"Wir werden unserem Stil treu bleiben"

Radio 105 - Programmleiter Jan Müller spricht nach einer durchzechten Nacht über den Neustart bei Radio 1.

Herr Müller, am Dienstagmittag erhielt Roger Schawinski vom Konkursamt den Zuschlag für Radio 105. Bereits am Donnerstag gingen Sie in den Radio 1-Studios mit Ihrem Programm auf Sendung. Verliefen Umzug und Programmstart reibungslos?
Obwohl es vermutlich nicht so wirkte, hat es hinter den Kulissen im positiven Sinne ordentlich gebrodelt. Wir waren gefordert, weil es doch sehr anspruchsvoll ist, ein ganzes Radiostudio in anderthalb Tagen an einen neuen Ort zu transportieren. Wir haben alle eine schlaflose Nacht hinter uns.

Dann herrscht jetzt Chaos pur auf engstem Raum.
Es gäbe tatsächlich noch Potenzial, die Redaktion etwas steriler zu gestalten, falls man das möchte. Platz ist eigentlich genug vorhanden. Wir müssen eher aufpassen, dass sich die beiden Radio-Teams von den Arbeitsabläufen her nicht in die Quere kommen.
 
Was ist denn derzeit die grösste Herausforderung für Sie und Ihr Team?
Das andere Betriebssystem von Radio 1 ist eine Herausforderung für alle. Die Moderatoren müssen zudem eine ganz neue Technik lernen. Eigentlich muss man diese – ähnlich wie beim Autofahren – über längere Zeit einüben, um sie perfekt zu beherrschen. Radio 105 ist schnell und dynamisch, weshalb wir momentan viel improvisieren. Solche Schwierigkeiten sind für uns aber auch sehr spannend. Ebenso spannend ist die Mischung zwischen den Generationen.
 
Genau, denn Sie sitzen nun in den gleichen Räumlichkeiten wie das Radio 1-Team, das mit seinem Programm eine ganz andere Zielgruppe anspricht. Funktioniert die Zusammenarbeit?
Das kann ich noch nicht abschliessend sagen, der Start verlief sehr gut. Das Radio 1-Team hat für uns die News gemacht und die Zusammenarbeit soll weiter ausgebaut werden. Zum Beispiel bei zielgruppenübergreifenden Events: Es braucht jetzt theoretisch nur noch eine Person, die den Anlass aufbereitet. Danach kann jeder aus diesem einen Topf herauspicken, was er für sein Zielpublikum braucht. Daraus ergeben sich klare Personal- und Effizienzvorteile.
 
Wie können Radio 105 und Radio 1 sonst noch voneinander profitieren?
Es treffen zwei komplett unterschiedliche Macharten und Mentalitäten aufeinander. Radio 105 hat bisher stark auf Marketing und Events gesetzt. Davon kann auch Radio 1 profitieren, denn das ist keine Generationenfrage. Umgekehrt können wir von Radio 1 viel über investigativen Journalismus lernen. Ich möchte aber betonen, dass wir unserem bisherigen Stil treu bleiben. Es gibt kein Mischprodukt.
 
Wird es mit dem Neustart Veränderungen im 105-Programm geben?
Im Moment nicht. Es geht jetzt darum, Fuss zu fassen und eine gewisse Konstanz zu erreichen. Wir wollen die gleiche Qualität bieten wie vorher. Der Hörer soll keinen Unterschied merken, obwohl wir insgesamt nur noch halb so viele Leute sind. Das muss kein Nachteil sein, zudem eröffnen sich dank Radio 1 neue Perspektiven: Wir können durch diese gebündelte Power vielleicht plötzlich eine ganz grosse Kiste realisieren, was vorher nicht möglich war. Und natürlich wollen wir nicht stehen bleiben. Das bringt langfristig immer Veränderungen mit sich - und das ist gut so.
 
Interview: Seraina Etter