"Wir waren ein richtiges Kampftrüppli"

- Diese Woche läuft der zweite Teil der "10 vor 10"-Serie "Lebensader Mekong", für die Moderatorin Daniela Lager drei Wochen in Südostasien unterwegs war – von Vietnam über Kambodscha bis nach China ins Grenzgebiet zu Tibet. Die Serie gibt Einblick in eine Welt, die geprägt ist vom Lauf und den Launen des Flusses. "persoenlich.com" unterhielt sich mit Daniela Lager über Flashbacks, Schmuggler und warum sie Reisen wie diese nicht als Verschwendung von Gebührengeldern sieht. Das Interview:

Frau Lager, Sie sind seit drei Wochen zurück. Sind Sie auch geistig zuhause angekommen?

Nicht ganz. Ich habe immer noch Flashbacks – wenn ich gewisse Dinge sehe oder auf der Reise gekaufte CDs höre, gehen mir Bilder durch den Kopf und bin wieder zurück in Südostasien. Auch wenn ich da vermutlich nie wirklich angekommen bin.

Wie meinen Sie das?

Wir haben vom Drachendelta bis Shangri-La in drei Wochen 3800 Kilometer zurückgelegt, 5 Länder besucht, unzähligen Kulturen und verschiedenen Menschen angetroffen. Zu viel in zu kurzer Zeit, um alles begreifen zu können, was wir gesehen und erlebt haben. Erst, seit ich zurück bin, das Material geschnitten und vertont habe und die Sendung sehe, hat der Verarbeitungsprozess langsam eingesetzt.

Wussten Sie denn nicht, was Sie erwartet?

Natürlich. Diese Reisen werden bei uns nicht von oben herab bestimmt, sondern im Team erarbeitet. Jeder kann Vorschläge bringen. Nachdem Susanne Wille zweimal den Schienen entlang gereist war, war für mich klar, dass dieses Mal ein Wasserweg im Mittelpunkt stehen muss. Denn an Flüssen leben oft viele Menschen. Und wo viele Menschen leben, gibt es spannende Geschichten zu erzählen. Am Schluss standen drei Reisen zur Diskussion, die spannend gewesen wären. Die Entscheidung fiel dann auf die Reise entlang des Mekong – darüber war ich happy.

Und Ihr Mann?

Er hat mir als Erstes gesagt: "Riskier nicht zu viel - du weisst, du hast Familie." Aber das hätte ich ihm auch gesagt, wäre er in eine Region gereist, in der Dengue-Fieber und Landminen ein Problem sind. Aber ich habe mich, was die Risiken angeht – nicht anders verhalten, als wenn wir privat gereist wären. Gegen die Moskitos hatten wir Spray und Netze dabei. Und in allen anderen Situationen haben wir die Risiken im Team immer abgewägt und uns gemeinsam auf ein Vorgehen geeinigt – dabei mal mehr und mal weniger riskiert.

Wie haben Sie sich auf diese Reise vorbereitet?

Wir haben wochenlang alles über die Region gelesen, was uns in die Finger gekommen ist. Ausserdem waren wir für die genauere Planung der Reise – dank moderner Kommunikationsmittel - in ständigem Kontakt mit unseren zwei Korrespondenten, die in diesem Gebiet wohnen: Barbara Lüthi in Peking und Pascal Nufer in Bangkok. Die beiden sind so nah an Menschen und Leben dran, dass sie uns bei der Erarbeitung konkreter Geschichten extrem unterstützen konnten.

Waren Sie – in Retrospektive – damit auf die Reise vorbereitet?

Bedingt. Das Leben ist eben manchmal anders, als es im Buch steht. Wir haben uns wirklich lange und intensiv vorbereitet, konnten - dank E-Mail und Skype - mit Gesprächspartnern vor Ort schon im Vorfeld in Kontakt treten. Aber gerade was das Zwischenmenschliche und das Empfinden angeht, spürt man erst vor Ort, wie Situationen und Schicksale auf einen wirken, was sie mit einem machen – und kann oft erst reagieren.

Reagieren?

In Kambodscha hatten wir beispielsweise eine Story über die prekäre Trinkwassersituation der Bevölkerung geplant. Schliesslich ist es paradox, dass Menschen, die am drittgrössten Fluss Asiens leben, zu wenig Trinkwasser haben. Doch als wir dann vor Ort waren, Menschen trafen und mit ihnen sprachen, spürten wir, dass wir nicht über dieses Land berichten können, ohne über das Terrorregime der Roten Khmer zu berichten. In den drei Jahren ihrer Herrschaft haben sie rund 1,4 bis 2,2 Millionen Kambodschaner gefoltert und grausam ermordet. Und so haben wir unser Programm kurzerhand umgestellt, Zeitzeugen gesucht und befragt, die am laufenden Prozess als Zivilkläger gegen einen der Drahtzieher des Terrorregimes auftreten.

Das klingt jetzt so einfach ...

Das war es nicht. Aber wir hatten mit Planänderungen und Schwierigkeiten gerechnet. Einzig in China hat uns das Ausmass der Schwierigkeiten überrascht: Als wir im Grenzgebiet zu Tibet gefilmt haben, sind wir – obwohl wir alle nötigen Bewilligungen hatten – von chinesischen Beamten schikaniert und bespitzelt worden. Sie tauchten überall dort auf, wo wir hinkamen. Es lag nahe, dass sie unsere Handys abhörten. Da kam ich mir wirklich vor wie in einem ganz schlechten Agentenfilm.

Haben sie deswegen Flashbacks?

Nein, dieses Erlebnis war einfach sehr unangenehm. Flashbacks habe ich vor allem des Aufenhalts in Kambodscha wegen. Dort haben wir eine unvorstellbare Armut angetroffen, wie ich in der Realität so zum ersten Mal erlebt habe. Und ich habe doch schon einiges gesehen – die Favelas von Rio oder Manila beispielsweise. Aber das Elend, das ich in Pnom Pen hinter den Fassaden eines Kinos, das kurz vor dem Einstürzen ist angetroffen habe, überstieg meine Vorstellungskraft. Da sassen Kinder im Alter meiner eigenen zwischen Schutt und Abfall, mangelernährt und ohne Perspektiven. In diesem Moment fühlte ich mich unglaublich hilflos – was mich wütend und gleichzeitig unglaublich traurig machte.

Weil Sie an Ihre Kinder denken mussten?

Ich habe immer an meine Kinder gedacht, bei jedem Kind, das das im Elend sass. Und als ich dann diesem Kino einen Junge gesehen habe, der ein T-Shirt mit der Aufschrift "I could be your son" trug, hat es mir fast den Magen gedreht. Das war das schrecklichste Erlebnis der ganzen Reise.

Gab es auch ein schönstes?

Das Schönste an der Reise waren die persönlichen Begegnungen. Wir haben eine unfassbare Offenheit und gegenseitige Neugier erlebt – wir sind mindestens genauso viel ausgefragt worden, wie wir Fragen gestellt haben. Diese Begegnungen waren zwar meist sehr kurz, die Gespräche aber immer extrem offen und direkt. Ich fand es unglaublich bereichernd und spannend, mich mit diesen Menschen auszutauschen.

Konnten Sie sich ohne Probleme verständigen?

Dass wir so spontan mit so vielen Menschen auf der Strasse sprechen konnten, war für uns nur darum problemlos möglich, weil wir mit Dolmetschern unterwegs waren.

Die auch mit Konzessionsgeldern bezahlt wurden...

Wir hatten ein extrem kleines Budget – und damit extrem viel Material nach Hause gebracht. Aber wie auch immer: Dass es Zuschauer gibt, die TV-Reisen wie unsere als Verschleuderung von Gebührengeldern sehen, weiss ich. Und ich kann zu einem gewissen Grad auch verstehen, dass der Vorwurf aufkommt, wenn man sich die Sendungen nicht ansieht.

Und wenn man sie sich ansieht?

Dann realisieren die meisten Leute, dass wir nicht einfach ein nette "Reisebrichtli" produziert haben, sondern wirtschaftliche und politische Hintergründe Südostasiens beleuchten, die für die Schweiz von Bedeutung sind. Damit können wir unseren Auftrag als Newsmagazin erfüllen und den Zuschauern auch über Weihnachten und Neujahr, wo newsmässig nicht viel läuft, politisch und wirtschaftlich aktuelle Geschichten zeigen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel über den Pangasius, der bei uns auf dem Teller landet – die meisten Pangasius-Fische werden in Vietnam gezüchtet. Ein anderes Beispiel sind die Party-Drogen, die in Schweizer Clubs auftaucht – der Stoff für einige davon stammt von Feldern und Schmugglern im goldenen Dreieck.

Sie waren also – wie angekündigt – tatsächlich Schmugglern auf der Spur.

Wir haben es probiert. Es wäre vermessen gewesen, wenn wir das Gefühl gehabt hätten, dass wir ins goldene Dreieck kommen, uns einen halben Tag auf die Lauer legen und gleich die grosse Schmugglergeschichte machen zu können. Aber wir waren einen ganzen Tag mit der thailändischen Polizei unterwegs und haben in den Bergen ein Dorf besucht, wo früher Opium angebaut worden ist. Noch heute sind viele Einwohner des Dorfes wegen Drogenschmuggels im Gefängnis. Felder gab es da zwar keine mehr zu sehen, aber dafür Menschen, die Heroin und Opium rauchen. Vor laufenden Kameras. Wir haben eindrückliche Bilder eingefangen. Nicht nur da.

Sie reden immer von "wir"?

Natürlich. Diese Reise war keine One-Man-Show, sondern ein Gemeinschaftsprojekt. Ohne mein Team wäre mir unmöglich gewesen, innerhalb so kurzer Zeit, so weit zu reisen und derart gutes Material nach Hause zu bringen. Auch das war wohl nur möglich, weil wir in den dreieinhalb Wochen zu einer kleinen verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen sind, in der alle am gleichen Strick gezogen haben. Wir waren ein richtiges "Kampftrüppli".

Interview: Michaela Ruoss