"Wir zwingen niemanden zu seinem Glück"

- Der Deutsche "Playboy" wird 40. Und obwohl die Zeitschrift längst nicht mehr exklusiv nackte Tatsachen präsentieren kann, behauptet sie sich immer noch am Markt. Woran liegt das? Chefredaktor Florian Boitin erklärt im Gespräch mit persoenlich.com, wofür der "Playboy" heute steht, warum er mehr Frauen als Männer beschäftigt, wie man ein Fotoshooting aufgleist und welche prominente Schweizerin er sich für sein Heft wünscht. Zum Interview:

Herr Boitin, der deutsche Playboy feiert sein 40-jähriges Jubiläum. Wenn Sie sich ein Covergirl zum Geschenk machen könnten, welches wäre das?

Also in der aktuellen Jubiläumsausgabe sind es ja sogar 40 an der Zahl. Die schönsten aus vier Jahrzehnten. Aber über Michelle Hunziker können wir reden…

Das erfolgreichste Covergirl aller Zeiten war Kati Witt. Wieso? Was denken Sie?

Katarina Witt war eine Ausnahmesportlerin, die zu DDR-Zeiten alles gewann, was es zu gewinnen gab. Und galt dabei als "schönstes Gesicht des Ostens". Nach dem Fall der Mauer wollten offensichtlich Menschen in Ost und West sehen, ob auch der Rest hält, was das schöne Gesicht verspricht. Im Ernst: Kati Witt war neben Steffi Graf der erfolgreichste und dabei attraktivste Sport-Export aus Deutschland. Und ein gefeierter Star weltweit. Die Playboy-Fotos waren 1998 eine wirkliche Sensation und ein beeindruckend offener Beleg ihrer Schönheit.

Gibt es heute jemanden, der eine ähnliche Wirkung erzielen würde?

Die Medienlandschaft hat sich in den letzten 15 Jahren natürlich verändert, nicht zuletzt aufgrund der digitalen Revolution und einer Vervielfachung des heutigen Medien-Angebotes. Aber es gibt vergleichbare Beispiele. Denken Sie an das Playboy-Shooting mit Tatort-Kommissarin Simone Thomalla aus dem Jahre 2010. Die Ausgabe sorgte für grosses Aufsehen und war in Deutschland nach kurzer Zeit weitgehend vergriffen.

Florian Boitin, Chefredaktor des deutschsprachigen "Playboy".

Muss man die Stars eigentlich lange bearbeiten?

Wir bearbeiten niemanden. Wir zwingen auch niemanden zu seinem Glück. Allerdings ist ein Playboy-Shooting doch ein ganz besonderer Moment in der Karriere einer prominenten Frau. Und erzeugt in der Regel ja auch grosse Aufmerksamkeit. Deshalb führen wir doch einige Vorgespräche, in denen wir uns über Fotografen, Idee, Stilrichtung, Location und den richtigen Zeitpunkt für die Veröffentlichung verständigen.

Wie hat sich der Frauengeschmack der Deutschen im Laufe der letzten vierzig Jahre gewandelt?

Ich stelle fest, dass in den letzten vier Jahrzehnten die Körperbehaarung weltweit insgesamt eher abgenommen hat, während ein gewisser Trend hin zu mehr Silikon zu verzeichnen ist. Unverändert gilt wie eh und je: Playboy-Leser lieben schöne Frauen mit positiver Ausstrahlung und verlockenden Rundungen. Untergewichtige Hungerhaken aus dem Modelbusiness lösen bei den meisten Männern doch eher Beschützerinstinkte aus…

Worauf achten Sie, wenn Sie eine Ausgabe komponieren?

Sie haben das schon richtig formuliert: Jedes Heft hat einen Rhythmus, eine Melodie, eine möglichst abwechselungsreiche Dramaturgie. Wir versuchen unserem Leser mit jeder Ausgabe ein vertrautes Gefühl geben, nach dem Motto: hier kenne ich mich aus, hier fühle ich mich zuhause. Andererseits wollen wir den Leser jeden Monat immer wieder aufs Neue überraschen, anregen, begeistern. Diese beiden Pole erzeugen das Spannungsfeld einer gelungenen Playboy-Ausgabe.

"Ich kauf den Playboy wegen den Interviews", sagte man früher scherzhaft. Was ist anders an den Interviews im Playboy?

Das Interview ist auch heute noch eine wesentliche Säule des Magazinkonzeptes. Ich denke, das Besondere an einem Playboy-Interview ist, dass wir uns nicht nur für den Befragten in seiner Funktion - also z.B. Joachim Löw als Bundestrainer - interessieren, sondern mehr noch, welcher Mensch in dem Fussballlehrer Löw steckt. Also: sowohl die professionelle als auch die private Persönlichkeit spielt eine grosse Rolle. Ein Playboyinterview ist also kein Abhaken einer Fragenliste, sondern ein ernsthaft entspanntes Gespräch auf Augenhöhe.

Wie geht es der Zeitschrift wirtschaftlich?

Wir stehen sehr gut da. Bei der verkauften Auflage sind wir gegen den allgemeinen Trend seit Jahren mehr als stabil. Und mit 1,22 Millionen Leser (MA I/2012) konnten wir die Führung im Segment der Männerlifestyle-Titel weiter ausbauen. Durch die ständige Weiterentwicklung unserer digitalen Angebote, und unseres seit rund zehn Jahren erfolgreich operierendes Paid-Content-Angebots Cyberclub, ist die Marke Playboy auf allen Medienkanälen erfolgreich.

Wie behauptet man sich im Kampf gegen die Konkurrenz im Netz?

Im Jahr 2012 bespielt der Playboy das Thema Nacktheit natürlich nicht mehr exklusiv. Aber unsere Playboy-Leser und -User erwarten sich von Playboy auch nicht in erster Linie die Enthüllung nackter Tatsachen. Exklusivität ist das Zauberwort. Es geht also bei Playboy nicht in erster Linie darum, "was" zu sehen, sondern "wer" und "wie". Darüber hinaus bietet Playboy seinen Lesern ein weites Themenspektrum, das klar auf die Lebenswelten der Leser abzielt: Ein unterhaltsamer Themenmix, der Männern Anregungen in Stil-, Kultur- und Genussfragen gibt. In der typischen Playboy-DNA finden sich darüber hinaus natürlich wie eh und je spannende Reportagen, Interviews und packende Männerporträts. Playboy zeichnet ein modernes Männerbild und bleibt dabei seiner ursprünglichen Haltung treu. Playboy ist heute, im Jahre 2012, ein Klassiker im besten Sinne: eine starke Marke mit einer zeitgemässen Ansprache und Aufmachung.

Zum Jubiläum hatte Playboy Deutschlands Kreativ-Agenturen folgende Aufgabe gestellt : “Entwerfen Sie zum 40. Geburtstag von Playboy Deutschland eine Anzeige für Ihre Kunden – mit Bunny Bezug." Hier das Resultat der Münchner Agentur Saint Elmo's für den Kunden "Metal Hammer".

Es gibt ja an jedem Kiosk diese Schmuddelecke mit den Erotikheften. Der Playboy wird da oft am Rande irgendwo einsortiert. Ist es eigentlich gut oder schlecht fürs Geschäft, wenn sich der Playboy ein Quäntchen Anrüchigkeit bewahrt?

In seinen Anfängen galt der Playboy als Provokation. Heute, in Zeiten von Web 2.0 sind Tabus insgesamt rarer geworden. Dennoch: auch heute steht der Playboy für eine klare, selbstbewusste, männlich-hedonistische Haltung – und polarisiert dadurch auch schon mal.

In der Redaktion arbeiten mehr Frauen als Männer, habe ich kürzlich gelesen. Vor allem die Casting- und Fotoredaktion sei eine Frauendomäne. Wissen Frauen besser was uns gefällt?

Ganz ehrlich? Frauen sind doch meist deutlich kritischer und detailversessener in der Beurteilung anderer Frauen gegenüber. Gerade wenn es um Äusserlichkeiten geht. Aber das hat auch noch einen anderen wichtigen Grund: schon die Vorbereitung eines Shooting ist oft eine sehr persönliche, intime Angelegenheit, in die Frauen sich besser hineinversetzen können als wir Männer. Und auch beim Shooting selbst, fühlen sich Frauen in den Händen anderer Frauen einfach besser aufgehoben und verstanden.

Wer ist denn eigentlich der Playboy, der Ihrer Zeitschrift den Namen gibt?

Das können Sie aktuell nachlesen in unserer Jubiläumsausgabe: Die Playboy-Leser haben abgestimmt und die 10 grössten Playboys aller Zeiten ermittelt. Neben Playboy-Gründer Hugh Hefner finden sich in der Liste echte Kerle wie Charlie Sheen, Gunter Sachs, George Clooney oder Jack Nicholson.

Wer liest den Playboy?

Männer, die dem Leben positiv begegnen. Echte Lebemänner – und zwar im wörtlichen Sinne: Männer, die ihr Leben geniessen, Männer, die ihre Träume verwirklichen – in privater, wie in beruflicher Hinsicht. Der Playboy-Mann ist sich seiner gewiss und weiss, was er will: er ist sicher im Geschmack und hat ein Gespür für alles Schöne. Er braucht für seinen Stil keine Modetrends und für sein Leben keinen vorgefertigten Bauplan. Er nimmt sich und sein Leben nicht zu ernst. Er hat viel zu lachen – manchmal auch über sich selbst. Er steht mitten im Leben. Und ist im Kern zwischen 25 und 50 Jahren jung.

Wie steht's um den Schweizer Markt?

Der Deutsche Playboy erscheint seit 40 Jahren, unter anderem auch in der Schweiz. Obwohl der deutschsprachige Markt in der Schweiz doch sehr überschaubar ist, sind wir mit unserer dortigen Performance durchaus zufrieden.

Worauf stehen die Schweizer Männer?

Das dürften Sie deutlich besser beurteilen können, als ich. Ich gehe aber davon aus, dass sich das nicht grundlegend von den Vorlieben der Deutschen unterscheidet: schöne, interessante Frauen, spannende, fesselnde Reportagen und aussagekräftige, relevante Interviews.

Sind die Schweizer prüder als die deutschen Männer?

Haben Sie denn den Eindruck? Es verhält sich vermutlich ähnlich wie in Deutschland: auch hier gibt es Unterschiede zwischen eher konservativ-ländlichen und liberal-urbanen Gegenden.

Interview: Adrian Schräder