Die Dolmetscherin setzt sich in einem nüchternen Sitzungsraum im Gehörlosenbund-Gebäude neben mich, damit Christian Gremaud uns beide sehen kann. Wenn der Romand gebärdet, formt er die Gebärden präzise, oft schnell, manchmal sehr bewusst. Deren Bedeutung formt er nicht mit den Lippen, sondern man hört zwischendurch Atemgeräusche und Laute, die an Konsonanten erinnern. Rasch gewöhnt man sich daran, ihn anzublicken und von links die Übersetzung zu hören. Der 39-Jährige wirkt präsent, lebhaft, fokussiert und neugierig. Die Kommunikation ist etwas anfälliger für Missverständnisse, doch die Dolmetscherin ist erfahren, fragt nach wo nötig und übersetzt für persoenlich.com ins Schweizerdeutsche.
Christian Gremaud zeigt die Gebärde «Ich bin etwas aktiv am Machen». (Bild: zVg.)
Herr Gremaud, Sie sind der erste gehörlose Pressesprecher der Schweiz. Wie fühlt sich das an?
Bisher arbeiteten immer hörende Pressesprecher beim Schweizerischen Gehörlosenbund SGB-FSS. Auch wenn sie viel über das Thema wussten; letztlich sprachen sie über uns Gehörlose. Das war für mich nie ganz stimmig, nicht auf gleicher Augenhöhe. Deshalb denke ich, es macht Sinn, dass ein Gehörloser selbst hinsteht. Er weiss, wo die Kommunikationsprobleme sind.
Wie kam es dazu?
Der Gehörlosenbund suchte einen Abteilungsleiter. Ich fand das spannend. Das ist genau das, was ich machen möchte. Nun arbeite ich hier seit April 2016 zu 80 Prozent. Ich wohne noch immer in Fribourg und pendle; einen Tag arbeite ich von zuhause aus.
Hat das nicht etwas lange gedauert, bis in der Schweiz der erste gehörlose Pressesprecher eingestellt wurde?
(schmunzelt) Ja. Viele europäische Länder und auch Nordamerika sind bei der Integration von Behinderten weiter. Dort gibt es auch Gehörlose in Leitungsfunktionen. In der Schweiz ist es noch immer schwierig. Hier ist die Haltung so: Eine gehörlose Person in der Leitung, die soll lieber im Hintergrund tätig sein …
Das heisst, man traut es den Gehörlosen nicht zu.
Man ist zu vorsichtig, denkt, man müsse helfen. Statt zu sagen: Hey klar, Sie können auch vorausgehen.
Wir haben jetzt beim Gespräch eine Übersetzerin dabei. Wird das bei Presseanfragen immer so sein?
Ein Interview mit einem Gehörlosen ist kein Problem. Es gibt Videotelefone, Dolmetscher und E-Mail … und das ist heute völlig normal. Die anderen sollen ein Bild bekommen, wie Gehörlose leben und ihren Alltag meistern.
Wie funktioniert das konkret bei einer Medienanfrage? Meist muss es schnell gehen, möglicherweise handelt es sich um eine Krisensituation. Wie schnell ist ein Dolmetscher verfügbar?
Wenn jetzt jemand von der Presse kommt, sagen wir, einer von der Deutschschweiz, einer aus der Romandie und einer aus der italienischen Schweiz. Dann komme ich dazu und organisiere die Dolmetscher. Sollte es jetzt extrem knapp werden und ich habe keinen, kann ich immer noch dem Schweizerischen Gehörlosenbund sagen, dass wir eine Art Hausdolmetscher benötigen. Eine weitere Option ist «VideoCom», ein Telefon für Gehörlose mit Videotelefon-Vermittlung. Will ich einen hörenden Journalisten sprechen, rufe ich dort an, gebe ihnen den Namen und die Nummer.
Also zwischen gehörloser Person und Dolmetscher am Telefon ist das ein bisschen wie ein Videoanruf per Skype?
Es ist ähnlich, aber eine andere Technik und moderner. Es ist prinzipiell auch kostenlos, man bezahlt einfach die Telefongebühren.
Welche ersten Erfahrungen haben Sie seit April gemacht?
Als ich anfing, gab es bereits sehr viele Aufträge. Für den Tag der Gebärdensprache im September gab es viel zu organisieren. Dafür wurde auch eine Parade organisiert. Zudem wurde im Zusammenhang mit dem Tag die Kampagne «coole Mitarbeiter gesucht» umgesetzt, welche in meiner Verantwortung lag. Das Ziel war, Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Viele haben keine Ahnung, wie gehörlose Menschen leben und was ihre Probleme sind. Wir wollen arbeiten und können das auch. Mir und dem Gehörlosenbund ist es wichtig zu zeigen: Es gibt kompetente Leute mit Diplom, warum lasst ihr dieses Wissen ungenutzt?
Was sind die täglichen Herausforderungen – intern und extern?
(überlegt) Ein Thema ist: Alles braucht viel Zeit. Beispielsweise das Organisieren – ich muss teilweise Dolmetscher in drei Sprachen aufbieten. Natürlich kann etwas Unvorhergesehenes passieren und beim Improvisieren muss ich alle drei Sprachen im Blick haben. Es geht auch darum, dass die Öffentlichkeit sieht: Aha, das ist möglich. Darum kann ich mir nicht vorstellen, etwas zu lassen und zu sagen: Es geht nicht.
Wie viele Medienanfragen pro Tag oder Woche erhält der Gehörlosenbund?
(Zwischen der Dolmetscherin und ihm geht es ein paarmal hin und her, sie präzisiert). Immer mal wieder. Wenn beispielweise ein Fest war, dann kommen Anfragen. Was beispielsweise ein Thema ist, sind falsche Gehörlose.
Falsche Gehörlose?
Das sind jene, die betteln und sagen, sie seien gehörlos. Die Leute geben dann Geld, es kommt ihnen komisch vor und irgendwann folgen Meldungen bei Polizei und Presse. Wir informieren dann, dass dies falsche Gehörlose sind und nichts mit uns zu tun haben. Wir sind nicht auf der Strasse und betteln um Geld. In solchen Fällen reagieren wir darauf und verschicken eine Medienmitteilung mit einer Warnung für die Öffentlichkeit. Oder wenn mit einem Bundesgesetz etwas nicht stimmt, dann reagieren wir.
Das heisst, es gibt kaum Anfragen?
Ja. Es ist häufiger so, dass wir uns melden müssen. Bis jetzt sind es wirklich sehr wenige Anfragen.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Es gibt so viele Behinderten-Institutionen: für die Blinden, die Gehörlosen, die Rollstuhlfahrer … vermutlich ist das auch für die Presse nicht ganz einfach, da zu unterscheiden. Dass diese eben nicht einfach «die Behinderten» sind, das ist scheinbar vielen nicht bewusst. Wir brauchen sehr unterschiedliche Dinge. Auch das Wort «behindert» ist wie … (die Dolmetscherin hakt nach) … die Leute denken manchmal, da kann man nichts machen. OK, der kann halt nicht kochen, nicht fahren; der braucht Unterstützung. Das ist eben nicht so. Als Gehörloser kann ich sehr vieles – auch andere Behinderte können das. Ich habe kein Problem, das Problem entsteht in der Gesellschaft. Und darum stehen wir dann manchmal an, jeder mit seinen Bedürfnissen. Wir müssen daran arbeiten. Auch beispielsweise beim Fernsehen.
Woran mangelt es denn beim Fernsehen?
Maximal 50 Prozent der Sendungen sind untertitelt. Und das auch nur beim Schweizer Fernsehen SRF. Für Gehörlose ist das ein Problem, da sie dann keinen Zugang haben. Ich selbst bezahle die Billag-Gebühren zu 100 Prozent. Während die Hörenden dann die ganzen Informationen haben, habe ich nur die Hälfte davon. Das finde ich nicht gerecht, sondern diskriminierend.
Was halten Sie diesbezüglich von den privaten Sendern?
Ab 2017 müssen die Privaten ihre Hauptinformationssendungen untertiteln. Wir werden die Umsetzung genau beobachten. Aber auch im öffentlichen Fernsehen muss es mehr werden.
Was sind die häufigsten Missverständnisse zwischen Hörenden und Gehörlosen?
(lächelt verschmitzt) Einmal hatte ich kein Handy dabei und es wurde knapp, pünktlich zu einem Termin zu kommen. Also sprach ich jemanden an, ob er für mich telefonieren könne. Selber kann ich ja nicht anrufen. Also gab ich der Person die Nummer und die Information und bezahlte für das Gespräch. Derjenige war hilfsbereit, wählte die Nummer und … hielt mir den Hörer hin (hält inne und schaut bedeutungsvoll).