Herr Bornholt, wie wohl fühlen Sie sich jeweils im Homeoffice?
Es geht so, offen gestanden. Ich mache tatsächlich manchmal Homeoffice, komme aber im Allgemeinen lieber ins Büro – beziehungsweise in meinem Fall natürlich in den Coworking-Space. Aber die Flexibilität, auch mal Homeoffice zu machen, wenn es sich anbietet oder vielleicht sogar mal sein muss, schätze ich natürlich.
Seit der Coronapandemie wird vermehrt im Homeoffice gearbeitet. Doch 75 Prozent der Teilnehmenden einer von Ihnen in Auftrag gegebenen Umfrage von Marketagent* sagen, dass so der soziale Austausch leidet. Dieses Resultat ist ja nicht wirklich überraschend …
Das stimmt, mit dem Ergebnis hatten wir gerechnet, wenn vielleicht auch nicht in dieser Deutlichkeit. Wir wissen aber zum Beispiel aus informellen Gesprächen mit anderen Unternehmen, dass gerade junge Leute gerne ins Büro kommen, weil es eben auch ein Ort ist, um sich kennenzulernen. Soziale Bindungen entstehen durch persönliche Interaktion und nur sehr bedingt über den Bildschirm.
Nicht nur der soziale Austausch leidet. 71 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass durch Homeoffice auch die Zusammenarbeit im Team leidet. Teilen Sie diese Meinung?
Absolut, auch wenn dies vielleicht einige nicht hören mögen. Um im Team gut miteinander zu arbeiten, benötigt es eben nicht nur den formellen Teil von Teamarbeit, sondern auch den informellen Teil. Wir alle kennen das doch: Häufig entstehen die besten Diskussionen oder die interessantesten Ideen nicht im Sitzungszimmer, sondern in der Kaffeepause davor oder beim Bier danach. Gerade in solchen Diskussionen eröffnet sich häufig erst der Blick für die Perspektive anderer. Und auf dieser Basis lässt sich dann wiederum produktiv aufbauen. Im reinen digitalen Austausch findet dieser informelle Teil schlicht nicht statt.
«Einige schätzen das Restaurant, andere den Fitnessraum»
Sie als Anbieter von Coworking-Angeboten haben die Studie in Auftrag gegeben. Warum?
Wir fragen unsere Kunden regelmässig, wie es ihnen bei uns gefällt. Nebst der erfreulichen Tatsache, dass praktisch alle Kunden sehr gerne bei uns arbeiten, hören wir aber auch die unterschiedlichsten Argumente dafür. Einige schätzen das Restaurant, andere den Fitnessraum, wiederum andere den Austausch mit Personen aus anderen Unternehmen. Das hat uns dazu bewogen, einmal zu fragen, was denn eigentlich ausschlaggebend dafür ist, dass Menschen gerne ins Büro kommen. Wie muss ein Büro, muss ein Arbeitsplatz, ein Arbeitsort beschaffen sein, damit die Leute ihn dem eigenen Zuhause vorziehen?
Darauf will ich gleich noch eingehen. Zuerst: Hat sich bei der Umfrage ein Unterschied herauskristallisiert, ob jemand in einem klassischen Büro oder in einem Coworking-Space arbeitet?
Zunächst einmal waren wir überrascht, wie viele Menschen in der Schweiz bereits Erfahrungen gemacht haben mit Coworking-Spaces. Bei den 20- bis 29-Jährigen nutzen bereits über zehn Prozent regelmässig Coworking-Angebote. In der Romandie fünf Prozent sogar täglich. Einen direkten Unterschied sieht man in den Zahlen nicht, wobei wir auch nicht in dem Sinne danach gefragt haben. Was wir aus der eigenen Erfahrung wissen, ist, dass viele der Unternehmen, die bei uns arbeiten, die klassische «Zurück aus dem Homeoffice»-Diskussion gar nicht führen müssen. Flexibles Arbeiten ist bei ihnen Teil des Alltags, und viele ihrer Mitarbeiter kommen gerne ins Office, sei es, um sich auszutauschen oder von Annehmlichkeiten der Arbeitsumgebung zu profitieren.
Wir wissen jetzt, dass drei von vier der Befragten finden, dass Homeoffice den Teamgeist zerstört. Welche Argumente sprechen laut Umfrage für die Arbeit zu Hause?
Dem Homeoffice werden insbesondere hinsichtlich Work-Life-Balance, Konzentration und Effizienz sehr gute Noten ausgestellt. Die reine Arbeitsleistung wird im Übrigen für beide Arbeitsorte nahezu gleich beurteilt, hier sehen wir also weder die Arbeit vor Ort noch das Homeoffice im Vorteil.
Ich persönlich stelle fest: Der kreative Austausch ist im Team besser, im Homeoffice bin ich aber effizienter. Was ist nun für Arbeitgeber wichtiger?
Ich denke, das lässt sich so nicht sagen. Es ist vom jeweiligen Jobprofil abhängig. Wer grosse Excel-Tabellen bewältigen muss, erledigt dies wahrscheinlich zu Hause mindestens so gut wie im Büro. Wer hingegen in einem Innovationsteam arbeitet, braucht mit Sicherheit den Austausch mit Kollegen. Man weiss aber auch aus diversen Studien, dass gute Teamarbeit in vielen Branchen ein absolut kritischer und nachhaltiger Erfolgsfaktor ist. Ich sollte als Arbeitgeber diesen Aspekt also auf keinen Fall ausser Acht lassen.
«Jemanden mit Zwang zurück ins Büro zu holen, wird langfristig nicht erfolgreich sein»
Viele Arbeitnehmende haben erst dank der Coronapandemie die Vorzüge von Homeoffice kennenlernen dürfen. Müssen Chefs ihre Angestellten nun mit der Peitsche zurückholen?
Das ist tatsächlich eine Gratwanderung. Ich verstehe einerseits die Arbeitnehmenden, die im Homeoffice eher in der Lage sind, neben der Arbeit vielleicht auch weitere Aspekte des Lebens zu managen. Umgekehrt verstehe ich auch sehr gut die Arbeitgeber, denen es ja auch um Dinge wie Firmenkultur, Firmenwerte und eben auch die zuvor angesprochene Teamarbeit geht. Jemanden jedoch mit Zwang zurück ins Büro zu holen, wird langfristig nicht erfolgreich sein. Unsere Umfrage hat unter anderem gezeigt, dass es bei der Beschaffenheit des Büros durchaus Punkte gibt, die man verbessern kann, damit die Mitarbeiter gerne ins Büro kommen.
Wie zum Beispiel?
Da gibt es die eher offensichtlichen Dinge, wie ein ordentliches, sauberes und schön gestaltetes Büro, eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr sowie eine gute Arbeitsinfrastruktur. Dazu gibt es aber auch einige Punkte, die vielleicht etwas weniger offensichtlich sind, wie etwa Verpflegungsmöglichkeiten, Fitnessangebot und Duschen oder Aussen- und Erholungsräume.
Gratiskaffee und Tee am Arbeitsplatz würden laut Umfrage 59 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer schätzen. Sollten solche Angebote eine Selbstverständlichkeit sein?
Ich persönlich finde ja, absolut. Die heutigen Unternehmen erwarten viel von ihren Mitarbeitern. Da schadet im Umkehrschluss eine gewisse Grosszügigkeit mit solchen «Consumables» nicht. Letztlich ist das natürlich aber auch eine Frage der Firmenkultur, und wie überall gilt auch hier nicht: One size fits all …
Was für «Tricks» gibt es sonst noch, um Talente in eine Firma zu locken?
Gemäss Umfrage gibt es insbesondere in der jüngeren Generation Angebote, die sehr gut ankommen, beispielsweise ein Gaming-Room oder ein Töggelikasten, um zwischendurch Energie abzubauen. Bei den 20- bis 29-Jährigen ebenfalls sehr wünschenswert wäre ein Wäscheservice am Arbeitsplatz. Und bevor jetzt wieder alle schreien, dass das Büro doch keine Wohlfühloase sei, frage ich umgekehrt: Warum denn nicht? Ich bin fest davon überzeugt, dass sich durch geschickte Partnerschaften auf der einen Seite und ein bisschen Kreativität auf der anderen Seite das Büro zu einem Ort machen lässt, wo die Mitarbeiter gerne hinkommen. Wenn ich dann noch eine gewisse Flexibilität in Bezug auf Homeoffice versus Präsenzzeit zulasse, benötige ich als Unternehmen bestimmt keine Peitsche, um die Leute ins Büro zu bewegen.
Zum Schluss: Wo habe ich Sie jetzt eigentlich erreicht? Im Coworking Space oder im Homeoffice?
Lustig, dass sie das fragen, denn Sie erwischen mich heute tatsächlich im Homeoffice. Das ist bei mir allerdings die Ausnahme. Ich gehe grundsätzlich sehr gerne ins Büro, zumal wir bei Westhive als Anbieter von Büroflächen auch ein Unternehmen sind, dass in den meisten Funktionen Präsenz erfordert. Im Übrigen schätze ich den Austausch mit den Kollegen sowie insgesamt das soziale Umfeld am Arbeitsplatz sehr – im Homeoffice fehlt mir das.
* Das Marktforschungsinstitut Marketagent.com Schweiz befragte zwischen dem 10. und dem 16. Februar 2023 in einer repräsentativen Umfrage 1020 Personen zwischen 14 und 74 Jahren in der Deutsch- und der Westschweiz. Auftraggeber war Coworking-Anbieter Westhive AG.