ist.
Woran liegt das?
Basel Landschaft und "bz Basel" haben immer noch den Stallgeruch von Liestal und das passt den städtischen Baslern überhaupt nicht. Vielleicht wird sich das im November ändern, wenn Matthias Zehnder, der neue Chefredaktor, kommt. Die AZ Medien haben es definitiv noch nicht geschafft, an der BaZ zu rütteln.
Dass die AZ Medien um die Basler Leserschaft buhlen, bekommen Sie gar nicht gross zu spüren?
Nein, eigentlich nicht. Der "Sonntag" ist allenfalls das auffälligste Medium der AZ Medien. Dieser versucht Basler Themen zum Teil so zu behandeln, wie wir das auch machen.
Sie sagten bezüglich der BaZ, man wüsste nicht, was mit Ihr genau passieren würde, hätte aber eine Ahnung. Was ist Ihre Ahnung?
Die BaZ will sich nur auf ihr Zeitungsgeschäft konzentrieren, keymedia wurde aufgelöst, die Druckerei wird wohl verkauft werden. Mit Rolf Bollmann hat sie einen neuen Verlagsleiter aus dem Tamedia-Umfeld. Die BaZ übernimmt redaktionelle Inhalte des Tagesanzeigers und des Magazins. Das ist alles kein Geheimnis. Die Schere zwischen den Tamedia-Beiträgen und denjenigen der BaZ geht weit auseinander. Ob das auf Dauer gut gehen kann, bezweifle ich. Man wird mit der BaZ künftig wohl noch einige Überraschungen erleben.
Wie sieht Ihre Prognose für die Basler Medienlandschaft in 5 Jahren aus?
(überlegt lange) Das ist sehr schwierig zu sagen. Die BaZ wird es weiterhin geben, die "bz Basel" wird ihre Position noch verbessern und ich bin überzeugt, dass es auch die "TagesWoche" dann noch geben wird.
Deutlich ist, dass Sie das Schicksal der BaZ doch noch sehr beschäftigt.
Ich habe mich von der BaZ besser gelöst, als ich das für möglich gehalten hätte. Wirklich traumatisiert bin ich nicht (lacht). Aber klar, ich habe dort gearbeitet, einige wenige ehemalige Kollegen von mir arbeiten noch bei der BaZ und ich muss mich in meiner jetzigen Position natürlich mit den wenigen Zeitungen in Basel auseinandersetzen.
Wie feiern Sie den ersten Geburtstag der "TagesWoche"?
Wir werden einen kleinen Apero machen, feiern bescheiden mit der Redaktion. Vielleicht gibt es dann ein grosses Fest, wenn wir es geschafft haben, uns in fünf Jahren ganz zu etablieren.
Interview: Benedict Neff