"Wir sollen einfach drauflosschwatzen"

Joiz - Vor der Kamera fühlt sie sich pudelwohl: Joiz-Moderatorin Gülsha Adilji jongliert in ihrer Sendung "Noiz" meisterlich mit heisser Luft und hat damit massgeblich dafür gesorgt, dass der crossmediale Jugendsender innert zwei Jahren eine breite Zuschauerschaft gefunden hat. Am 8. Februar wird ihr vom "Schweizer Journalist" der Preis für den Newcomer des Jahres 2012 verliehen. Und dabei behauptet die 27-Jährige, sie sei gar keine Journalistin und wisse auch nicht, wie die Jugend tickt. Zum Interview:

Gülsha Adilji, Sie sind kürzlich von den Lesern des “Schweizer Journalist” zum Newcomer des Jahres 2012 gewählt worden.

Ja, das stimmt. Was ich nicht weiss: Gibt es da eigentlich tatsächlich einen Preis? Kriegt man da eine Trophäe?

Ich bin nicht sicher. Was hätten Sie denn gerne für eine Trophäe?

Irgendein Stein wär gut. So ein grauer Klotz, auf dem man den Staub nicht so gut sieht. Sowas wie einen Swiss Music Award. Sowas wo die Leute mich dann fragen: "Gülsha, wo hast du bloss das Ding her? Aus dem Garten?"

Also so etwas wie ein Findling soll es sein.

Genau, ein Findling. Die Auszeichnung ist ja schliesslich auch so etwas wie ein Findling.

Ich finde fast täglich zu Joiz, obwohl ich doppelt so alt wie die Hauptzielgruppe bin. Ich bleibe immer wieder beim Zappen dort hängen.

Ach, dann sind Sie einer von den sieben Zuschauern, die wir haben!

Sie kokettieren. Haben Sie eine Erklärung, warum man bei Joiz, und speziell bei Ihrer Sendung "Noiz" hängen bleibt?

Ganz ehrlich: Ich bleibe jeweils auch bei Joiz hängen. Dabei sitz ich dann ja zuhause auf dem Sofa und will mit der Arbeit eigentlich gar nichts zu tun haben. Und dann schaue ich trotzdem: Was macht Alexandra da im "Living Room"? Wieso hat sie zum Beispiel das "Rockstar"-Magazin in der Hand? Und wieso ist das Gespräch mit diesem Künstler, der neben ihr sitzt so seltsam? Auch für mich ist das Programm ein mega Abenteuer. Es ist so unverfälscht. Wenn etwas abkackt, dann kriegst man’s voll mit.

Ich empfinde das Programm als sehr einladend. Man wird als Zuschauer direkt angesprochen und willkommen geheissen.

Ja, das ist auch das Konzept. Die Geschäftsleitung bläut uns das immer wieder ein. Da heisst es dann zum Beispiel: "Du hast moderiert in der letzten Sendung! Mach das nicht. Schwatz einfach drauflos." - Moderieren kann ich ja eh nicht.

Sie können also gut drauflos labern. Und sonst?

Äh... stricken kann ich gut. Ich stricke mir gerade einen Schal.

Okay, ich spezifiziere meine Frage: Was qualifiziert Sie zum Fernsehmachen?

Ich kann mega gut ich selber sein vor der Kamera. Und mir ist sehr wenig peinlich. Sachen einordnen kann ich auch ganz gut.

Dass Ihnen wenig peinlich ist, ist schön. Aber wieso muss man das den vor der Kamera ausleben?

Wieso nicht? Das ist doch das Schönste, wenn jemand nicht verklemmt ist und frei über Sachen reden kann. Man will ja nicht jemandem zuschauen, der rumstottert und verkrampft wirkt. Ich glaube, dass das wichtig ist, wenn man vor einer Kamera steht. Es ist nicht so, dass ich deswegen Fernsehen mache.

</div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Sie gehen vor der Kamera manchmal bis an Ihre Grenzen. Und überschreiten sie auch. Für den Bericht über den Marsch ans Open Air Frauenfeld haben Sie in vier Tagen über 140 Kilometer zu Fuss zurückgelegt. Auch bei den Vorbereitungen bei sich zuhause haben Sie die Kamera auf sich gerichtet. Wieso macht man das?</p></div><div class="answer"><p>Wir wollten dokumentieren, wie das ist, wenn man den Frauenfeldmarsch von A bis Z mitmacht. Dadurch, dass ich mich bei den Vorbereitungen zu Hause gefilmt habe, gibt man einen zusätzlichen Einblick: Ich stehe am Morgen auf, es ist verdammt früh, ich esse mein Müesli, ich bin mental super vorbereitet. Und natürlich ist es auch Entertainment. Man will den Leuten ja etwas bieten. Wenn man solche Sachen zeigt, das Unmaskierte, das ist ja genau das, was die Leute spannend finden. Meine eigene Sendung ist mein Baby, und ich mache alles dafür sie so spannend wie möglich zu gestalten.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Aber unter der Dusche hätten Sie sich nicht gefilmt, oder?</p></div><div class="answer"><p>Das haben Sie wahrscheinlich verpasst: Ich habe auch gezeigt, wie man gleichzeitig duschen und Kaffee trinken kann. Tja. Es gibt auch Leute, die unter der Dusche rauchen. Sie nicht?</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Da hatte "Noiz" also einen klaren Inhalt: Gülsha leidet am Marsch nach Frauenfeld. Manchmal wird bei Joiz, und auch in Ihrer Sendung, im luftleeren Raum jongliert.</p></div><div class="answer"><p>Das würde ich jetzt nicht sagen. Mittlerweile haben wir die Sendung schon so gebastelt – und basteln immer weiter – , dass wir wirklich einen Inhalt transportieren können. Wer “Noiz” schaut, weisst nachher ein kleines bisschen mehr.</p></div></div><div class="html"><iframe width="440" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/4w4CQtpPct8" frameborder="0" allowfullscreen=""/></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Was erfährt man denn?</p></div><div class="answer"><p>Man erfährt ein bisschen etwas über Sachen, die auf der Welt passieren. Über Musik, Kultur, Online-Videos, Tweets von Opinion Leadern und so weiter. Das sind vielleicht Dinge, die für Sie nicht so relevant sind, aber für jüngere Menschen sind das Sachen, die spannend sind. Es gibt ein Segment unserer Zuschauerschaft, das sich für weltpolitische Geschehnisse wie zum Beispiel in Syrien überhaupt nicht interessiert. Wir versuchen ihnen das dann irgendwie zu vermitteln.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Sie sehen "Noiz" also als Newssendung?</p></div><div class="answer"><p>Nein, wir machen keine Newssendung – auch wenn wir manchmal so kategorisiert werden. Das Sendekonzept umfasst Neuigkeiten, bzw. "Noise", das was Lärm macht. Wir versuchen die grossen Themen aufzugreifen, die in der Luft liegen.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Sie lesen also "20 Minuten" und "Blick am Abend" für uns...</p></div><div class="answer"><p>...und "Die Welt" und "Spiegel Online" und Klatsch und Tratsch, bild.de, SI Online, etc.. Ich scanne das alles jeden Morgen. Und dann versuche ich die Hauptthemen rauszufiltern.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>"Noiz", das sind einfach Sie, oder?</p></div><div class="answer"><p>Ich und Julian Thorner. Wir bilden das Redaktions- und Moderationsteam. Ganz am Anfang von Joiz gab es eine grobe Richtung für "Noiz". Wir haben die Sendung dann immer weiterentwickelt. Da noch eine Rubrik, hier noch etwas Neues.</p></div></div><div class="html"><iframe width="440" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/4-fHqCshfaA" frameborder="0" allowfullscreen=""/></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Joiz flirtet sehr eng mit der Markenwelt. Brands wie Zweifel, Migros Budget, Mini sponsern Sendungen.</p></div><div class="answer"><p>Ja, unsere Sendung ist eine Weile lang von einer Computerfirma gesponsert worden. Vorher hatten wir einen Hi-Fi-Hersteller als Sponsor. Wenn gewünscht, lassen wir deren Angebote auch redaktionell einfliessen.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Stellt das für Sie kein Problem dar?</p></div><div class="answer"><p>Nein. Wir können da oft coole Sachen draus machen. Bei dem Kopfhörer-Hersteller haben wir die Dinger in der Sendung angezogen und dann Musikstücke gesummt, die die Zuschauer erraten mussten. So haben wir Kopfhörer verlost. Wie wir die jeweiligen Sponsoren einbauen, ist uns überlassen.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Aber die Marke, der Sponsor bestimmt über einen Teil des Inhalts der Sendung?</p></div><div class="answer"><p>Ja, das ist so.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Sie waren für den Titel "Journalist des Jahres 2012" nominiert. Nun sind Sie "Newcomer des Jahres 2012" geworden. Sie selber kommentierten Ihre Nomination mit den Worten: "Vielen Dank, aber ich bin gar keine Journalistin." Was sind Sie denn dann?</p></div><div class="answer"><p>Ich produziere eine Sendung, ich bin Redaktorin und Moderatorin.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Aber das sind doch journalistische Tätigkeiten, oder nicht?</p></div><div class="answer"><p>Ich weiss auch nicht. Natürlich. Aber...</p></div></div><div class="html"><iframe width="440" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/4SQwgog5l4s" frameborder="0" allowfullscreen=""/></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>...haben Sie das Gefühl, der Journalist steht über Ihnen?</p></div><div class="answer"><p>Für mich war das vor allem darum schwierig, weil ich dann nachgeschaut habe, wer sonst noch nominiert ist und wofür. Da hiess es dann: Kriegsberichterstattung aus Syrien und solche Dinge. Und bei mir stand einfach: Joiz-Moderatorin. Ich habe überhaupt nicht in die Liste gepasst. Gar nicht. Ich glaube nicht, dass ich auf dem Niveau spiele. Ich spiele nicht mal das gleiche Spiel.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Ihre Bosse behaupten, bei Joiz wisse man wie die Jugend tickt. Wie weiss man das mit 27?</p></div><div class="answer"><p>Das behaupte ich nicht von mir. Ich weiss nicht, wie die Jugend tickt. Ungefähr vielleicht. Aber ich bin sicher keine Expertin in Jugendfragen.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Mit welcher Fragestellung gehen Sie denn an die Themen heran?</p></div><div class="answer"><p>Wir fragen uns: Was ist der heisseste Scheiss des Tages? Welche Themen liegen in der Luft? - Manchmal ist das auch Justin Bieber, weil der einen neuen Song hat. Da sagen wir dann aber auch, dass wir den selber scheisse finden.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Wo findet man den "heissesten Scheiss"?</p></div><div class="answer"><p>Im Musik- und Kulturbereich bei Hypetrack, über Twitter oder auf der Facebook Wall eines Opinion Leaders. Und Julian ist da auch sehr beschlagen.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Sie produzieren eine vielbeachtete Sendung, haben über 3000 Facebook Freunde und über 2200 Twitter Follower. Sind Sie selber ein Opinion Leader?</p></div><div class="answer"><p>Nein. Nur weil ich Eistee trinke, trinkt niemand anders auch Eistee.Ich mache mir gar nicht so viele Gedanken. Wieso auch? Das blockiert nur. Dann hätte ich permanent 15 Scheren im Kopf, die mir das Leben schwer machen würden.</p></div></div><div class="question_answer"><div class="question"><p>Hat sich eigentlich schon jemand mit einem Jobangebot bei Ihnen gemeldet?</p></div><div class="answer"><p>Nein, niemand. Auch wenn mir alle sagen: "Hey, bald bist du eh beim SF! Wirst schon sehen." - Äh sorry, das Ding heisst ja jetzt SRF. Im Ernst: Im Moment kann ich mir nichts Cooleres vorstellen als mit Julian "Noiz" zu machen. Ich bin wirklich happy.</p></div></div><p class="text"><p>Interview: Adrian Schräder/Bilder: Lukas Maeder (<a data-cke-saved-href="http://www.lukasmaeder.ch" href="http://www.lukasmaeder.ch" target="_blank">lukasmaeder.ch</a>)</p></p>