«Wir wollen nicht Leute abbilden, damit man sich über sie lustig machen kann»

SRF - Mona Vetsch hat nach sieben Jahren die Auswanderer der ersten und zweiten Staffel von «Auf und davon» in ihrer neuen Heimat besucht. Im Interview mit persoenlich.com erzählt sie, wie es war, in nur wenigen Tagen in das Familienleben der Protagonisten einzutauchen und wie sie als Journalistin mit den Schicksalsschlägen ihrer Interviewpartner umgeht.

von Lucienne Vaudan

Wie lange waren Sie für diese sechs Folgen nun auf Reisen?
Knapp fünf Wochen, aber nicht am Stück. Wir haben versucht, die Reiseplanung nach Regionen zu unterteilen und so Zeit zu sparen.

Sechs Folgen in fünf Wochen, das ist ziemlich wenig Zeit.
Ja, wir haben wirklich versucht, zeitsparend vorzugehen. Das Reisen frisst ja eigentlich die meiste Zeit auf und liefert auch keine Inhalte. Bei unserer Ankunft haben wir darum sofort losgelegt. Wir haben den Familien gesagt, wir wollen euch bei eurem Alltag zuschauen und sind ihnen einfach gefolgt. Das ist auch das Spannende an dieser Sendung: Ich laufe vier Tage mit und sehe, wie sich die Realität der Auswandererfamilien gestaltet.

Nach welchen Kriterien wurden die Auswandererfamilien fürs «Auf und davon Spezial» ausgesucht?
Das waren die Familien, die in der ersten Staffel von «Auf und davon» porträtiert wurden. Vier Familien sind vor sieben Jahren ausgewandert, plus zwei Familien aus der zweiten Staffel. Wir wussten gar nicht, was seither passiert ist, ob die überhaupt noch dort sind. Wir haben uns bei allen gemeldet und gesagt, wir würden gerne vorbeikommen, wo müssen wir überhaupt hin? Es war sehr schön zu sehen, dass alle sofort zugesagt haben. Das ist ja nicht selbstverständlich.

Wie erklären Sie sich den Erfolg von «Auf und davon» bei Zuschauern und Protagonisten?
Bei «Auf und davon« erlebt man die Leute recht nahe, manchmal in sehr persönlichen Momenten. Und das ist für diese Menschen natürlich auch anstrengend. Deshalb ist es auch ein grosses Kompliment an die Autoren der ersten Staffel, dass alle wieder dabei sein wollten. Insbesondere weil nicht alle nur Erfolgsgeschichten zu erzählen haben. Doch sind alles Menschen, die aus dem Alltag ausgebrochen sind und sich ein neues Leben aufgebaut haben. Diesen Schritt wagen nur die wenigsten. Dank der Nähe zu den Protagonisten können die TV-Zuschauer an diesem Abenteuer teilhaben.

Bei der deutschen Version von «Vox» macht man sich als Zuschauer schnell mal lustig über die teilweise unbeholfen wirkenden Auswanderer. Wie verhindern Sie solche Fremdschämmomente?
Ich schaue mir die deutsche Version eigentlich gar nicht an. Uns jedenfalls ist es schon beim Casting wichtig, Leute zu finden, bei denen man denkt: Doch, die haben einen Plan. Wir wollen nicht Leute abbilden, damit man sich über sie lustig machen kann. Wir wollen nicht eine Unterhaltungssendung auf Kosten unserer Protagonisten machen. Aber natürlich ist es nicht ganz so einfach, mit jemandem über heikle Themen zu sprechen, den man erst gerade kennengelernt hat. Die Familie, die nach Lima ausgewandert ist, hat beispielsweise ein Kind verloren. Das geht mir dann schon sehr nahe. Aber wenn sie bereit sind, darüber zu sprechen, dann ist es ok und dann ist es auch völlig in Ordnung, dass es für mich keine Routinebefragung ist. In manchen Interviews merkt man, dass mich das Gespräch berührt oder sogar verunsichert. Ich versuche so authentisch zu sein, wie das halt gerade geht.

Wie gehen denn die Familien mit der Kamerasituation um?
Jeder, der Fernsehen macht, weiss, dass eine Kamera die Situation verändert. Aber erfahrungsgemäss rückt die Kamerapräsenz relativ schnell in den Hintergrund. Sicher hilft es, dass sich die Leute mit mir unterhalten und ich keine Kamera halte, das macht die Gesprächssituation natürlicher. Wir hatten in Australien eine Familie, die gerade ein Kind bekommen hat und zwei Wochen vor unserer Ankunft in ein neues Haus gezogen ist. Wir sind also im vermutlich chaotischsten Moment, den sich eine sechsköpfige Familie vorstellen kann, hereingeplatzt. Da sieht man halt die Kisten und was da passiert. Aber wir wollen ja zeigen: Wie leben die wirklich, was passiert bei denen gerade? Wir suchen nicht unbedingt das Spektakuläre, sondern eher die Zwischentöne, die im Alltag auftauchen.

Wie viele TV-Leute klopfen denn bei einer Auswandererfamilie an die Tür?
Für diese Serie waren wir jeweils zu dritt oder zu viert unterwegs. Ein Produzent, ein oder zwei Kameraleute und ich. Wir haben die Teams bewusst so klein wie möglich gehalten, damit sich die Familien nicht von einer Horde Fernsehleute überfallen fühlen. Je weniger Leute desto natürlicher.

Und wie bereiten Sie sich auf die Familien vor?
Die Vorgespräche mit den Familien hat jeweils der Produzent geführt. Ich will im Vorfeld gar nicht schon alles wissen. Sonst bist Du vor Ort und stellst Fragen, deren Antworten Du aber eigentlich schon kennst und das wäre in dem Fall schlecht. Es geht ja hier nicht um investigative Interviews. Als Journalistin möchte ich eine möglichst natürliche Gesprächssituation herbeiführen und wenn ich eine Schilderung nicht auf Anhieb verstehe, dann muss ich halt nachfragen, das lässt auch Raum für Spontaneität.

Reichen vier Tage um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen?
Man denkt immer, dass das schwierig sei. Aber nach vier Tagen hatten wir eigentlich das Gefühl, schon seit immer mit dieser Familie zusammengelebt zu haben. Man wächst erstaunlich schnell zusammen, gerade wenn Kinder im Haus sind. Und in Kanada haben wir ja auch im Haus der Schönbächlers gewohnt, zusammen zu Abend gegessen. Im Wald gibt es ja keine Hotels.

Wo ziehen Sie denn die Grenze zwischen persönlicher und journalistischer Beziehung?
Die Familien und ich sind uns tatsächlich sehr nahe gekommen, so nahe dass ich mich manchmal schon gefragt habe, ob ich die notwendige Distanz noch habe. Ich gebe im Austausch mit den Familien auch relativ viel von mir preis. Aber ich bin ja nicht alleine vor Ort und die Produzenten sind vielleicht emotional nicht ganz so stark involviert wie ich. Abends sitzen wir dann zusammen und lassen den Tag Revue passieren, das hilft ungemein sich abzugrenzen. Zusätzlich kommen in der Postproduktion Leute hinzu, die nicht vor Ort waren und mit ganz anderen Augen auf die Geschichte blicken.

Was ist Ihr Fazit aus der Serie?
Dass die Menschen nicht auswandern, weil sie ein besseres Leben suchen, sondern um ein Leben zu führen, das zu ihnen passt. Ich meine, in der Schweiz sind die Lebensbedingungen ideal. Aber es brauchen nicht alle so viel Sicherheit, so viel soziale Kontrolle, ein fast perfekt funktionierendes Verwaltungssystem. Es gibt Leute, die brauchen mehr Freiheiten, auch wenn sie dafür enorme Risiken eingehen müssen. Claudio und Teres sind zum Beispiel nach Venezuela ausgewandert und wurden dort schon mehrmals ausgeraubt. Die beiden sprechen total locker darüber, wie sie in ihrem eigenen Haus in Venezuela überfallen, gefesselt und bedroht wurden. Das verstehe ich dann einfach nicht und gleichzeitig sind genau solche Momente unheimlich spannend für mich als Journalistin. Weil ich dann eben nicht schon weiss, was mir erzählt wird, sondern weil ich wirklich nachfragen und begreifen muss.

«Auf und davon Spezial» ab Freitag, 8. April 2016, 21.00 Uhr, SRF 1

Bild: SRF