Zu wenig Frauen als "billige Ausrede"

JournalismusTag.13 - Diskussion über Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern im Journalismus.

"Während meiner Zeit beim Tagi verdiente ich rund einen Viertel weniger als Roger de Weck, der mein Vorgänger war als Chefredaktor", sagte Esther Girsberger anlässlich einer Podiumsdiskussion am Journalismustag.13 am Mittwoch, 6. November in Winterthur. Unter dem Titel "Medien-Frauen im Glashaus" diskutierten zudem Larissa Bieler (Chefredaktorin "Bündner Tagblatt"), Colette Gradwohl (Chefredaktorin "Landbote"), Olivia Kühni (Wirtschaftsredaktorin "Handelszeitung") und Simone Meier (Kulturredaktorin beim "Tages-Anzeiger") unter der Leitung von Josefa Haas über das Frausein im Schweizer Journalismus.

Hohe Ansprüche an sich selber
Gesprochen wurde z.B. über Probleme im Selbstmarketing, welche nicht nur zu weniger erfolgreichen Lohnverhandlungen führten, sondern auch darin resultierten, dass Frauen noch immer sehr spärlich in Führungsfunktionen anzutreffen sind. "Als Frau hat man sehr hohe Ansprüche an sich selber, man lässt sich – wohl im Gegensatz zu vielen Männern – erst auf eine neue Stelle oder neue Dossiers ein, wenn man ganz sicher ist, dass man der Aufgabe gewachsen ist", sagte Olivia Kühni.

Frauen winken bei Interview-Anfragen ab
Da das Podium – wohl ganz im Sinne des Übertitels "Medien-Frauen im Glashaus" – ausschliesslich mit Frauen besetzt war, waren sich die Teilnehmerinnen denn auch fast immer einig. Kontrovers verlief die Diskussion erst, als Fragen aus dem Publikum gestellt wurden. Markus Wiegand, Chefredaktor des "Schweizer Journalist" berichtete aus seiner Erfahrung, wonach es für ihn extrem schwierig sei, Frauen für Interviews oder Porträts zu gewinnen. Wenn er Frauen anfrage, müssten sie jeweils lange überlegen oder sie würden im Vornherein abwinken. "Zudem erhalte ich bei der Ausschreibung zum 'Journalist des Jahres' regelmässig E-Mails von Männern, die sich selber für diesen Titel vorschlagen. Doch ich kann mich nicht erinnern, je ein solches E-Mail von einer Frau erhalten zu haben", sagt Wiegand. Eine Erklärung für dieses eher defensive Verhalten liefert Esther Girsberger: "Frauen werden einfach stärker kritisiert, und zwar äusserlich, wie auch intellektuell." Immer noch gingen nach öffentlichen Podien oder TV-Sendungen die Zuschauer- und Medien-Reaktionen mehrheitlich an die teilnehmenden Frauen und diese Feedbacks seien vor allem negativ.

"Billige Ausrede"
Als eine mögliche Lösung wies vor allem Colette Gradwohl auf die grosse Bedeutung von Frauen in Führungspositionen hin. Nur wenn in Entscheidungspositionen ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrsche, könnten Frauen als Rollenvorbilder dienen. Zudem würden weibliche Vorgesetzte bei Vorstellungsgesprächen Bewerberinnen und Bewerber unter anderen Gesichtspunkten beurteilen als männliche und somit eher dafür sorgen, dass junge Frauen gefördert werden. Gradwohl erachtet es aus "billige Ausrede" wenn Chefredaktoren oder Redaktionsleiter behaupten, dass sich keine qualifizierten Frauen auf offene Stellen melden würden. "Es ist doch gerade Aufgabe der Redaktionsleiter und Chefredaktoren dafür zu sorgen, dass sich die Frauen bewerben!", so Gradwohl. (eh)

Bild: Raphi Rohner