Mehr als 80 Professorinnen und Professoren von ETH Zürich und der EPF Lausanne haben einen eindringlichen Aufruf veröffentlicht. Die Forschenden warnen vor möglichen Auswirkungen einer Motion der Schwyzer Ständerätin Petra Gössi (FDP). Sollten deren Forderungen umgesetzt werden, käme dies dem Ende der KI-Forschung in der Schweiz gleich, heisst es in einem Artikel von Le Temps.
Der Streitpunkt
Gössi verlangt mit ihrem Vorstoss vom Bundesrat, die nötigen rechtlichen Bedingungen zu schaffen, dass journalistische Inhalte und sonstige vom Urheberrecht erfasste Werke und Leistungen bei der Nutzung durch KI-Anbieter umfassend Schutz erfahren. Konkret soll die Zustimmung der Rechteinhaber notwendig werden, wenn journalistische Inhalte und weitere originäre Kreativleistungen in irgendeiner Weise für Angebote generativer KI ausgelesen, verarbeitet und wieder angeboten werden.
Gössi begründet ihren Vorstoss mit dem Schutz der Medien: «Medieninhalte werden von internationalen KI-Diensten ohne Genehmigung zur Entwicklung von Sprachmodellen verwendet. Selbst die Bezahlschranken der Schweizer Medien werden durch die künstliche Intelligenz umgangen. So greifen KI-Systeme (wie zum Beispiel Perplexity) selbsttätig auf einzelne relevante Inhalte zu, formulieren die Inhalte um und geben diese für ihre Nutzenden als ‹Auskünfte› wieder».
Bis jetzt rannte sie mit ihrem Ansinnen offene Türen ein bei Medien und Politik. Der Bundesrat empfahl den Vorstoss zur Annahme, auch der Ständerat stimmte zu. Aktuell beschäftigt sich die zuständige Kommission des Nationalrats mit der Motion. Am vergangenen Donnerstag fällte sie noch keinen Entscheid, weil sie sich an der nächsten Sitzung vertieft mit dem Thema befassen will, wie in einer Medienmitteilung steht.
Wissenschaftler sehen KI-Standort bedroht
Die Forscher warnen vor dramatischen Konsequenzen. Marcel Salathé, Co-Direktor des KI-Zentrums der EPFL, formuliert es so: «In der vorliegenden Form könnte die Motion der Schweizer KI-Landschaft unbeabsichtigt massiven Schaden zufügen und fast einem faktischen KI-Verbot gleichkommen.» Martin Jaggi, EPFL-Professor und Spezialist für maschinelles Lernen, anerkennt das «noble Ziel» der Motion. «Aber sie verfolgt einen völlig unrealistischen und parteiischen Ansatz, der nicht mit dem Rest der Welt kompatibel ist. Die Motion wäre noch strenger als die europäische Regulierung, die normalerweise sehr streng ist», wird Jaggi zitiert.
Derweil kontert Gössi, dass es ihr keineswegs darum gehe, Innovation zu behindern. Gegenüber Le Temps sagte sie: «Die Möglichkeiten der KI sind immens, und die Schweiz als Innovationschampion kann in diesem Bereich eine führende Rolle spielen.»
Auch FDP-Stimmen gegen Gössi-Vorstoss
Nicht nur die Wissenschaft äussert sich besorgt angesichts der zu erwartenden Konsequenzen, sollte die Motion Gössi Gesetz werden. Auch innerhalb der FDP ist der Vorschlag umstritten, wie der Blick berichtet. So habe sich die Zürcher Regierungsrätin Carmen Walker Späh gegen ihre FDP-Parteikollegin gestellt. Sie argumentiert vor allem mit Blick auf den KI-Entwicklungsstandort Zürich, wo viele der grossen internationalen Player ihre Niederlassungen haben. «Die Motion würde diese ausgezeichnete Position im internationalen Standortwettbewerb erheblich zu beeinträchtigen drohen», wird die Regierungsrätin im Blick zitiert. Ausserdem findet sie, dass die Interessen der Medien zu stark gerichtet würden. Stattdessen schwebt Walker Späh ein Modell vor, das sowohl Urheberrechte schützt als auch die Weiterentwicklung von KI zulässt.
Medienbranche fordert sofortiges Handeln
Ganz anders sieht es der Verlegerverband Schweizer Medien. Er unterstützt die Motion Gössi, um gegen die existenzielle Bedrohung des Journalismus durch das Vorgehen der KI-Konzerne vorzugehen. Im Verbund mit der KI-Allianz der Kreativwirtschaft (KIK) fordern die Verleger «die Umsetzung dieser Schutzmassnahmen mit höchster Priorität voranzutreiben, da bei Verzögerungen irreparable Schäden drohen». (nil)