Zuwanderung nicht berücksichtigt

Wemf - Manfred Strobl beurteilt die neusten Leserzahlen.

Die am Dienstag veröffentlichten Wemf-Leserzahlen zeigen ein trübes Bild von der Schweizer Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft. Zu den grössten Verlieren gehören die Ringier-Blätter "Schweizer Illustrierte" und "SonntagsBlick". Auch Wirtschaftstitel wie die „Bilanz“, „Finanz und Wirtschaft“ oder Roger Köppels "Weltwoche" werden deutlich weniger gelesen. Für persoenlich.com hat Manfred Strobl, CEO der Agenturgruppe Omnicom Media Group, die aktuellen Wemf-Zahlen analysiert.

Herr Strobl, trotz grosser Zuwanderung vermag die Presse ihre Reichweite nicht zu steigern, wie die aktuellen Wemfzahlen zeigen. Warum?

Seit der letzten Auswertungswelle hat die Wemf keine Anpassung der Grundgesamtheit vorgenommen. Das heisst; der direkte Vergleich der aktuellen mit den letzten Ergebnissen kann daher keine Aussagen über den Einfluss der veränderten Bevölkerungssituation machen. Als man dagegen bei der letzten Erhebung (MACH 2011-2) die Grundgesamtheit der höheren Bevölkerung angepasst hatte, stiegen die Leserschaftszahlen durchschnittlich um 1,8 Prozent. Man muss beachten, dass die Wemf nur jährlich – jeweils bei der Herbstausgabe (z.B. MACH 2011-2) – die Grundgesamtheit dem Bevölkerungswachstum anpasst.

Hingegen können die Verlagshäuser übers Internet zunehmend mehr Leute erreichen. Wie wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Sicher wird sich diese Entwicklung im Rahmen des Multi-Channel-Publishings fortsetzen. Insbesondere aufgrund der steigenden Nutzung mobiler Endgeräte (Smartphones und Tablets) wird es zunehmend Leser auf digitalen Content geben. Ebenfalls erwarten wir auch verstärkt Investitionen der Werbewirtschaft in diesem Kanal, der sicherlich dem digital Publishing weiter Vorschub leisten wird und zur kontinuierlichen Verschiebung klassisch Print zu "online print" langfristig führen wird.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der aktuellen Wemf-Erhebung?

Erstens: Weiterhin zeigt Print trotz aller Strukturveränderungen ein relativ hohe Stabilität aufgrund von treuen Leserschaften. Zweitens erfährt der Qualitätsjournalismus weiterhin Zuspruch einer loyalen Leserschaft und drittens ist Print alles andere als "obsolet" geworden und zwar auch bei jungen Zielgruppen. Es stimmt nicht, dass die Jungen keine mehr Print-Konsumenten mehr sind.

Auffällig ist, dass die Ringier-Titel "Schweizer Illustrierte" und "Sonntagsblick" stark verloren haben. Welches könnten Ihrer Meinung nach die Gründe sein?

Wir vermuten, dass Abo-Gewinnungsmassnahmen der Mitbewerber beim Reichweiten-Rückgang des Sonntagsblick sicher einen gewissen Einfluss hatten. Bei der SI sehen wir über viele Jahre eine Konstanz und würden daher die aktuelle Zahl nicht überbewerten. Zudem hat die SI eine sehr gute und prämierte Online-Ausgabe, die sicher den ein oder anderen Leser gewonnen hat.

Welche Auswirkungen auf die Vermarktung hat es, wenn ein Printtitel vermehrt am Kiosk gekauft wird und gleichzeitig die Abonnenten abnehmen?

Entscheidend ist in diesem Falle der Titel, d.h. das Cover, das "verkaufen" und attraktiv sein muss für zusätzliche Konsumenten, die gegebenenfalls Titel wechseln. Das heisst, dass bei nachlassenden Abo-Zahlen auf die Themenmischung und "Verpackung" des Titels umso mehr Wert gelegt werden muss.

Auffällig ist, dass zahlreiche wirtschaftsfreundliche Titel verloren haben. Wo sehen Sie die Gründe?

Wirtschaftsinformationen werden heutzutage zunehmend online gelesen, weil die Aktualität hier eine sehr grosse Rolle spielt. "Zeit ist Trumpf" gilt insbesondere bei schnellen Entscheidungsprozessen, wie zum Beispiel im Banking-Bereich, an der Börse und bei Warengeschäften. Aber auch andere Wirtschaftsthemen, wie z.B. Unternehmensnachrichten, zielen zunehmend auf eine digitale Verbreitung.

Wie ist die Situation in den Nachbarländern? Wo sehen Sie allenfalls einen Silberstreifen am Horizont?

Hierzu möchten wir heute noch keine Aussagen machen.

Weitere Informationen zu den neusten Wemf-Zahlen lesen Sie hier. (eh)