Die Projektgruppe unter der Leitung von Jürg Brauchli hat intensiv gearbeitet. Das ganze Unternehmen wurde durchkämmt, jeder Franken auf seine Wirkung hin untersucht. Das Resultat? "Einzelmassnahmen unzähliger Art - Abteilungsschliessungen und Entlassungen waren im Rahmen dieser Übung gar nie geplant", erklärt Hartmeier. Hingegen habe man die Effizienz geprüft und Arbeitsflüsse optimiert. Auf die interne Akzeptanz der Massnahmen angesprochen, gibt sich Hartmeier optimistisch. Zwar habe es im Oktober Verunsicherung und einige harte Auseinandersetzungen gegeben. Gespräche mit den einzelnen Abteilungen hätten die Diskussionen und Auseinandersetzungen zum Versiegen gebracht. Schliesslich sei allen klar, dass nur eine gut gerüstetes Unternehmen überleben kann.
Dennoch fällt heute zweierlei auf: Die SonntagsZeitung rüstet sich für den kommenden Kampf um den Tag des Herrn, wobei redaktioneller Ausbau - etwa der neue Geld-Teil - und personelle Verstärkung - zum Beispiel der Neuzugang von Esther Girsberger - wohl kaum zum Nulltarif zu haben sind. Zweitens beklagen LeserInnen des Tages-Anzeigers einen Leistungsabbau: Die Wetterseite wurde halbiert und das Fernsehprogramm reduziert. Ausserdem habe die Hintergrund-Seite an Brisanz eingebüsst und TA-Eigenleistungen seien immer seltener. Es scheine, die eigenen RedaktorInnen arbeiteten jetzt breiter gefächert, währenddem Fachwissen von aussen geholt werde. Und dies, obwohl die Tamedia im Herbst versprochen hatte, die Sparmassnahmen würden "keine Qualitätseinbussen im Kerngeschäft zur Folge haben".
Tamedia-Konzernsprecher Peter Hartmeier pariert die Kritik mit Nachdruck: "Das sind subjektive Einschätzungen, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann." Auch von einer etwaigen Umverteilung der Gelder vom Flaggschiff Tages-Anzeiger zur Sonntagszeitung will Hartmeier nichts wissen: "Wir sparen überall, nur nicht bei den Redaktionen." Das bedeute aber keineswegs eine Carte Blanche, vielmehr müssten sich auch Redaktionen immer wieder betriebswirtschaftlich überprüfen lassen. Denn nur so sei gewährleistet, dass jeder Franken am richtigen Ort eingesetzt werde. Immerhin unterhalte der Tages-Anzeiger schweizweit aber die grösste Bundeshausredaktion. Zudem werde die Sommerpause des sechsten TA-Bundes abgeschafft. Und bei der SonntagsZeitung sei eine weitere prominente Aufstockung geplant, zu der sich Hartmeier im Moment aber noch nicht konkreter äussern dürfe.
Angesichts des Personalstopps verblüffen diverse - teils prominente - Neuzugänge. "Der Stopp gilt weiterhin", stellt der Konzernsprecher klar. "Wenn aber erstklassige Leute zur Verfügung stehen und ins Konzept des Hauses passen, stellen wir sie natürlich ein." Denn journalistische Produkte verkauften sich über gut gemachte Inhalte, und für diese brauche man fähige Mitarbeiter. Deshalb sei der Kampf um erstklassige Leute eines der ganz grossen Ziele der Tamedia.
Weniger privilegiert als die Edelfedern ist derzeit die Online-Belegschaft: Elf Stellen wurden durch das Eindampfen der WinnerMarket AG gestrichen, um ein Drittel verkleinert präsentieren sich die Online-Redaktionen der Print-Titel. Dessen ungeachtet will die Tamedia an ihrer Multimedia-Strategie festhalten, auch wenn teures Lehrgeld bezahlt werden musste. "Wir sind schweizweit die einzigen, die diese Strategie so konsequent verfolgen", ist Hartmeier überzeugt. Wichtig sei, sich titel- und plattformspezifisch darüber klar zu werden, welche Inhalte die Tamedia produzieren müsse. "Klare journalistische Strategien haben eine Chance - auch in dieser konkurrenzbedingt und konjunkturmässig schwierigen Zeit." Dass dieser Ansatz Erfolg habe, belegten nicht nur der Neuzugänger Radio 24, sondern auch Finanz und Wirtschaft oder die Schweizer Familie, welche die Bedürfnisse ihrer KonsumentInnen erkannt hätten und diese gut bedienten. Selbst der Tages-Anzeiger, der nach einem zehnprozentigen LeserInnenverlust im vergangenen Jahr seit den grossen Ereignissen im Herbst wieder zulegt, bestätigt Hartmeiers These. "Heute sind Meinungen und Analysen gefragt. Und die bietet der Tagi kompetent."
Trotz des gezeigten Optimismus' bleiben ein paar Wermutstropfen. Noch ist die Integration des Online-Bereichs nicht abgeschlossen. Selbst Marius Hagger, CEO der Winnermarket, hält das für eine "komplexe Aufgabe". Die Einstellung von TV3 dürfte bei der Tamedia noch mit zwanzig bis dreissig Millionen Franken zu Buche schlagen. Die Schlacht um den Sonntag steht noch bevor, Annabelle überzeugt momentan vor allem bei den Inseraten und Facts ist - bei stagnierender Leserzahl - in einer Phase der Neupositionierung. Von der allgemeinen Situation des Anzeigenmarkts ganz zu schweigen. Die rund zwanzig Millionen Franken, welche die Tamedia mit der Sparübung nun järlich einsparen dürfte, wird sie jedenfalls gebrauchen können.