Herr Elsener, Das TV-Projekt "Alpenfestung Leben im Réduit" ist zu Ende. Was zieht die Leitung von "Schweiz aktuell" für eine Bilanz?
Die Reaktionen von Historikern und Medien zeigen es: Wir haben ein Thema aufgegriffen, das stark polarisierte und die Leute auch heute noch beschäftigt. Die Geschichte des Réduits, der Anbauschlacht und des Aktivdiensts ist trotz Bergier-Bericht noch nicht abgeschlossen; vor allem was den Alltag betrifft. Ich glaube, wir haben einen kleinen Einblick in die Alltagswelt der Aktivgeneration geben können. Wir sind mit dem Resultat zufrieden. Die Zuschauerzahlen lagen im Bereich unserer Erwartungen, das Internetangebot wurde sehr rege genutzt und die Feedbacks der Zuschauer waren mehrheitlich positiv. Auch konnten wir ein jüngeres Publikum für die Thematik "Schweiz im Zweiten Weltkrieg" interessieren.
Mit einigen Teilnehmern gab es Probleme gesundheitlicher und disziplinarischer Natur. Hat man sie nicht sorgfältig genug ausgesucht?
Die Teilnehmer wurden an einem Casting sowohl auf ihre sportliche Leistungsfähigkeit wie auch auf ihre Motivation getestet. Allerdings war es nicht unser Ziel, eine Truppe von Super-Soldaten zusammenzustellen. Vielmehr wollten wir eine gute Durchmischung der Truppe. Im Zweiten Weltkrieg wurden Soldaten zum Dienst gerufen, die heute bereits frühzeitig ausgemustert würden. Die disziplinarischen und gesundheitlichen Probleme darzustellen und nachzuleben, gehörte zum Grundgedanken der Übungslage.
Die Sendung geriet verschiedentlich in die Kritik. Welche Kritikpunkte waren berechtigt?
Die Bedrohung, die Zukunftsangst, die Ungewissheit jener Zeit, die kann man im Jahr 2009 nicht nacherleben. Dieser Kritik stimme ich zu. Wir haben bewusst nicht versucht, diese Bedrohung nachzuspielen, weil dies zu einem Laientheater verkommen und tatsächlich zynisch gewesen wäre. Vielleicht hätten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer es geschafft, tiefer in die Welt zu tauchen, wenn man ihnen eine oder zwei Wochen mehr Zeit auf ihren Schauplätzen gegeben hätten und wir erst nach ein paar Tagen mit Drehen begonnen hätten.
Historiker Georg Kreis mokierte beispielsweise, die Sendung habe den Réduit-Mythos zementiert.
Diese Aussage ist falsch. Wir haben den Mythos mit unseren Erlebnissen und Hintergrund-Informationen teilweise sogar entblösst. Zum Beispiel die Anbauschlacht: Die Frauen auf dem Hof Ertigen mussten eine gewisse Fläche an Kartoffel-Acker neu anbauen. Konkrete Ertragssteigerungen erwartete im Kanton Nidwalden der Plan Wahlen aber nicht. Entsprechend deutlich und auch das wurde in unserer Sendung gesagt verfehlte der Plan das Ziel der Selbstversorgung. Was sich auch zeigte: Sowohl in der Festung wie auch auf dem Bauernhof verpflegten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach einem historischen Speiseplan. Und niemand beklagte sich. Trotz Rationierung ging es nicht allen, aber einem grossen Teil der Schweizer Bevölkerung offenbar gut.
Den Teilnehmern wurde viel zugemutet zu viel?
Es hat sich bis heute niemand beklagt. Die Teilnehmer wurden im Vorfeld genau über ihre Aufgaben informiert. Hätte wir das Programm erleichtert, wären wir der damaligen Zeit sicherlich nicht gerecht geworden.
Sind die Redaktionsmitglieder zum Test auch mal in die Rolle der Soldaten geschlüpft?
Nein. Aber das Kernteam hat mehrere Festungen rekognosziert und insgesamt mehrere Tage im Bergesinneren verbracht. Zur detaillierten Vorbereitung haben wir mit verschiedenen Experten zusammengearbeitet.
Wie realistisch konnte die Situation im Zweiten Weltkrieg simuliert werden? Die medizinische Betreuung beispielsweise musste ja auf den aktuellen Standard angehoben werden.
Die Devise lautete: Safety first. Wir wollten nicht riskieren, dass wegen mangelnder medizinischer Versorgung einer der Teilnehmer nachhaltige Gesundheitsschäden erleidet. Das Tagesprogramm, der Menüplan, die Festung, die Kleider und die Kommando-Struktur waren aber absolut authentisch. Und einige Teilnehmer sagten mir, sie hätten zeitweise deutlich gespürt, wie es damals hätte sein können.
Das Projekt wurde als "Living-History"-Projekt deklariert. Man wurde manchmal den Eindruck nicht los, dass die ganze Übung im Vergleich zu früheren Projekten verstärkt auf Entertainment und zu personenbezogen ausgerichtet war.
Ich glaube der Eindruck täuscht: Die Sendung "Leben wie zu Gotthelfs Zeiten" lebte fast ausschliesslich vom Fokus auf die fünfköpfige Familie Zuppiger. Wir haben bei der Alpenfestung teilweise sogar bewusst auf Personalisierungen verzichtet, um gewisse Übungen im Gesamtzusammenhang zeigen zu können. Alles in allem lebt aber eine solche Sendung von der Personalisierung: Das Erleben einer Person von heute gibt einen Einblick in den Alltag einer Person von damals.
Gegen Ende nahm die Motivation der Truppe markant ab. Hat die Redaktion eingegriffen?
Die Tagesbefehle und Übungen wurden so verfasst, dass die Truppe immer mit Arbeit ausgelastet war. Wir wollten kein Pfadilager. Dass dies einzelne Soldaten und Offiziere als Stress empfinden und vielleicht sogar dagegen rebellieren, war eigentlich zu erwarten und Teil der damaligen Alltags-Realität, der wir uns annähern wollten. Von daher gab es gar nichts einzugreifen. Sowieso hiess das Credo der Produktion: Das Leben in der Festung und auf dem Bauernhof führt Regie, nicht das Schweizer Fernsehen. Daran haben wir uns gehalten.
Wie hat die Sendung im Vergleich mit den Vorgängerprojekten wie der "Pfahlbauer"- oder der "Gotthelf"-Serie abgeschnitten?
Gut. Wir konnten mit unserem Projekt eine Diskussion auslösen bei der jungen wie auch bei der älteren Bevölkerung. Bezüglich Zuschauerzahlen: Der Marktanteil lag bei 47.1 Prozent, das ist zwar leicht tiefer als bei "Internat Schule wie vor 50 Jahren", aber immer noch höher als der Durchschnittswert von "Schweiz aktuell". "Leben wie zu Gotthelfs Zeiten" war mit Abstand unsere zuschauerstärkste Sendung in dieser Serie (54.7 Prozent Marktanteil).
Ist für nächstes Jahr wieder ein ähnliches Projekt geplant?
Nein. Im nächsten Jahr findet die Fussball-Weltmeisterschaft statt. Sehr wahrscheinlich wird es im 2011 wieder ein "Living-History"-Projekt geben, aber für konkrete Konzepte ist es jetzt noch zu früh.
(Interview: Adrian Schräder)