Herr Karaboyun, seit 2007 geben Sie monatlich die Zeitung "Pusula“ (Deutsch: Kompass) heraus. Ab September erscheint Sie wöchentlich und im Tabloid-Format. Warum?
In der Schweiz gibt es sehr viele ethnische Zeitungen. Etwa 95 Prozent erscheinen monatlich. Indem wir wöchentlich erscheinen, heben wir uns ab. Der grosse Vorteil an einem wöchentlichen Erscheinungsrhythmus ist zudem, dass die Schweizer Nachrichten und der Veranstaltungskalender aktuell sind.
Der erste Teil der Zeitung dreht sich nur um Schweizer Themen. Etwas salopp gefragt: Interessieren sich ethnische Gruppen überhaupt für diese Themen?
Ja, ein Interesse ist durchaus vorhanden. Oft gibt es jedoch ein Sprachproblem. Insbesondere komplizierte Wirtschafts- oder Politthemen liest man lieber in seiner Muttersprache. Deshalb verfassen wir die Texte künftig auf Türkisch, Portugiesisch, Serbisch und Albanisch. Daneben hat es jeweils eine deutsche Zusammenfassung. Oft können die Kinder bereits besser Deutsch als Türkisch.
Gibt es Themen, welche die Leser besonders interessieren?
Neue Gesetze oder Volksinitiativen zum Beispiel. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob es dabei einen ethnischen Bezug gibt oder nicht. Ich möchte an dieser Stelle auch betonen, dass wir stets neutral berichten. Keine Partei, Religion oder sonstige Gruppe soll sich bevor- oder benachteiligt fühlen. Das ist sehr wichtig.
Warum ist das so wichtig?
Alle anderen türkischen und auch übrige ethnische Medien in der Schweiz tendieren dazu, eher rechts oder links zu schreiben. "Pusula“ hält hier eine Sonderstellung und das wollen wir auch so beibehalten. Wir erreichen eine sehr grosse Leserschaft, weil wir eben objektiv berichten und dadurch niemanden ausschliessen.
Was schätzen eigentlich die Türken, die hier leben, an der Schweiz? Was für Leserreaktionen erhalten Sie?
Die Türken schätzen in der Schweiz die Lebensqualität und die direkte Demokratie. Wir erhalten sehr viele positive Reaktionen. Für unsere Leser gibt es keine andere Quelle, wo Sie so viele Informationen in Ihrer Sprache erhalten. Dies wird sehr geschätzt.
Sie finanzieren sich nur über Anzeigen. Wer sind die Werbekunden?
Wir haben viele türkische, aber auch Schweizer Inserenten. Mit dem wöchentlichen Erscheinungsrhythmus erhoffen wir uns noch mehr Inserate von grossen Schweizer Kunden wie Coop oder Migros. Oft erhielten wir von diesen nämlich Absagen mit der Begründung, dass wir nur monatlich erscheinen.
Sie arbeiten unter anderem mit der auf ethnische Werbung spezialisierten Agentur Ethnomedia zusammen, um die Anzeige zielgruppengerecht zu gestalten. Wie muss Werbung für Türken typischerweise aussehen?
Sie ist sicher viel farbiger als Schweizer Werbung (lacht). Meist enthält sie auch mehr Informationen zu den Produkten. Mit der exklusiven Kooperation mit Ethnomedia wollen wir den Schweizer Unternehmen den Zugang zu den ethnischen Zielgruppen erleichtern.
In der Juli-Ausgabe gibt es beispielsweise ein ganzseitiges Inserat von Coop. Inwiefern wurde dieses konkret für die Zeitung angepasst?
Hier haben wir eng mit dem Kunden zusammengearbeitet. Da bei uns der Ramadan beginnt, wollte Coop ein Konzept, das diese Tatsache berücksichtigt. Anschliessend haben wir mit der Grafik ein passendes Inserat gestaltet.
Im September steht eine weitere Neuerung an. Pusula erscheint ab diesem Zeitpunkt zusätzlich auf Serbisch, Albanisch und Portugiesisch. Insgesamt wird Pusula so eine Auflage von 100'000 erreichen. Woher nehmen Sie die finanziellen Mittel dafür?
Für das Projekt haben wir mit der Firma Santander Estate einen Investor gefunden, welcher an unser Projekt glaubt und uns die nötige Unterstützung bietet.
Warum haben Sie den Relaunch auf September angesetzt?
Eigentlich war als Startdatum der 1. August geplant. Wir wollten zusammen mit der Schweiz feiern. Weil aber im Sommer viele unserer Leser in die Ferien – oft in Ihr Heimatland – reisen, haben wir den Start verschoben.
Was für Personen arbeiten für Ihre Zeitungen? Wie rekrutieren Sie diese?
Für die türkische Ausgabe arbeiten nur Türken. Ab August starten dann Mitarbeiter aus den übrigen ethnischen Gruppen. Wir haben unzählige Bewerbungen erhalten, daraus wählen wir die besten aus. Insgesamt wollen wir im September dreissig festangestellte Journalisten beschäftigen. Derzeit sind 13 Personen beschäftig, welche für die türkische Ausgabe verantwortlich sind.
Es gibt also verschiedene Redaktionen für die vier Zeitungen.
Der Schweizer Teil, das sind die ersten zwanzig Seiten, wird weiterhin mehrheitlich von der türkischen Redaktion geschrieben und anschliessend übersetzt. Für den Kulturteil sprich den ethnischen Teil wird es für jedes Land ein eigenes Team geben. Für jede Sprache soll es zudem einen eigenen Chefredaktor geben. Hier gestaltet sich die Suche sehr schwierig.
Warum?
Die Chefredaktoren müssen erstens in den jeweiligen ethnischen Gruppen bekannt und zweitens absolut neutral sein. Für uns ist es schwierig zu beurteilen, wer in einer anderen Gruppe tatsächlich die Fachperson ist. Dazu bedarf es einiger Recherchearbeit. Die meisten Journalisten schreiben nicht ganz unvoreingenommen. Für uns ist dies aber wie bereits gesagt Kriterium Nummer Eins.
Was ist mit Schweizern, die eine der vier Sprachen fliessend beherrscht? Würden diese sich ebenfalls als Redaktoren für den Schweizer Teil eignen?
Diese sind sehr willkommen. Leider haben wir bis anhin aber keine Bewerbungen von Schweizern erhalten.
Was ist das Ziel der vier Zeitungen?
Die Integration zu fördern. Das ist seit sechs Jahren mein Ziel und wird es auch bleiben.
Fühlen Sie sich integriert?
Ja sehr. Es gibt eigentlich auch nicht wirkliche Probleme bei der Integration in die Schweiz - nur ab und zu ein SVP-Plakat, das für Ärger sorgt (lacht). Das Hauptproblem ist aber wirklich die Sprache. Hier wollen wir Abhilfe schaffen mit Pusula. Deutschkurse können wir ja nicht auch noch anbieten (lacht).
Wie erreichen Sie Ihre Zielgruppe?
Wir verschicken die Zeitung per Post. Im September werden wir die Zeitung zudem in Flugzeugen, Ethnoshops, Botschaften, Restaurants und Bars verteilen. Dazu arbeiten wir bereits jetzt mit Turkish Airlines und mit weiteren Airlines sind wir bereits im Gespräch
Wie reagiert man in Ihrem Heimatland auf Ihre Tätigkeit in der Schweiz? Kennt man die Zeitung dort?
Natürlich haben wir Kontakte mit diversen Pressestellen in der Türkei. Weil wir aber auf Schweizer Nachrichten fokussiert sind, arbeiten wir nicht enger mit der Türkei zusammen. Wenn wir aber wichtige Schweizer Nachrichten haben, informieren wir die türkische Presse natürlich.
Interview: Corinne Bauer