Herzliche Gratulation zum Gewinn des OMG-Award. Wie wichtig ist Ihnen der Gewinn dieses Awards?
Der OMG-Preis ist für uns eine grosse Ehre und krönt einen insgesamt guten Start von Cicero. Zugleich ist er eine wunderbare Überraschung, auch weil der Preis von der Werbewirtschaft selbst verliehen wurde. Wenn diese uns zur Innovation des Jahres wählt, heisst dies, dass man das Vertrauen der Wirtschaft geniesst und wir uns Impulse im Anzeigengeschäft erhoffen können.
Wurden Ihre Erwartungen auf dem Anzeigenmarkt bisher erfüllt?
Bisher ist das Anzeigengeschäft über Erwarten gelaufen -- trotz der bekanntermassen schweren Zeiten auf dem deutschen Markt. Nun hoffen wir natürlich, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Wir profitieren vom Impuls, dass zu Beginn viel und positiv über Cicero geschrieben wurde.
Cicero hat eine für den deutschen Markt geringe Auflage von 50'000. Wie will man sich gegen hochauflagige Konkurrenten bewähren?
Es war für uns von vorneherein klar, dass Cicero kein Massen-, sondern ein Zielgruppen-Medium ist. Wir wollen keine Millionen-Auflage, sondern ein herausragendes publizistisches Produkt. Auch ein solches Nischenprodukt kann profitabel sein, wie man etwa am deutschen Manager-Magazin sieht. Mit anderen Worten: Wir wollen nicht der VW unter den Medien sein, sondern der Porsche.
Ist die Auflage im Steigen begriffen?
Die Auflage steigt kontinuierlich und nähert sich so langsam der Marke von 50'000 an. Nach nur neun Monaten auf dem Markt sind wir damit hoch zufrieden.
Sie sprechen immer wieder davon, dass Sie eine Debattenkultur herbeiführen wollen: Ist dies bei einer so geringen Auflage überhaupt möglich?
Aber ja. Ein elitäres Debattenmagazin konzentriert sich auf die Multiplikatoren, beziehungsweise die Meinungselite. Wie intelligent ein Medium ist, ist keine Frage der Massenverbreitung. Dazu ein Beispiel: Die Bild-Zeitung ist punkto Auflagenhöhe zehn Mal so stark wie die FAZ. Würden Sie nun im Ernst behaupten, dass die Bild-Zeitung auf die Meinungsbildung der Entscheider einen zehn Mal höheren Einfluss hat als die FAZ?
Welche Debatten haben Sie konkret ausgelöst?
Wir hatten eine ganze Reihe von grossen Exklusiv-Geschichten. So etwa das Dossier zu Akten von Herbert Wehner. Oder das Manifest Oskar Lafontaines. In der neuen Ausgabe sind die Erkenntnisse zur DDR-Vergangenheit von Angela Merkel exklusiv. Aber auch grosse Autorentexte haben Debatten ausgelöst, ob das Martin Walser oder Leon de Winter oder Rüdiger Safranski waren. Die Religions-Debatte, der Multikulturalität und der islamistischen Problems haben wir als Erste pointiert geführt.
Hat Cicero eine Chance je gewinnträchtig zu werden?
Absolut. Dies ist auch unser Ziel. In der ersten Phase haben wir publizistischen Erfolg gesucht und verbucht. Nun geht es in einer zweiten Phase darum, geschäftlich möglichst schnell in die schwarzen Zahlen zu kommen.
Ihre Redaktion besteht nicht aus schreibenden Journalisten, sondern aus solchen, die in erster Linie nachdenken und netzwerken. Wie hat sich dieses System bewährt?
Es ist für mich die wohl angenehmste Überraschung beim Cicero, dass sich so viele bekannte Autoren für unser Projekt begeistern und bei uns mitmachen. Ihnen bieten wir einen Salon der publizistischen Qualität. Uns ist es damit gelungen, die Leser mit unseren Autoren zu verblüffen, eben weil diese von unserem Konzept verblüfft sind.
Für Cicero schreiben ausschliesslich bekannte und berühmte Namen. Dabei kann der Eindruck entstehen, dies geschehe aus Gründen des Name-Droppings. Inwiefern erhalten bei Ihnen helle Köpfe eine Chance, die noch nicht bekannt sind?
Auf die Mischung kommt es an. Es ist jeden Monat eine Wundertüte. Im Vordergrund steht dabei nicht so sehr die Prominenz der Autoren, sondern die inhaltliche Substanz. Der Autor kann Martin Walser sein, oder ein völlig unbekannter Experte. Wichtig ist, den kompetentesten und spannendsten Autoren einzuladen. Manchmal fällt dieser Anspruch mit der Prominenz eines Autoren zusammen, manchmal nicht.
Wie reagiert Cicero auf latente Aktualität?
Das ist ein Problem, das alle Monatmagazine haben. Wir haben einen redaktionellen Vorlauf von einer Woche und versuchen deshalb schon im Voraus, ein Magazin zu planen und zu machen, dass der Aktualität entspricht. Aus diesem Grund wirkt das Blatt ziemlich aktuell.
Kritiker monierten anfangs, dass das Heft keine eigene Handschrift trage, sondern ein Sammelsurium von berühmten Namen sei. Inwiefern hat das Magazin schon eine eigene Identität erhalten?
Von allen neuen Medien, die in den vergangenen Jahren auf den Markt gebracht wurden, ist Cicero wohl das erkennbarste, jenes mit der eigenwilligsten Handschrift. Im Gegensatz zu vielen, reinen Me-to-Medien, ist Cicero hinsichtlich der Gestaltung und des Inhaltes nun wirklich völlig originär wie kaum ein anderes Medienprodukt.
Eine letzte Frage: Sie bewegen sich in einem Verlagshaus, das vor allem im Boulevard-Journalismus zu Hause ist. Entstehen da dem Macher eines intellektuellen Blattes keine Konflikte?
Überhaupt nicht. Ringier ist für mich der ideale Partner. Schon wegen der liberalen Grundhaltung des Hauses. Ich spüre eine Menge Freiheit und Qualitätsbewusstsein, was wohl damit zu tun hat, dass an der Spitze des Verlages ein Mensch mit journalistischer Erfahrung steht. Für mich hat die angenehme Kultur des Ringier-Hauses auch etwas mit dem schweizerischen Understatement zu tun, das von uns Deutschen seit jeher bewundert wird.