"Wir wollen die Herrschaft in der Romandie behalten"

Tibère Adler - Das Verlagshaus Edipresse wird noch vor Jahresende eine neue Gratiszeitung lancieren. Unter dem Titel Le Matin Bleu soll sie mit einer Auflage von rund 100'000 Exemplaren starten und die meistgelesene Westschweizer Tageszeitung Le Matin ergänzen. Statt mit der Tamedia eine Kooperation einzugehen, habe man sich für einen Alleingang entschieden, sagt Edipresse-Generaldirektor Tibère Adler im Gespräch mit "persoenlich.com". Sein Unternehmen ist bereit, sich auf einen allfälligen Konkurrenzkampf mit 20 Minuten einzulassen. Das Interview:

Herr Adler, wie will Le Matin Bleu die Westschweizer Leserschaft für sich gewinnen?

Wir verfolgen den Ansatz einer klassischen Gratiszeitung, wie wir ihn von den Titeln Metro und 20 Minuten kennen: Wir wollen das junge, urbane Publikum aus der Region Genfersee ansprechen. Dabei verfolgen wir das Konzept einer Newszeitung: Kurze und kompakte, aber trotzdem sehr seriöse Texte, keine Kommentare und keine Analysen.

Weshalb der Name Le Matin Bleu?

Wir halten am Brand Le Matin fest, weil wir uns damit auch Entwicklungschancen für den bisherigen Titel Le Matin ausrechnen. Le Matin besitzt gegenwärtig 350'000 Leser. Das ist viel, aber wir glauben, mit geeinten Kräften noch mehr erreichen können. Unser Ziel ist es, die Leserzahl auf eine halbe Million erhöhen zu können. Das schaffen wir nur mit einer zweiten Zeitung, die sich insbesondere an jüngere und bisher zeitungsaverse Leser richtet.

Befürchten Sie denn nicht eine gegenseitige Kannibalisierung der beiden Titel?

Natürlich werden einige Leser von Le Matin Orange zu Le Matin Bleu wechseln. Für uns steht jedoch das globale Konzept im Zentrum. Dieses wollen wir weiterentwickeln. Für unsere Anzeigenkunden ist die Globalofferte mit den beiden Titel sehr interessant, sie haben aber zugleich auch weiterhin die Möglichkeit, Anzeigen für einen der beiden Titel zu buchen.

Wird sich die bisherige Zeitung Le Matin inhaltlich neu ausrichten?

Le Matin Orange wird weiterhin auf Aktualität, Sport und People setzen. Die Zeitung wird aber ein neues Erscheinungsbild erhalten.

Im Interview mit "persoenlich.com" sagte Le Matin-Chefredaktor Peter Rothenbühler unlängst, in der Romandie seien die Pendlerströme zu gering, um eine Gratiszeitung rentabel zu führen...

Für eine eigenständige Gratiszeitung mag die Westschweiz zu klein sein. Doch für uns zählt das Gesamtkonzept und nicht der Einzeltitel. Unsere Situation ist eine besondere, weil wir mit Le Matin ja schon schon einen starken Titel in der Westschweiz besitzen. Durch die Lancierung des Gratistitels können wir insgesamt die Leistung von Le Matin in den nächsten Jahren steigern. Hinzu kommt: Ursprünglich klassische Pendlerzeitungen haben nach und nach auch andere interessierte Leser überzeugt. Letztlich ist dies auch eine Frage der Distribution.

Wo wird denn das Gratisblatt vertrieben?

In einer ersten Phase wird die Gratiszeitung in Genf, Lausanne und im gesamten Arc Lémanique zu haben sein. Bis Ende Jahr weiten wir den Vertrieb auf die gesamte Westschweiz aus. Unsere Leser erhalten die Gratiszeitung in Boxen an Bahnhöfen und Tramhaltestellen, Verträger verteilen Le Matin Bleu an stark frequentierten Orten.

Edipresse hat sich gemäss Verleger Pierre Lamunière um einen Partner bemüht. Weshalb nun trotzdem der Alleingang?

Es ist kein Geheimnis, dass wir Gespräche mit der Tamedia führten. Es gab für uns nur zwei Alternativen: Entweder wir lancieren die Gratiszeitung zusammen mit der Tamedia oder wir wagen den Alleingang. Für letztere Variante haben wir uns schliesslich entschieden, weil wir zum einen die Herrschaft über die Romandie behalten wollten. Zum anderen sehen wir in der nun getroffenen Lösung mehr Potential, als in einer Zusammenarbeit mit dem Zürcher Verlagshaus. Dessen ungeachtet begegnen wir Tamedia weiterhin mit viel Respekt und werden bestehende Partnerschaften wie bei Homegate wie bis anhin weiterführen.

Während Edipresse die Lancierung einer Gratiszeitung noch in diesem Jahr bekannt gibt, befindet sich Tamedia immer noch in der Evaluationsphase, wie der Konzern heute gegenüber "persoenlich.com" mitteilte. Rechnen Sie damit, dass 20 Minuten in die Romandie vorstossen wird?

Ich will nicht spekulieren. Wir haben uns entschieden und sind auch für einen Konkurrenzkampf mit 20 Minuten bestens gerüstet. Tamedia hat sicherlich die Kapazitäten und das Know-How 20 Minuten auch in der Westschweiz zu lancieren. Ob sie diesen Schritt macht, werden wir sehen.