Herr Marthaler, anfangs September haben Sie nach genau zehn Jahren das Amt als Kommunikationschef der Mobiliar abgetreten. Seither sind ein paar Tage vergangen, wie fühlt sich die Situation an?
Loslassen fällt mir erstaunlich leicht. Wohl vor allem auch deshalb, weil ich ja noch da bin, einfach nicht mehr als Chef.
Sie übergeben an Karin Baltisberger, die von der Blick-Gruppe in die Kommunikation wechselt (persoenlich.com berichtete). Welche Tipps haben Sie der 32-Jährigen mit auf den Weg gegeben?
Es geht weniger um den weisen Rat des Alten, als um den Austausch. Und der findet täglich statt, wir sitzen ja am selben Tisch. Wir sind zwar sehr unterschiedlich an Jahren, bezüglich Kommunikation haben wir aber weitgehend dieselben Ansichten. Karin Baltisberger soll ja auch nicht das Gleiche machen wie ich, sondern ihr eigenes Ding durchziehen.
Als Leiter der Kommunikationsabteilung waren Sie auch für das Personal verantwortlich. Was macht einen guten Mitarbeiter aus?
Neben dem gesunden Menschenverstand und Teamfähigkeit legte ich bei der Auswahl neuer Mitarbeitender stets Wert auf hohe Textkompetenz und eine grundsätzliche Lust am Kommunizieren. Heute ist die Bereitschaft, sich mit Bild und Video auseinanderzusetzen ebenfalls unabdingbar.
Wenn Sie zurückschauen, was war für Sie die schwierigste Situation in der Zeit bei der Mobiliar?
So richtig schwierig war es im Gegensatz zur Zeit bei der Swiss nie. Die Mobiliar war die ganzen zehn Jahre sehr erfolgreich, da kommuniziert es sich per se leichter.
Bei der Swiss haben Sie nach dem Grounding der Swissair die Kommunikationsabteilung aufgebaut. Wie haben Sie die Zeit damals erlebt?
Kommunikation in schwersten Turbulenzen. Das war eine harte Lehre. Mit einem solidarischen und kompetenten Team durch diesen Sturm zu fliegen, das war eine nachhaltige Erfahrung. Sie gewährte auch Einblick in unschöne Abgründe der Medienwelt.
Wie zeigten sich diese unschönen Abgründe?
Im kollektiven "Happy Swiss Bashing" waren sich auch seriöse Medien nicht zu schade, wiederholt und wider besseren Wissens unwahre Schlagzeilen und Inhalte zu verbreiten. Das war nicht nur unfair, sondern für die sonst schon arg gebeutelte Airline höchst schädlich fürs Geschäft. "Ich würde ja gerne mal eine positive Geschichte über Swiss schreiben", sagte mal ein Journalist. "Sie verstehen aber sicher, dass dies im jetzigen politischen Umfeld nicht möglich ist..."
Vor ihrer Zeit in der Kommunikation waren Sie als Journalist bei der SRG tätig und sassen als Leiter Radio- und Fernsehen Bundeshaus im Management der SRG. Wie haben Sie den Wechsel auf die andere Seite damals erlebt?
Die Unternehmenskommunikation erlebe ich als äusserst spannende Ergänzung meiner journalistischen Tätigkeit. Verbiegen musste ich mich deswegen nie. Die Vielfalt an kommunikativen Formen, welche ich bei der Mobiliar ausleben darf, könnte mir kein Medienunternehmen bieten.
Sie sind seit 40 Jahren in der Welt der Kommunikation tätig. Wie haben sich die Bedürfnisse der Medien in den Jahren verändert?
Das Bedürfnis der Gesellschaft nach Information und Orientierung besteht nach wie vor, nur kosten darf es nichts mehr. Die Qualität, welche die Medien mit den vorhandenen Mitteln noch liefern können, ist leider abnehmend und das nützt niemandem.
Sie bleiben als Publizist im Unternehmen. Was genau ist Ihre Tätigkeit?
Das was ich am liebsten mache: Texte schreiben, Anlässe moderieren, Videos drehen, Leute ausbilden.
Mit 65 reduzieren Sie schliesslich auf ein 40-Prozent-Pensum. Da bleibt Zeit für anderes. Was haben Sie für Pläne?
Mit Grosskind Sophie die Welt entdecken, Reisereportagen schreiben, viel Sport, Singen im Berner Amadeus-Chor, sowie meine spannenden Mandate in den Verwaltungsräten des BSC Young Boys und dem Bike–Unternehmen Thömus.
Fragen: Michèle Widmer, Bild: zVg.