"Empörung als Erfolgsrezept der Medien" lautete der Titel des diesjährigen Communication Summit, welcher von der Zürcher Public Relations Gesellschaft und dem Zürcher Presseverband organisiert wird. Diesmal referierte "Blick am Abend"-Chefredaktor Peter Röthlisberger. Anschliessend an seinen Auftritt folgte eine angeregte Podiumsdiskussion mit Karl Lüönd, Marlies Prinzing, Sacha Wigdorovits und Reto Lipp (Leitung). "persoenlich.com" traf Peter Röthlisberger nach seinem Auftritt zum Interview:
Herr Röthlisberger, Sie haben vorher beim Referat das "Blick am Abend"-Cover mit Peer Steinbrück gezeigt und erklärt, dass diese Geschichte extrem wertvoll gewesen sei fürs Image des "Blick am Abend". Das Publikum reagierte mit Lachen, aber auch mit Stirnrunzeln. Wie erklären Sie sich das?
Stirnrunzeln auch? Das habe ich von hier aus nicht gesehen... Also das Lachen... Wohl, weil es uns mit dieser Geschichte gelungen ist, genau das zu schreiben, was unsere Leser dachten. Nämlich: Das ist jetzt genau so ein mühsamer Deutscher, der uns die Kavallerie rüber schicken will und uns Indianer auf den richtigen Weg bringen will. Und das Stirnrunzeln... Diese Leute sind vielleicht der Meinung, dass eine Zeitung das nicht darf oder sie sahen unsere Geschichte als Beleidigung für Steinbrück.
Welches Image wünscht sich denn der "Blick am Abend"?
Wir wollen verspielt sein und Schnorri-Themen lancieren. Unser Ziel ist, dass die Leute über unsere Geschichten reden. Sie sollen das Gefühl haben, nur mitreden zu können, wenn sie den "Blick am Abend" gelesen haben.
Sie wollen also emotionale Schnorri-Themen lancieren. Vor zwei Jahren sagten Sie aber im Interview mit "persönlich", dass Sie erreichen wollen, dass der "Blick am Abend" ernst genommen wird. Geht das zusammen?
Unsere Leserzahlen sind der Beweis dafür, dass das geht. Wir haben 500'000 Leser. Diese Leute würden uns nicht aus der Box nehmen, wenn sie uns nicht ernst nehmen würden. Zwischen 12 und 65 Jahren lesen uns alle Pendler, nicht nur die Teenager. Sie nehmen den "Blick am Abend", weil wir sie von unserem Produkt überzeugen konnten. Würden wir ausschliesslich Klamauk produzieren, würden die Leute uns nicht mehr wählen. Wir decken alle wichtigen Themen ab, gerne auch politische.
In letzter Zeit wurde deutlich, dass Roger de Weck dem Begriff "Relevanz" grossen Stellenwert einräumt. Verstehen Sie bei Ringier "Relevanz" anders als die Verantwortlichen bei der SRG?
Ja, wir definieren "Relevanz" anders als die SRG. Das müssen wir auch. Die SRG hat einen öffentlichen Auftrag. Sie muss zum Zusammenhalt der Landesteile beitragen. Das haben wir beim "Blick am Abend" nicht. Wir wollen die Pendler abends unterhalten, was aber eine hohe Kunst ist. So definieren wir Relevanz.
Eines der erklärten Ziele ist, dass der "Blick am Abend" profitabel wird. Wie sieht hier die Situation aus?
Gut. Wir sind auf dem Weg zur Profitabilität. Unsere Bruttoumsätze konnten wir seit dem Start im Juni 2008 verdoppeln, während die gesamte Branche Verluste von zwei Prozent hinnehmen musste.
Ist bei diesem Unterfangen, das auf tiefem Niveau startet und generell Wachstum anstrebt, eine Umsatzverdoppelung tatsächlich eine grosse Leistung?
Wenn die ganze Branche im gleichen Zeitraum um zwei Prozent abnimmt, dann ist das doch eine Riesenleistung! Das Geschäft könnte ja auch stagnieren. Die Leser und in der Folge auch die Werbebranche könnten "Blick am Abend" boykottieren.
Die Werbebranche reagiert offenbar noch nicht so, wie Ringier sich das wünscht. Sonst schrieben Sie ja schwarze Zahlen.
Nein das stimmt nicht. Wir sind genau im Businessplan. Wir übertreffen jedes Jahr die Vorjahresumsätze. Logisch, wünschten wir uns manchmal, dass es noch steiler aufwärts ginge. Aber 2008 und 2009 waren für alle wirtschaftlich schwierige Jahre.
Nun noch eine persönliche Frage: Sie waren vor Ihrer Zeit bei der "Schweizer Illustrierten" Inlandchef bei der "Weltwoche". Ihre Karriere hätte also auch eine ganz andere Wendung nehmen können.
Welche?
Sie hätten bei der "Weltwoche" bleiben oder sich bei einem anderen Titel eher dem recherchierenden, investigativen Journalismus verschreiben können. Bereuen Sie den Schritt zum Boulevard manchmal?
Nein, ich komme vom Boulevard und gehöre zum Boulevard. Ich war ja auch bei TeleZüri. Fernsehen macht nichts anderes als Boulevard. Zur "Weltwoche" wollte ich schon immer, da ich bereits während des Studiums für die "Weltwoche" geschrieben hatte. Ich wollte auf diese Redaktion. Das war eines meiner Lebensziele. Diese zweieinhalb Jahre waren genau richtig, und ich meine: Es gibt nur einen einzigen Roger Köppel. Und ich wollte Chefredaktor werden.
Interview: Edith Hollenstein