"50 Jahre Schweizer Fernsehen. Zeit des Rückblicks, Zeit der verschiedensten Bilanzen und Zeit der Abrechnungen. Die Abrechnungen mit meiner Person sind besonders beliebt, weil Ende dieses Jahres meine Anstellung als Direktor von SF DRS nach langen 16 Jahren zu Ende geht. Matthias Ackeret, Co-Chefredaktor von 'persönlich', möge mir verzeihen, wenn ich diese Kolumne meinerseits für eine Art Abrechnung missbrauche. Aber ich kann nicht widerstehen, auch gegen meine eigene Haltung, auf Verunglimpfungen und Diffamierungen einzugehen. Ich tue es doch, u.a. weil wir von der SRG Idée Suisse und SF DRS kein eigenes Medium zur Verfügung haben, um uns öffentlich zu verteidigen. Ich beschränke mich auf drei Pissnelken aus dem Zürcher Mediensumpf; es gibt noch andere.
Aktuelles Beispiel, aber durchaus typisch für andere und typisch für die Weltwoche. In der Nummer 29 holt ein 'Autor', der Herr Engeler, den ich nicht kenne, der mir nie eine Frage gestellt hat, zum Enthauptungsschlag aus. Konkret auf den Inhalt des Artikels einzugehen, ist schlicht unmöglich. Da türmt sich ein Gebräu aus so genannten Fakten, Verdrehungen und Diffamierungen auf, dass ich, wenn ich es nicht schon gewohnt wäre, verzweifelt den Computer aus dem Fenster schmeissen müsste. Doch sein Motto 'Ich lass mir doch meine Vorurteile nicht durch Recherchen verderben' kenne ich längst. Dieter Hildebrandt hat einmal in seinem Programm festgestellt: 'Ich dachte, gegen die Bild-Zeitung ist kein Kraut gewachsen.' Dann las er aus einigen Nummern vor und kam zum Schluss, 'Vorlesen genügt'. Deshalb nur so viel.
'Ärger der Nation' titelt das Weltblatt auf dem Cover. Offenbar ist sie die Nation. Ganz im Stil anonymer Zuschauerbriefe, die praktisch immer damit enden '... so wie ich, denken noch viele, sogar eine Mehrheit'. Die Weltwoche muss sich offenbar eine andere Nation suchen, wenn man der regelmässig hohen Zustimmung zu SF DRS und den Gebühren in Umfragen Glauben schenken darf. Und ich meine, man darf.
Ein liebevoller Begleiter seit 16 Jahren ist 'liv.', Herr Livio, Medienjournalist bei der NZZ. Es ist ihm gelungen, 16 Jahre lang ein substanzielles Gespräch mit mir zu vermeiden, nie hat er mir eine Frage gestellt. Er hat sich, unter anderem, auf meine katastrophale Personal- und die damit verbundene Organisationspolitik spezialisiert. So qualifiziert er zum Beispiel die grosse Reorganisation von SF DRS anfangs der Neunzigerjahre bis heute in schöner Regelmässigkeit als 'Putsch von oben' ab, ohne die Behauptung mit Fakten zu belasten. Die NZZ als Verfechterin von basisdemokratischen Entscheiden? Ich werde oft an Veranstaltungen gefragt, wie ich es schaffe, mit dem Blick umzugehen. 'Kein Problem', antworte ich regelmässig, 'denn der Blick recherchiert, ganz im Gegensatz zur NZZ, die ihre Gemeinheiten, ihren auf meine Person gerichteten Kampagnenjournalismus, vornehm in Nebensätzen versteckt.' Von Fakten keine Spur.
1990 sagte ich in einem Interview: 'Herr Schawinski ist ein unerträglich unanständiger Mensch, mit dem ich nie mehr etwas zu tun haben möchte.' Daran habe ich mich gehalten, schriftlich wie mündlich. Dabei bleibt es. Dennoch, die SRG Idée Suisse schuldet ihm Dank, nicht ich, weil ich nie ein Verfechter des so genannten Monopols war und im Hintergrund immer für Kooperationen sorgte, die den Kommerziellen das Leben ein wenig erleichterten. So hat es auch die ganze SRG SSR Idée Suisse gehalten. Aber, Herr Schawinski hat erfolgreich verhindert, dass das erste Radio- und Fernsehgesetz, unbestreitbar ein SRG-Schutzgesetz, über ein Jahrzehnt nicht verändert wurde. Vor allem die Verleger haben ihm bedingungslos die Führung als öffentlicher Lautsprecher in der Medienpolitik überlassen, nicht realisierend, dass sich die Politik nicht ein zweites Mal erpressen lassen wird, und schon gar nicht von Herrn Schawinski. Hätten sie, was natürlich auch wenig wahrscheinlich ist, eine gemeinsame Linie gefunden, wäre eine Revision viel früher möglich gewesen. Obs ihren, vom Markt her wenig aussichtsreichen Projekten geholfen hätte, darf man allerdings bezweifeln. Doch sie hielten bis zum Schluss an ihrem Roger fest, hin bis zur Lächerlichkeit, als zwei führende Verleger mit ihrem Idol vor die Presse traten und Gesetzesbrüche ankündigten. Der Rest war dann Schweigen, es geschah natürlich gar nichts. Oder der Verleger der Tamedia, der mit emotional vibrierender Stimme dem Roger dankte, dass er ihm sein 'Lebenswerk' für einen unglaublich hohen Preis abkaufen durfte. Insgesamt eine Provinzposse erster Güte, die zweifellos ihre Fortsetzung findet. So, das wars, zum ersten und zum letzten Mal."
Peter Schellenberg