YouTube-Trouvaillen aus der Klassikwelt

Tages-Anzeiger - Neue Serie "Klassiker der Woche" kommt bei Lesern gut an.

Mit der neuen Serie "Klassiker der Woche" möchte Susanne Kübler, Kulturredaktorin beim "Tages-Anzeiger", den Lesern die klassische Musik näherbringen. Seit September präsentiert sie deshalb wöchentlich auf Tagi-Online ein spezielles YouTube-Video zum Thema. 

Mit Erfolg, wie der neueste Beitrag zeigt: Im Video wartet die Pianistin Maria João Pires auf ihren Einsatz – aber dann stimmt das Orchester ein Konzert an, mit dem sie nicht gerechnet hat. Über das Wochenende hat der Beitrag laut Kübler 28'000 Facebook-Likes erhalten. Dies sei erstaunlich, da allgemein das Credo gelte, man könne "Hochkultur" nicht online vermitteln.

Wie entstand die Idee zur neuen Serie "Klassiker der Woche"?
Sie entstand im Rahmen der Konvergenz beim "Tages-Anzeiger": Klassische Musik war bisher online schlicht nicht vorhanden, auch weil man dachte, dass sie nicht vermittelbar sei. Ich kam dann auf die Idee mit den YouTube-Filmen: Es gibt sehr viele aus dem Bereich der Klassik – auch spezielle und lustige Beiträge, wie etwa alte Mitschnitte von Proben. Ich habe die Serie im September gestartet, jede Woche gibt es ein handverlesenes Video mit einem Kommentar dazu. Die Serie kommt erstaunlich gut an.

Was heisst das genau?
Es gibt regelmässig Kommentare, und die Beiträge wurden im Laufe des Tages jeweils eine der gut geklickten Kulturgeschichten. Es gibt auch Leser, die mir weitere Videovorschläge schicken. Der neueste Text mit dem Video der Pianistin Maria João Pires hat nun aber doch unerwartete Wellen geworfen: Mittlerweile hat er über 28'000 Likes auf Facebook. Es gab sogar Twitter-Kommentare aus Japan und den USA.

Mit unkonventionellen YouTube-Trouvaillen klappt die Vermittlung von Klassik scheinbar: Warum kommt das bei den Lesern so gut an?
Im Print kann ich die Leute nicht am Werk zeigen. Ich muss immer "übersetzen", wenn ich über Musik schreibe. In den Videos kann man Menschen bei der Arbeit zusehen – es wird dadurch emotionaler als eine Beschreibung. Der Pires-Film könnte auch bei der "Pannenshow" auf RTL gespielt werden. Man leidet mit der Pianistin mit, das macht den Film attraktiv: Es kennt wohl jeder den Alptraum, dass man etwas machen muss und darauf nicht vorbereitet ist.   

Welche neuen Möglichkeiten der Musikvermittlung bieten das Internet und Social Media? Kann man dadurch neue Gruppen für Klassik begeistern?
Ich bin ja selber verblüfft, dass es so gut läuft. Und sicher sind solche Filme auch für Leute spannend, die zu Hause nicht Mozart hören. Ich glaube nicht unbedingt, dass viele aufgrund solcher Beiträge in die Tonhalle gehen. Sie werden aber auf das Thema Klassik aufmerksam gemacht. Sie sehen, dass es diese Welt auch noch gibt – neben der Glamour-Promiwelt, die täglich in allen Medien gezeigt wird. Ich denke, dieses Format kann genau das erreichen.

Sie klingen sehr enthusiastisch: Haben Sie gar keine Mühe mit der Konvergenz beim "Tages-Anzeiger"?
Die Konvergenz ist sicher eine Herausforderung, und es ist kein Geheimnis, dass es mehr Arbeit für uns Journalisten gibt. Auch ich mache die Online-Serie zusätzlich neben meiner üblichen Printarbeit. Aber ich habe ein Format gefunden, das ich aus Interesse und vor allem mit viel Freude mache. Das ist der beste Aspekt, den die Konvergenz für mich gebracht hat: dass ich die Mehrarbeit mit einer schönen Arbeit machen kann. 

Interview: Seraina Etter, Bilder: Keystone, zVg