"Ich sage nicht, wo unser Raketenwerfer steht."

- Um Klaus J. Stöhlker ist es gerade ruhig. Zwischen Musse und Muse schreibt der bekannte Tele-Züri-Polemiker ein neues Buch zur Lage der Nation. Worum soll es gehen? Und: Wie steht es um die Geschäfte des illustren PR-Beraters, der jetzt offenbar Zeit für schriftstellerische Spielereien findet? Persoenlich.com hat in Zollikon nachgefragt. Das Interview:

Herr Stöhlker, Sie schreiben wieder mal ein Buch zur Lage der Nation. Worum geht es genau?

Ich werde am Beispiel der Schweiz den Weg der letzten 60 Jahre aufzeichnen: Was hat sich in unserer Gesellschaft verändert, unter welchen Einflüssen stehen wir eigentlich? Diese Entwicklung mache ich an zwölf Bildern fest, die anhand einzelner Personen und Situationen entstehen sollen.

Sie betonen jeweils, dass es sich bei Ihrem Blog um ein literarisches Tagebuch handelt. Sind diese zwölf Bilder ebenfalls literarisch?

Es wird wie jedes anständige Buch einen sehr sachbezogenen Kern haben. Aber aussen rum wird das Ganze anhand von Storys abgehandelt. Das erste Bild ist fertig und Sie sind der erste, dem ich das erzähle: Ich beginne mit einer Frau in der Kriegszeit im 2. Weltkrieg, wie sie in einem Feld kauert, um Nahrung kämpft und sich verstecken muss. Zwei Bauern stehen am Waldrand, bereit dazu, die Sammler von Weizenresten halb tot zu schlagen, wenn sie sie erwischen. Damals herrschte Armut in Europa.

Es handelt sich also um eine Fiktion, die stellvertretend für viele Schicksale steht.

Richtig. So bringe ich zwölf Geschichten von damals, schildere was im Kampf entstanden ist und leite über in die Welt des Wohlstandes, bis hin zur Welt der Millionäre, der jungen Aufsteiger und der Kämpfe, die sich zwischen Politik und Wirtschaft abspielen. Ich werde keine Leitartikel schreiben, sondern meine Thesen anhand von Cases abhandeln. Ich will sowohl Erfolgsgeschichten als auch Misserfolgsgeschichten verständlich machen. Das Ganze soll glücklich machen angesichts der gewaltigen Herausforderung, die wir zu bewältigen haben.

Ein PR-Berater, der Zeit hat, Bücher zu schreiben, hat keine Aufträge. Würden Sie dem beipflichten?

Ich bin vor zwei Tagen 71 geworden und ich erlaube mir nun also schon, meine Zeit ein bisschen freier einzuteilen. Ich bin immer noch einer der besser bezahlten PR-Berater im Land, aber es ist nicht mehr das Materielle, das mich in Bewegung setzt. Die Zeit zum Schreiben ist ein unendlicher Luxus. Wenn ich diese verrechnen könnte, wäre es auch nicht schlecht.

Sie sind weniger bekannt als Verkäufer der Ideen anderer als Ihrer selbst. Hat Ihnen die ständige Exponierung in den Medien geschadet?

Nein. Sie hat mir nur genutzt. Ich habe insgesamt zwölf Jahre Tele Züri gemacht und wurde noch von Roger Schawinski erfunden. Seit ich regelmässig auf Tele Züri zu sehen war, haben sich meine Vortragshonorare verzehnfacht. Im Laufe meiner Zeit im Sonntalk hat ein Vortrag von mir zwischen 3000 und 5000 Franken gekostet.

Referate sind die eine Sache, aber haben Sie bei Ihren Kunden tatsächlich gepunktet?

Selbstverständlich. Ein PR-Berater mit nachweislicher Fernseherfahrung ist natürlich viel mehr wert als einer ohne Fernseherfahrung.

Von Kollegen werden Sie wegen Ihrer polemischen Medienauftritte und wegen Ihres Blogs belächelt. Stört Sie das?

Nein, zum Teil ist das blanker Neid. Die Kollegen sollen mal zeigen, was sie können.

Bekommen Sie persönlich auch negative Reaktionen?

Nein, es traut sich keiner.

Die PR-Branche setzt auf Diskretion, Sie suchen das grosse Rampenlicht. Warum sind Sie nicht Showmaster geworden?

Diese Frage zielt unter die Gürtellinie. Ich habe immer die These vertreten, dass der Chef in der Krise ans Ruder muss. Der Chef muss zeigen, dass er das Unternehmen steuert, er muss sagen, was er will. Selbstverständlich bin ich ein Beispiel für einen solchen Chef. Es kommt mir manchmal so vor, als würden einige meiner Kollegen einfach nicht richtig wissen, was sie wollen und nur den Verdacht erwecken, sie würden PR betreiben.

Sie stehen seit dreissig Jahren in der Öffentlichkeit. Stecken wir denn schon so lange in der Krise, dass wir Ihre Auftritte nötig haben?

Nein, zwischen 1980 und 2000 hat die Kommunikationsbranche national einen riesen Boom erlebt und dieser wird nun von einem ganz grossen Boom auf internationaler Ebene abgelöst. Das PR-Kleingeschäft in der Schweiz wird aber schwächer.

Einst gehörten zu Ihren Kunden die Ärzte und die Economiesuisse und Sie haben in der Schweiz die strategische Politberatung mitetabliert. Von wem erhalten Sie heute im Inland noch Aufträge?

Die Agentur, wie sie heute da steht, lebt seit eh und je zu vierzig Prozent von Aufträgen des Finanzplatzes und der Industrie. Dieser harte Kern trägt die Agentur seit dreissig Jahren. Dazu kommen internationale Mandate. Natürlich gibt es auch sehr schicke Mandate in der Schweiz: Wir vertreten beispielsweise den grössten Lieferanten von Kaninchenfleisch in der Schweiz als Pressesprecher. Dieses Mandat interessiert mich ungemein, schliesslich beschäftige ich mich sehr viel mit Landwirtschaft.

Arbeitet Economiesuisse noch mit Ihnen?

Economiesuisse hat punktuell Aufträge vergeben. Die Schweizer Mandate sind heute immer mehr aktionsbezogen. Das ganze Geschäft ist hektischer geworden. Früher hatten wir viel mehr Jahresmandate.

Ihr wichtigstes Mandat, nämlich als Zürcher Antenne für den Kanton Wallis zu fungieren, haben Sie mit einem Blog-Eintrag zum Attentat aufs Zuger Kantonsparlament verspielt. Sie schrieben damals, dass das Attentat zehn Jahre danach zu Recht beweint werde, ein nicht namentlich erwähnter Freund aber nicht unglücklich zu sein brauche, da ihm in Folge des Todes seiner Frau eine bevorstehende "Kampfscheidung" erspart geblieben sei.

Nein, das ist ein Gerücht. Darf ich das mal klarstellen: Wir haben sechs Jahre ausserordentlich erfolgreich gearbeitet, übrigens auch nach Meinung des Volkswirtschaftsdirektors Jean-Michel Cina. Das hat er mir in einem persönlichen Brief geschrieben. Jetzt haben wir sogar bei der Entwicklung des neuen Tourismus-Gesetzes mitgewirkt, das gerade vor vier Wochen im kantonalen Parlament verabschiedet wurde. Die Antenne hat da eine ganz zentrale Funktion gespielt.

Jetzt haben Sie aber dieses Mandat verloren.

Jetzt haben wir ein Aktionsmandat. Das neue Mandat mit dem Kanton Wallis wird am 1. Januar 2013 in Kraft gesetzt. In unserer Beziehung zum Kanton Wallis hat sich nichts geändert.

Wie hoch schätzen Sie Ihren Image-Schaden in Folge dieses Blog-Eintrags ein?

Ich kenne den Fall Zug und die handelnden Personen seit zehn Jahren. Als die grossen Feierlichkeiten zum Zehnjährigen kamen, habe ich halt geschmunzelt. Alle trauern in Zug, aber einer hat sich gefreut (lacht). Was ist das Ergebnis von dem: Es hat mich 16'000 Franken Honorar gekostet. Das ist alles.

Dieser Eintrag ist aber bei der Bevölkerung doch sehr schlecht angekommen.

Leider Gottes hat die Bevölkerung meistens keine Ahnung.

Wie können Sie das sagen? Sie verherrlichen die Demokratie ja ständig.

Damit ist die grosse Masse gemeint. Sie kann es auch nicht besser wissen, wenn sie nur eine Tageszeitung liest und Schweizer Radio hört. Wie wir auf persoenlich.com gerade lesen, ist die Bevölkerung auch noch zufrieden mit dem Programm, obwohl es für anspruchsvolle Leute ein sehr schlechtes Programm ist. Aber klar, die Bevölkerung als solches gibt es natürlich nicht.

Sie machen Geschäfte mit Gazprom. Wie haben Sie Ihre Russland-Geschäfte etabliert?

Wir sind seit sieben Jahren sehr erfolgreich für Russland tätig. Bei unseren Kunden handelt es sich wohlgemerkt nicht nur um Gazprom. Wir arbeiten für die grosse russische Energieagentur, hinter der noch viel grössere Interessen stehen als hinter Gazprom. Wir haben uns in Moskau sehr viel Vertrauen geschaffen.

Was machen Sie genau für die russische Energiebehörde?

Wir liefern wöchentlich Analysen aus Westeuropa bis Brüssel. Wir machen aktive Medienarbeit, organisieren Medienreisen in den Osten, wenn es notwendig ist. Wir helfen mit, gewisse Anliegen zwischen Russland und westlichen Ländern zu koordinieren.

Wem würden Sie Ihre Dienste aus moralischen Prinzipien nicht anbieten?

Wir lehnen am Laufmeter Mandate ab.

Was geht Ihnen gegen den Strich?

Spielcasinos gehen mir völlig gegen den Strich. Ich bin kein Spieler, ich spiele auch kein Lotto. Der Mensch soll arbeiten, um sein Geld zu verdienen – das Leben ist kein Lotto. Den Zürcher Tierschutzanwalt Götschl habe ich auch einmal abgelehnt. Ich habe ihm gesagt: Herr Götschl, ich liebe die Menschen mehr als Ihre Hunde. (lacht)

Haben Sie mit Spielcasinos tatsächlich ein moralisches Problem?

Ich finde Spielen langweilig. Es ist zwar nicht verwerflich, aber unnötig.

Würden Sie also prinzipiell für alle und jeden PR-Arbeit machen, sofern es Sie nicht langweilt.

Achtung: Ich gehe nicht von Gefühlen, sondern von Wissen aus. Ich weiss nicht, ob ich für Ahmedinejad arbeiten würde, ich müsste mich damit beschäftigen. Ich würde alles berücksichtigen. Die Antwort kann ich Ihnen so nicht geben.

Progressive Politlobbyisten machen Ihre Kunden öffentlich. Warum deklarieren Sie nicht, von wem Sie Ihr Geld verdienen?

Wenn beispielsweise FurrerHugi bekannt gibt, für wen sie arbeiten, finde ich das eigentlich gut. Wenn unsere Kunden wert darauf legen, dass wir das Mandat mitteilen, werden wir es auch tun.

Ist Transparenz für Sie kein Modell, weil Kunden nicht öffentlich mit Ihnen in den gleichen Kontext gezogen werden wollen?

Wir sind viel diskreter, als Sie sich das vorstellen können. Wenn ich ab und zu eine Blendrakete setze, um das mal militärisch auszudrücken, dann ist das eine Blendrakete, aber ich sage noch lange nicht, wo unser Raketenwerfer steht.

Dass Sie Ihre Kunden nicht deklarieren ist ja Teil Ihrer Diskretion und das machen Sie, weil diese sonst mit Ihnen nicht zusammen arbeiten würden.

Das ist so einfach nicht richtig. Wir geben dann unsere Kunden bekannt, wenn diese das wünschen. Wenn wir für einen Kunden irgendeine Lobby-Übung machen, Fraktionschefs anrufen und uns etwa zu Landwirtschaftspolitik informieren, dann hängen wir das nicht an die grosse Glocke.

Am 8. Juli feierten Sie Ihren 71. Geburtstag. Warum überlassen Sie Ihren Söhnen Fidel und Raoul den Laden nicht alleine?

Ich bin ja schon ausgestiegen, ich habe keine Aktien mehr an der Firma, ich bin nicht mehr in der Geschäftsleitung. Ich werde noch geduldet mit einem sehr schönen Büro mit Blick auf den Garten. Ich habe aber noch Kunden, die wollen, dass ich weiter arbeite. Solange ich fit bin, denken und analysieren kann und der Kunde das gut findet, gehe ich sicher nicht Golf spielen.

Interview: Benedict Neff