Herr Klameth, was hat Sie daran gereizt, einen Imagefilm für die Rega zu drehen?
Die Rega ist etwas enorm Positives. Die Institution ist da, um Menschen in Not zu helfen, sie zu retten oder bergen. Dazu kommt die Komponente des Unerwarteten und die Herausforderung, draussen zu filmen. Die Rega bewegt sich in extremen Landschaften, aber auch in der Stadt. Manchmal geht es um Leben und Tod, manchmal handelt es sich um unspektakuläre Einsätze. Was mich am Projekt von Anfang an faszinierte, war die Möglichkeit, mich mit Menschen zu befassen, die sich mit dem Schicksal anderer Menschen auseinandersetzen müssen plus, mich einem bildgewaltigen Thema widmen zu können. Es war einerseits die emotionale, andererseits die ästhetische Komponente, die mich an diesem Auftrag reizte.
Gab es während dem Dreh auch Grenzen der Authentizität; Dinge, die Sie nicht zeigen dürfen?
Ganz wichtig ist, dass Patientenrechte gewahrt bleiben. Dass man niemanden erkennt, der nicht erkannt werden will oder darf. Ich habe die Politik vertreten, dass wir am Einsatzort nicht zu defensiv vorgehen dürfen, dass wir halt einfach mal filmen. Aber wir wollten bewusst nicht reisserisch sein. Es geht im Film weniger um den Betroffenen als um die Rega-Crew bei der Arbeit. Wir haben dezent und zurückhaltend gefilmt, bei einer Reanimation eher ein Auto in seiner Unschärfe gezeigt, als die Kamera eins zu eins auf die Szene gehalten.
Wo haben Sie persönlich entschieden, etwas nicht zu zeigen, obwohl es rechtlich unproblematisch gewesen wäre?
"Too much"? Das hat es nicht gegeben. Ich erlebte vier Reanimationen. Einmal handelte es sich um einen Velofahrer, der mit einem Auto zusammengestossen ist. Heavy. Wir waren sechs Minuten später da. Es ging um Leben und Tod. Die Retter haben alles versucht. Doch der Velofahrer ist leider gestorben. Bei einem kleinen Kind mit Herzfehler, das die Rega transportieren musste, liefen dem Kameramann und mir im Spital die Tränen herunter. Aber: Du funktionierst einfach. Du filmst, musst dranbleiben und kannst nachher entscheiden, ob du das Material verwenden willst oder nicht. Aufgrund meiner Erfahrung aus dem News-Bereich kann ich mich distanzieren. Auf dem Set finde ich: einfach mal drauf halten. Aber eben, mit Respekt, ohne mit der Kamera an der Nase des Gefilmten zu kleben. Man macht einen Schritt zurück und rückt den Fokus auf die Retter. Sehr oft löst ein Bild, das gar nicht explizit gezeigt wird, beim Zuschauer mehr aus.
Im Film werden Grenzerfahrungen der Rettungscrew thematisiert. Welches war Ihre grösste Grenzerfahrung während den Dreharbeiten?
Emotional war es der Autounfall, der auch im Film vorkommt. Das Opfer war eine junge Frau, die denselben Jahrgang wie meine Frau hat. Sie fährt am Morgen zur Arbeit und aus irgendeinem Grund gerät sie mit ihrem Auto aufs Dach und wird von den Gurten stranguliert. Vielleicht hat sie gerade ein SMS geschrieben, vielleicht war an ihrem Unfall auch etwas anderes schuld. Dann kommen die Feuerwehr, die Polizei und Sanitäter an die Unfallstelle. Sie versuchen alles, um die Frau zu retten, und du fragst dich, wieso muss das passieren? Seit dem sage ich mir, ich schreibe keine SMS mehr im Auto. Ich habe es jetzt zweimal doch wieder gemacht, aber der Einsatz kommt mir immer wieder in den Sinn. Das ist schon sehr, sehr nah gegangen.
Der Film wirkt sehr dokumentarisch. Wo zeigt sich dennoch, dass es sich um einen Image-Film handelt?
Das Konzept war, ein authentisches Bild des Rega-Alltags zu dokumentieren und die Menschen, die diese Organisation prägen, zu Wort kommen zu lassen. Ein klassisches Element für das Genre Corporate Movie sind die historischen Meilensteine, die grafisch eingeblendet werden und die Rega-Geschichte aufrollen. In einem klassischen Dokumentarfilm würde so etwas weniger stattfinden. Ein zweites Element sind einzelne Aussagen von Rega-Crew-Mitgliedern, die sich so perfekt anhören, als wären sie vorher eingeübt worden. Entweder haben sich die Mitarbeiter extrem gut vorbereitet oder sie repräsentieren die Firma einfach ideal. Ich denke da etwa an die Stelle im Film, als ein Berner Rettungssanitäter sagt, die Mission der Rega sei es, Menschen zu retten, egal, welche Hautfarbe, welchen politischen Hintergrund diese haben. Ich habe für den Film lange Gespräche geführt, ohne dass ich den Protagonisten irgendwelche Aussagen in den Mund gelegt hätte.
Wieso haben Sie die Mitarbeiter im Film so sehr ins Zentrum gerückt?
Es war nicht das Ziel, den Mitarbeiter ins Zentrum zu stellen. Aber um die Rega zu porträtieren, wollte ich den Träger zeigen, der am meisten funktioniert. Und das ist der Mensch. Ich wollte in längeren Gesprächen mit Rega-Mitarbeitern herausspüren, was für sie der Reiz am Job ist. Wie sie ihre Aufgabe interpretieren. Es war nicht das Ziel, die Leute, sondern die Rega mit Menschlichkeit und Emotionalität zu zeigen. Sie funktionieren zwar wie eine Maschine, professionell und präzis, nichts desto Trotz gehen sie emotional auch mit.
Haben Sie als Kamerateam gestört?
Nein, nein. Meine zwei Kameraleute haben der Rega immer gesagt: Stösst uns weg, wenn wir im Weg sind. Doch das ist meines Wissens nie vorgekommen. Weil wir uns genau brieften und jederzeit wussten, wie wir vorgehen wollten, ohne den Betrieb aufzuwirbeln. Wir wollten die Einsätze in keiner Art und Weise beeinflussen. Das war unser oberstes Credo.
Die Musik im Film wirkt zum Teil sehr penetrant und dramatisierend. Es hört sich zuweilen wie der Countdown für ein Unglück an. Braucht es diese musikalische Untermalung?
Da bekomme ich auch andere Feedbacks. Ich persönlich finde die Musik etwas vom Wichtigsten. Sie ist manchmal sogar fast wichtiger als das Bild. Denn die Musik geht tief, geht ins Unterbewusstsein. Es kann sein, dass sie bei ein, zwei Stellen "too much" ist, aber im Allgemeinen ist sie auch in diesem Film ein unterstützendes und tragendes Element. Ich bin persönlich, und das sage ich nicht einfach für dieses Interview, sehr "happy" mit der Musikauswahl. Ich glaube, wir hatten da ein glückliches Händchen.
Wer soll sich den Film nun anschauen?
Grundsätzlich alle. Das primäre Ziel der Rega ist es, den Gönnern, den Partnern, aber auch der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, was die Rega macht. Sie wollte einen Film, der "up to date" ist und das Rega-Image repräsentiert. Der Film soll als DVD und in einer zweiten Phase auch über iTunes vertrieben werden. Heute hat sich das Verkehrshaus gemeldet. Es möchte den Film unbedingt ins Programm nehmen. Fernsehen ist auch ein Thema. Es stellt sich aber die Frage, ob die Rega den Film überhaupt im Fernsehen zeigen will.
Lassen Sie uns noch über Ihre früheren Engagements sprechen. Sie produzierten "Bauer ledig sucht", einen SVP-Werbespot und jetzt diesen Werbefilm für die Rega. Wie schaffen sie diesen Themen-Spagat?
"Bauer ledig sucht" ist sicher nicht diejenige Produktion, die ich jeweils als erstes erwähne. Ich habe früher als Reporter journalistisch für verschiedene Fernsehstationen gearbeitet und bin dann immer mehr in den Unterhaltungsbereich gegangen. Ich habe alle drei Robinson-Staffeln mitproduziert. Das war damals die erste Reality-Show in der Schweiz. Ich habe "Der Match" fürs Schweizer Fernsehen und "Peking-Express" für RTL inhaltlich verantwortet. "Bauer ledig sucht" muss man nicht unbedingt erwähnen.
Es passt Ihnen nicht, wenn man "Bauer ledig sucht" erwähnt.
Es passt mir deshalb nicht, weil die Sendung eigentlich das einzige unbefriedigende Kapitel in meiner beruflichen Laufbahn ist. Zugesagt habe ich wegen den Bauern. Sie interessierten mich, weil sie oft in einer schwierigen Situation leben und keine Frauen finden. Ich wollte auch hier etwas Authentisches machen, aber 3+ hatte andere Ansätze. Der Sender wollte in eine völlig andere Richtung. Es gab starke inhaltliche Meinungsverschiedenheiten, wurde mühsam und unfair. Ich musste zum Schluss sogar meinen Anwalt ins Spiel bringen. Aufgrund meiner Erfahrungen werde ich nie mehr für diesen Sender arbeiten. Und auch nicht für den Exponenten dieses Senders.
2011 haben Sie einen SVP-Werbespot gedreht. Gibt es Dinge, die Sie nicht machen?
Ja, natürlich. Wenn etwa im Film Gewalt vorkommen soll, wenn etwas ehrverletzend, rassistisch oder respektlos wäre. Alles mache ich nicht. Ich weiss, ein Engagement für die SVP polarisiert, aber der Auftrag und das Ziel des Spots haben für mich gestimmt. Ich fand es herausfordernd, auf eine sanfte, humorvolle Art und für ein eher weibliches und urbanes Zielpublikum mit dem Absender SVP zu werben. Darum habe ich zugesagt. Ich muss mit dem Auftraggeber ja nicht gleicher Meinung sein. Und wer für die Rega arbeiten kann, die in der Schweizer Bevölkerung ein derart positives Image geniesst, darf sich auch mal etwas erlauben. Das wirkt kompensierend.
Wie geht es weiter? Was sind Ihre künftigen Projekte?
Es geht weiter mit der Rega, mit einzelnen kleineren Projekten. Die Fifa ist ein zweiter Kunde, für den ich permanent arbeite. Andere Sachen kommen und gehen. Ich bin immer offen für Neues, bin aber auch froh, wenn ich mal Zeit zum Kopfleeren, Auftanken und für meine Familie habe.
Entwickeln Sie auch eigene Ideen, die Sie unabhängig von Auftraggebern realisieren?
Leider zu selten, ich habe zu wenig Zeit. Im Kopf und auf Papier entwickle ich viele Ideen, aber ich setze sie dann nicht um.
Was würden Sie denn gerne produzieren, haben aber keine Zeit dafür?
Ich würde gerne mal etwas Richtung Kino und Spielfilm machen. Gerade gestern hatte ich mit einem amerikanischen Regisseur ein interessantes Gespräch. Wir studierten gemeinsam an einer Idee zu einem Drehbuch herum. Es würde mich reizen, mit Schauspielern und fürs Kino zu arbeiten. Kino ist und bleibt attraktiv und ich würde mir eine Produktion auch zutrauen. Ich habe fürs SF ja auch "Stunthero" gemacht, da war Michi Steiner in der Jury und ich habe gesehen, wie er arbeitet. Da dachte ich mir, das würde ich gerne auch mal ausprobieren. Aber eben, zuerst braucht es eine gute Story.
Stefan Klameth, Klamedia (Regie/Produktion), Sascha Felix, Bastian Meier, Kameramann.ch (Kamera), Reto Rechsteiner, Re:Design (Editing/Design), Renzo D'Alberto, TonstudiosZ (Ton/Sound); Sascha Hardegger, Rega (Gesamtverantwortung), Christian Trottmann, Rega (Projektleitung).
Interview: Benedict Neff