«Das Zigarettengeschäft läuft auf Autopilot»

Philip Morris - Zigarettenkonzerne stehen unter massivem Druck. Sind sie der Sündenbock geworden? Und findet man in diesem Umfeld noch die richtigen Mitarbeiter? persönlich sprach mit Frederic Patitucci, Chief People & Culture Officer bei Philip Morris International, über die Transformation des Tabakkonzerns.

von Matthias Ackeret

Herr Patitucci, die Zigarettenindustrie steht weltweit unter massivem Druck. Wie geht Philip Morris damit um?
2016 haben wir unsere «Smoke Free Vision» gestartet. Wir entwickeln Produkte, die das gleiche Erlebnis und dieselbe Zufriedenheit bieten wie Zigaretten, aber das mit dem Rauchen verbundene Risiko deutlich verringern. Unser wichtigstes Tabakprodukt zum Erhitzen beispielsweise setzt durchschnittlich 90 bis 95 Prozent weniger schädliche Chemikalien frei als eine herkömmliche Zigarette, indem es den Tabak erhitzt, statt ihn zu verbrennen.

Was bedeutet das konkret?
Anstatt weiterhin Zigaretten zu rauchen, können erwachsene Konsumenten ihre Gewohnheiten ändern, ohne auf das Erlebnis zu verzichten. In zehn Jahren haben wir diese rauchfreien Produkte in 95 Ländern etabliert. Heute stammen 42 Prozent unserer Nettoeinnahmen aus den besseren rauchfreien Alternativen. In 23 Märkten erzielen wir bereits über die Hälfte des Umsatzes mit diesen neuen Produkten. Die Wahrnehmung der Tabakindustrie hat sich grundlegend verändert. Wir bieten mit IQOS, Nikotinbeuteln und E-Zigaretten Konsumenten, die sonst weiterhin Zigaretten rauchen würden, eine multidimensionale Produktpalette. Unsere Ambition ist es, in zehn bis zwanzig Jahren den Verkauf von Zigaretten einzustellen.

«Die Kritik unterscheidet sich je nach Land»

Sie sind in etwa 200 Ländern aktiv. Ist die Kritik an der Zigarettenindustrie überall gleich?
Die Kritik unterscheidet sich je nach Land. In vielen Ländern stehen die Regierungen unseren Produkten offen gegenüber. In den USA hat die Federal Drug Administration festgestellt, dass das IQOS-System, das den Tabak erhitzt, aber nicht verbrennt, die Produktion von schädlichen und potenziell schädlichen Chemikalien erheblich reduziert. Länder wie Italien haben diese Erkenntnisse anerkannt. In Frankreich ist es schwieriger, mit Behörden zu diskutieren. Japan und Indonesien sind unvoreingenommener. Wir verkaufen diese rauchfreien Produkte heute in 95 Ländern. Kritik ist willkommen, Dogmatismus erschwert jedoch den Dialog. Problematisch wird es, wenn Meinungen extrem festgefahren sind, weil manche die wissenschaftlichen Fakten nicht anerkennen wollen. Wir sprechen hier nicht einzig von Philip-Morris-Wissenschaft, sondern von Erkenntnissen, die von unabhängiger Wissenschaft bestätigt wurden. Wir suchen kontinuierlich den Austausch mit Regulierungsbehörden, selbst wenn wir auf Widerstände stossen.

Ist es für Sie schwierig, neue Produkte zu bewerben?
Ja, an Orten, wo für deren Bewerbung dieselben Einschränkungen wie bei Zigaretten gelten. In Frankreich beispielsweise ist es sehr schwierig, erwachsene Raucher anzusprechen. Wir versuchen, den Regulierungsbehörden klarzumachen, dass es für eine wirksame Schadensminderung beim Tabakkonsum wichtig ist, dass die Raucher wissen, dass es bessere Alternativen zu Zigaretten gibt.

Zählen Sie nicht auf den Marlboro-Mann, der ein amerikanisches Symbol ist, um dies zu überwinden?
Den Marlboro-Mann nutzen wir nicht für IQOS – wir wollen keine Verwirrung bei den Konsumenten stiften. Unsere IQOS-Produkte heissen Terea und haben keinen Bezug zu Zigarettenmarken. Bei den Zigaretten leisten wir keine grosse Marketingunterstützung mehr. Die meisten unserer Investitionen in Forschung und Marketing fliessen in IQOS. Das Zigarettengeschäft läuft sozusagen auf Autopilot. Da wir die Zigaretten auslaufen lassen, ist das kein Problem. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, all die damit verbundenen Symbole hinter uns zu lassen. Und wir konzentrieren uns darauf, den erwachsenen Konsumenten zu erklären, was unsere neuen rauchfreien Produkte sind. Es gibt weltweit eine Milliarde Nikotinkonsumenten, eine von der WHO bestätigte Zahl. Das bedeutet, dass parallel zur Prävention und zur Raucherentwöhnung auch die Schadensminderung ihren Platz haben muss. In Ländern mit besonders einschneidender Regulierung blüht der illegale Handel. Die organisierte Kriminalität profitiert, Regierungen verlieren Einnahmen.

Was bedeutet dies für Sie?
Wir befürworten eine angemessene Regulierung, die aber auch die Bedürfnisse der Konsumenten und den Bedarf an besseren Alternativen zu Zigaretten berücksichtigt. Nikotin ist nicht die Hauptursache des Problems, sondern die Verbrennung des Tabaks. Nikotin macht abhängig, ist aber nicht das Hauptrisiko beim Rauchen.

Ist es schwierig, Mitarbeiter für Ihr Unternehmen zu finden?
Vor zehn Jahren hätte ich diese Frage bejaht. Für viele war ein Job in der Zigarettenindustrie nicht das Traumziel. Doch dies ist längst nicht mehr so. Heute bewerben sich bei uns Kandidaten von Google, PayPal, Amazon, Meta, Tesla oder Louis Vuitton. Der Grund: Unser Geschäftsmodell hat sich verändert. Früher war es B2B-orientiert, jetzt fokussiert es auf die Konsumenten. Wir benötigen neue Kompetenzen im Bereich Digital, Paid Media und Callcenter. Unsere Bewerber kommen nicht mehr nur von Tabakfirmen. Heute haben wir keine Probleme mehr, neue Talente zu gewinnen. Und sie bleiben bei uns – unsere Fluktuationsrate liegt weltweit bei lediglich 4 Prozent. Viele neue Mitarbeiter sagten: Ich komme für zwei, drei Jahre und gehe wieder. 90 Prozent dieser Leute sind noch immer bei uns.

«Unsere Grundstrategie bleibt unverändert»

Hat sich durch die Präsidentschaftswahl in den USA etwas verändert?
Es bleibt weitgehend «business as usual». In den USA gibt es viele Regulierungen. Wir bringen die neue Version unseres Produkts IQOS auf den amerikanischen Markt. Unsere Grundstrategie bleibt unverändert. Wir haben gerade unseren Verkaufsstart in Austin, Texas, gefeiert. Interessanterweise sind wir in den USA seit Jahren präsent und in New York börsennotiert, betreiben dort aber erst seit der Übernahme von Swedish Match vor drei Jahren ein aktives Geschäft mit Nikotinbeuteln. Jetzt beginnen wir, IQOS zu verkaufen. Eine Herausforderung sind die 50 Bundesstaaten mit 50 verschiedenen Regulierungen.

Welches sind Ihre nächsten Projekte für den Schweizer Markt?
Der Schweizer Markt ist sehr dynamisch. IQOS wurde von den Konsumenten gut angenommen, und die Handelspartner sind zufrieden. Jetzt entwickeln wir uns in Richtung «Multi-Kategorie». IQOS ist unsere wichtigste Marke in diesem Zukunftsmarkt. Nun kommerzialisieren wir auch Nikotinbeutel und E-Zigaretten. Wir müssen unser Portfolio so gestalten, dass der Konsument die Vorteile der verschiedenen Produkte versteht.


Das vollständige Interview ist in der Juni-Ausgabe der Printausgabe von persönlich erschienen.