Während dreier Jahrzehnte hat er über Verbrechen im Aargau vor Kameras und Mikrofonen Auskunft gegeben. Nun geht Rudolf Woodtli, Mediensprecher der Kantonspolizei, in Pension - als dienstältester seines Fachs. Er beobachtet immer mehr Boulevard-Journalismus. Sein Gesicht und seine Stimme ist der Aargauer Bevölkerung längst bekannt. In den vergangenen Wochen erhielt er gar Zuschriften von Menschen, die kaum glauben konnten, dass die Stimme der Aargauer Polizei nun verstummt. "Ich habe der Aargauer Kantonspolizei schon ein Gesicht geben dürfen", sagt der 64-Jährige bescheiden in seinem Büro im Hauptkommando der Aargauer Kantonspolizei im Telli. Diese Funktion wird er Ende August 28,5 Jahre wahrgenommen haben.
Im April 1982 wurde Rudolf Woodtli Mediensprecher der Aargauer Kantonspolizei. Im Juli musste er - ohne jegliche Ausbildung - vor einer Kamera des Schweizer Fernsehens über ein Zugsunglück in Mägenwil Auskunft geben, das sechs Todesopfer und 70 Verletzte forderte. "Auf dem Weg dahin ist der Puls schon gestiegen", erinnert sich Woodtli. "Es hat dann nicht gerade im ersten Anlauf geklappt, aber am Ende hatten sie, was sie wollten." Zu Beginn erteilten die Ordnungshüter auf den Bezirksposten den ihnen persönlich bekannten Regionaljournalisten bereitwillig Auskunft. Eine Sprachregelung gab es noch nicht.
Mangels geeigneter Kurse besuchte Woodtli einige der handvoll Polizeien, die damals über einen Mediensprecher verfügten. Das Texten lernte er unter anderem bei mehrtägigen Besuchen auf Zeitungsredaktionen und Nachrichtenagenturen. Sonst gab es nichts als "learning by doing", sagt Woodtli. "Man muss immer etwas einbringen", betont er. "Manchmal ein leider", damit die Zuhörer Anteilnahme wahrnehmen würden. Berichtet werde stets "möglichst rasch und offen" - Woodtlis eiserner Grundsatz. Seine Meldungen gingen zu Beginn an 20 bis 30 Empfänger. Dieser Kreis ist bis heute auf 128 Adressen angewachsen. Mit den Journalisten blieb er stets auf Distanz. Wenn ihm das "Du" angeboten wurde, lehnte er dankend ab.
Immer mehr Boulevard
Boulevard-Journalismus habe sich in den drei Jahrzehnten seiner Arbeit "leider immer mehr verbreitet". Vor allem mit den elektronischen- und Bildmedien, aber auch bei Printmedien fällt gemäss Woodtli die Recherche immer mehr dem Zeitdruck zum Opfer. "Es nervt einen manchmal schon, wenn man dann die Berichte liest", sagt er. Diese Momente hätten sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Und manchmal habe er auch fast schon Mitleid. Gerade junge Fernsehjournalisten seien manchmal "arme Typen".
Diese würden einen Auftrag erhalten und sollten möglichst Blut oder gleich den Sarg filmen und dazu auch noch Menschen zum Weinen bringen. Aber die Gesellschaft spiele nun mal mit. Als Medienkritiker sieht sich Woodtli dennoch nicht - im Gegenteil. Die gebe es innerhalb der Polizei zwar schon. "Die Gesellschaft hat ein Recht zu wissen, was die Polizei macht - auch wenn sie einmal ein Fehler begeht." Zuweilen arbeitet Woodtli auch direkt mit den Medien zusammen. So geschehen bei einer Fahndung nach einem Bankraub in Zurzach AG 2003. Auf "Radio Argovia" beschrieb er live das Fluchtauto, worauf die Polizei die Räuber dank einem Lastwagenfahrer erwischte. Die Polizei könne in der Bevölkerung auch Vertrauen schaffen, wenn in Zeitungen und Radios über Fahndungserfolge berichtet werde. Seine Arbeit werde er nach dem Abchied nicht vermissen. "Aber Kriminalfälle werde ich aus Distanz auf jeden Fall verfolgen." (sda)