Zäumt das Thema Japan von hinten auf

Transhelvetica - Herausgeber Jon Bollmann zur aktuellen Ausgabe des Magazins für Reisekultur.

Herr Bollmann, die aktuelle Ausgabe von "Transhelvetica" sticht einem am Kiosk ins Auge: Das Cover zeigt eine rote Sonne, die hinter Eiger, Mönch und Jungfrau untergeht. Eine Sonderausgabe zum Thema "Japan" - wieso?
Die Spielwiese von "Transhelvetica" ist die Schweiz. Doch die stilvolle japanische Aesthetik, die Liebe zum Detail sowie die fremde Mentalität haben uns schon lange in ihren Bann gezogen - und bieten wunderbare Anknüpfungspunkte für spannende Geschichten. Daher haben wir, ohne das Konzept zu verletzen, die aktuelle Ausgabe Japan gewidmet und so einen neuen Blick vor die Haustüre geworfen. Dank 150 Jahren diplomatischen Beziehungen und über 9000 Japanern in der Schweiz haben wir viele Berührungspunkte mit Japanern und der japanischen Kultur: vom japanischen Garten über den Zen-Tempel und das Sushi-Restaurant bis zu grossen Bauten von japanischen Architekten. Die Schweiz mit dieser Prämisse zu bereisen, hat uns neue Lieblingsplätze auf die Landkarte gezeichnet.

Konsequenterweise liest sich das Heft von hinten nach vorne. Eine denkbar einfache, aber radikale Idee. War das von Anfang an klar?
Wir versuchen, jedem Heft einen eigenen Charakter zu schenken. Für diese Ausgabe war von Beginn weg klar, dass der verkehrte Aufbau ein starkes Merkmal wäre. Wir waren uns allerdings intern nicht von Beginn weg einig, wie die Leser darauf reagieren würden. Schliesslich hat sich das Risiko und die grosse Plackerei am Layout aber ausbezahlt: wir hatten noch nie so viele euphorische Rückmeldungen wie in den letzten Tagen – auch von unserem Anzeigenpartner, der quasi auf die Titelseite geupgradet wurde. Der Wermutstropfen ist, dass viele Leute das Heft nach der Lektüre aus Gewohnheit mit dem Cover nach unten auf den Tisch legen. Und vor ein paar Tagen haben wir es im Kiosk falsch herum eingeordnet angetroffen...

"Transhelvetica" hat sich leise zu einem festen Wert in der Schweizer Printlandschaft entwickelt. Für all diejenigen, die ihr noch nie begegnet sind: Wofür steht die Zeitschrift und wen soll sie ansprechen?
Wenn "Transhelvetica" eine Suppe wäre, dann wäre die Hauptingredienz spannende Geschichten aus der Schweiz, die man nacherleben kann. Dazu kommt eine gute Portion Überraschungseffekt, abgeschmeckt mit Humor und Genuss. Und natürlich isst das Auge mit, darum richten wir hübsch an. Als grobe Kategorisierung sind es neugierige Menschen die das Leben aktiv geniessen. Der typische Leser zieht intellektuell und/oder sportlich anregende Ferien mit anschliessendem Wellnessprogramm dem 2-wöchigen Badetuch-Strandbar-Urlaub vor.

Ist sie Teil dieses Entschleunigungs- und Anti-Digitalisierungs-Trends? Ein Kontrapunkt - so wie "Landlust", "Landliebe" oder "Jagd & Natur"?
Es wäre schön, wenn wir unseren Lesern mit den Ausflugstipps Erholung schenken und etwas für die "Life"-Seite der ausgewogenen Work-Life-Balance tun könnten. Vom Konzept her haben wir uns daher für ein ruhiges Layout und für Print entschieden. Das wir als Reisemagazin nur die Schweiz abhandeln, ist sicherlich auch beruhigend und kann als Gegenpol zur Globalisierung verstanden werden. Wir wissen aber schon, dass die Welt grösser ist als es manche Politiker vorgaukeln. Darum passt wohl das "Think global, act local"-Denken gut zu uns. Dabei sehen wir uns als fundamental anders als beispielsweise die "Landliebe". Unsere Suppe wird täglich mit frischen Kräutern aus dem Garten zubereitet, während die "Landliebe" einfach die deutsche "Landlust"-Bouillon auftaut. Die Entschleunigung geschieht dabei nur vordergründig, indem von Häkeln und Gartenarbeit berichtet wird. Die Aufmachung ist aber bunt und schnell wie die Rush-hour von Shanghai.

Die "Japan"-Ausgabe ist bereits das 20. Heft. Was stellt jeweils die grösste Herausforderung bei der Zusammenstellung dar? Die kohärente Bildsprache?
Wir können mittlerweile auf ein grosses Netzwerk an Freelancern aus der ganzen Schweiz zählen, die uns zu jedem Thema unzählige tolle Geschichten vorschlagen. Daraus eine Auswahl zu treffen, ist eine ebenso lust- wie auch leidvolle Aufgabe. Daneben zwingen uns die knappen Ressourcen dazu, immer wieder neue Wege zu gehen. So haben wir die "Kunst des Werbens" eingeführt (Inserate werden von jungen Künstlern gestaltet) und vermarkten das Magazin nicht nur als Heft, sondern auch als Lifestyle-Produkt, mit dem der Leser ein Statement abgibt: für Qualität, Stil, Genuss und Abenteuerlust. Was die Bilder betrifft, orientieren wir uns in erster Linie an der Qualität. Ich finde es gut, wenn verschiedene Fotografen ihre individuelle Bildsprache miteinbringen. Das stark saugende Papier hilft dann dabei, die verschiedenen Positionen einander anzunähern. So wirkt das Magazin trotzdem einheitlich und ruhig.

Wer steht hinter dem Heft? Wer liefert die Inhalte? Mir sind Namen wie Thomas Wyss oder Emil Zopfi aufgefallen.
"Transhelvetica" wird von der Passaport AG herausgegeben. Diese wurde 2009 von Pia Marti und mir gegründet und beschäftigt sieben Angestellte, die alle überall mithelfen (wir sind alle Putzfrau und Pöstler). Zusammen mit dem Netz von weit über 300 Freelancern in der ganzen Schweiz produziert die Redaktion mittlerweile auch Printprodukte für Dritte, die journalistische Qualitätsarbeit und schöne Verpackung suchen. Wir sind sehr glücklich, dass renommierte Federn und starke Augen mit ihrem Herzblut zum Erfolg des Magazins beitragen. Ohne deren Unterstützung wären wir heute wohl nicht mehr hier.

Liefern Sie uns doch noch einige Eckdaten: Was hat das Heft für eine Auflage, wie viele Abonnenten haben Sie gewonnen?
Das Magazin hat mit einer Auflage von 10'000 Exemplaren gestartet und ist mittlerweile bei 15'000-20'000 Exemplaren angekommen - je nach Ausgabe. Wir haben ca. 6'000 Abonnenten und gegen 2'000 Leseecken in der ganzen Schweiz, in denen weitere rund 6500 Magazine aufliegen. Den Rest verkaufen wir am Kiosk, verteilen Probeexemplare an Anlässen unserer Partner oder behalten sie für Nachbestellungen der Nachwelt auf.

Was erwartet die Leser in der kommenden Ausgabe?
Im Februar werden die Leser ein Wunder erleben.

Interview: Adrian Schräder