"Ich will mit meiner Lebenszeit etwas Sinnvolles anfangen"

ROSA Foundation - Nach acht Jahren bei Jung von Matt/Limmat hängte Roland Thomann im Dezember seinen Job als PR-Geschäftsführer an den Nagel und reiste nach Asien. In Indonesien sucht er derzeit zusammen mit seiner Frau einen Ort, wo er seinen Lebenstraum, ein Hotel zu betreiben, verwirklichen kann. Im Interview, welches persoenlich.com kurz vor seinem Abflug führte, spricht der 38-Jährige nicht nur über seine Vision von nachhaltigem Tourismus, er begründet auch, warum der PR- und Werbebranche den Rücken kehrt: "kurzfristiges Denken", "selten mutige Entscheide", "mangelnde Wertschätzung" und "extreme Shareholderorientierung".

Herr Thomann, nach drei Jahren als Geschäftsführer PR und insgesamt fast fünf Jahren als PR-Berater bei Jung von Matt/Limmat gründeten mit Ihrer Frau eine Stiftung und wandern nach Indonesien aus. Machte das PR-Geschäft langfristig zu wenig Sinn?
Ich habe mich am Ende des Tages ab und zu gefragt, was ich jetzt heute Sinnvolles für unsere Gesellschaft geleistet habe. Oftmals musste ich mir eingestehen, dass meine Arbeit nicht wirklich Wichtiges bewirkt hatte. Ich will mit meiner Lebenszeit etwas Sinnvolles anfangen.

Was genau hat Sie gestört?
Es wurde immer aufwändiger, Kunden zufrieden zu stellen, weil die meisten Kunden kommunikativ aus der Defensive agierten und selten mutige Entscheide getroffen haben, aber dennoch eine Medienpräsenz wie ein Rockstar erwarteten. Für viel Medienpräsenz muss man auch mal etwas riskieren. Meiner Meinung nach brauchen wir wieder mehr Leadership und weniger Management. Leadership, weil man einen Brand führen muss und nicht nur verwalten.

Dies hat sich stark verändert.
Ja. 
Früher arbeiten Kunden und Agentur auch viel stärker zusammen. Heute ist diese Zusammenarbeit gar nicht mehr gefragt, sondern man muss liefern, was der Kunde intern nicht leisten kann. Wegen der zunehmenden Komplexität ist die Kommunikationsarbeit auch viel aufwändiger. Diese zusätzlichen Aufwände wollten Kunden oft nicht bezahlen, aber forderten dennoch stetige Präsenz auf allen Earned Media Channels. Manchmal fehlte sogar die Wertschätzung: Überstunden, Wochenendarbeit und stetige Verfügbarkeit wurden zur Selbstverständlichkeit. Wir hatten aber auch Kunden, die unsere Arbeit sehr geschätzt haben. Ich beschreibe hier eher eine Tendenz in der gesamten Kommunikationsbranche.

Sie hätten zu einer anderen PR- oder Lobbying-Agentur wechseln oder auch bei JvM/Limmat noch mehr Verantwortung übernehmen können: Warum haben Sie sich gegen eine solche Karriere entschieden?
Ich hatte ein tolles Team und grundsätzlich gefiel es mir bei Jung von Matt sehr gut. Ich hätte noch einige Jahre so weiterarbeiten können. Was mir jedoch fehlte, war das grosse Endziel: Ich wollte immer etwas Sinnvolles für die Gesellschaft leisten. Hinzu kam der Wunsch mit meiner Frau unser eigenes Projekt zu entwickeln.

Wir wollten unseren Lebenstraum jetzt realisieren, wo wir noch keine Kinder haben und darum vieles noch etwas weniger kompliziert ist. Wir möchten mit unserer Lebenszeit etwas leisten, das nicht nach einem Tag schon wieder Geschichte ist, sondern länger Bestand hat. In unserer Gesellschaft, insbesondere in der Kommunikationsbranche wird mittlerweile extrem kurzfristig gedacht – nur von einem Quartal zum nächsten. Vor allem bei grossen Marken ist dieses kurzfriste Denken, diese extreme Shareholderorientierung sehr verbreitet. Man denkt in Zahlen und nicht in Menschen. Doch die Kunden und die eigenen Mitarbeiter müssten doch im Zentrum stehen! Für die müsste eine Marke ihr Versprechen jeden Tag einlösen.

Nun suchen Sie das Glück in Asien. Wie entstand Ihre Idee?
Ich arbeite gerne und ich arbeite viel. Wenn ich in der Schweiz bin, kann ich extrem viel arbeiten: 16 Stunden arbeiten, sechs Stunden schlafen und zwei Stunden entspannen – das ist für mich kein Problem. Doch ich war ähnlich extrem, wenn ich Reisen machte: Auch dabei konnte ich mich zwei Monate lang nur von Fisch und Reis ernähren, solange es eine gute Welle zum Surfen gab. Als ich aber in der Arbeitswelt mehr Verantwortung übernommen habe, liessen sich diese extrem gegensätzlichen Lebensweisen immer weniger miteinander vereinen. Ich konnte nicht mehr einfach für zwei Monate in den Dschungel von Sumatra verschwinden, ohne Verbindung zur Aussenwelt. Das hätte bedeutet, meine Kunden, meine Mitarbeitenden und auch Jung von Matt im Stich zu lassen. Deshalb suchte ich nach Orten, an denen ich innerhalb von zwei Wochen zur Ruhe kommen konnte. Weil ich aber sehr wenige solche Orte gefunden habe, realisierte ich, dass dies ein Marktbedürfnis sein könnte und begann diese Idee immer stärker zu konkretisieren. 

Dann gingen Sie zu Dominique von Matt und legten ihm die Kündigung auf den Tisch.
Meine Frau und ich haben mehrere Monate gebraucht, bis wir den Mut zu diesem Schritt aufbringen konnten. Dann ging es aber relativ schnell: Wir involvierten unsere Familie und ich suchte das Gespräch mit Dominique. Ich habe ihm erklärt, dass sich mein Entscheid nicht gegen Jung von Matt richtet, sondern dass ich mich für ein anderes Leben mit meiner Frau zusammen entscheiden habe. Er hat meinem Entscheid sehr viel Verständnis entgegen gebracht.

Nun wollen Sie mit Ihrer Stiftung einen Ort finden, wo Sie nachhaltigen Tourismus aufbauen können.
Wir geben uns ein Jahr Zeit, um einen Ort zu finden, wo wir unsere "Lodge" aufbauen können. In einem Land wie Indonesien wäre es am einfachsten, etwas Bestehendes zu übernehmen und dann auf Nachhaltigkeit zu trimmen. Aber es geht ja nicht nur um nachhaltigen Tourismus alleine: Der Profit aus den touristischen Aktivitäten soll für die lokale Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt werden. Es ist sozusagen ein integriertes Entwicklungshilfe-Konzept. Und das stellen wir jetzt auf den Prüfstand.

Welche Art Hotel stellen Sie sich vor?
Die Lodge soll an einem touristisch noch wenig erschlossenen Gebiet gelegen sein. Wir wollen maximal 20 Gäste aufnehmen können, weil wir so ein persönliches Erlebnis bieten können. Die Gäste sollten an einem ausgewogenen Lebensstil interessiert sein und sich mit der lokalen Kultur auseinander setzen sowie Beziehungen zur Bevölkerung aufbauen können. Unsere Kernzielgruppe sind Leute ab 30 Jahren: Alleinreisende, Paare, aber auch Familien mit Kindern. Fokus liegt auf dem Strandleben und einer Kombination aus Surfen und Yoga.

Sie haben bereits jetzt eine Stiftung gegründet. Warum?
Wir wollen damit zeigen, dass wir es ernst meinen mit unserem Projekt. Wir wollen nicht einfach nur zum Plausch für ein Jahr eine Auszeit nehmen, sondern ernsthaft einen Ort suchen, wo wir unsere Vision verwirklichen können.

Sprechen Sie Indonesisch?
Ja, wir haben einen Kurs besucht und ich habe Indonesien schon sehr oft bereist, als ich noch Student war. Zudem hoffen wir unser Indonesisch durch tägliche Praxis verbessern zu können. Anfangs werden wir aber mit einem Dolmetscher arbeiten müssen, denn von den rund 17'000 Inseln besitzt ja jede einen völlig anderen Dialekt.

Wie wollen Sie an Gelder kommen?
Neben den Einnahmen der Lodge sollen auch Spenden ein Einnahmezweig werden. Wir glauben, dass Leute, die in unserer Lodge als Gäste zu Besuch waren und eine Beziehung zu den lokalen Communities aufgebaut haben, gerne Geld spenden würden.

Sie wollen nachhaltigen Tourismus betreiben. Was verstehen Sie unter "Nachhaltigkeit"?
Der Begriff umfasst drei Dimensionen: wirtschaftlich selbsttragend muss es sein. Den Profit, den wir erwirtschaften, soll einerseits für lokale soziale Projekte und für den Naturschutz eingesetzt werden. Wichtig dabei ist, dass die Gemeinschaft zusammen bestimmt, welche Projekte verwirklicht werden sollen.

Der Begriff "nachhaltiger Tourismus" ist doch eine Kreation der Werbung. Tourismus und Nachhaltigkeit sind ein Widerspruch in sich, gerade wenn eine Destination mehrere Flugstunden entfernt liegt.
Es kann sein, dass Tourismus und Nachhaltigkeit schwierig vereinbar sind. Nachhaltig zu leben bedeutet für mich, sich vor allem des Impacts unserer Lebensweise bewusst zu sein. Wer zum Beispiel lange Strecken fliegt, sollte Kompensationszahlungen leisten. Mit diesem Geld wird Wald aufgeforstet. Damit der Wald aufgeforstet werden kann, braucht es Arbeitskräfte. So setzt man einen positiven Effekt in Gang. Es geht also eher um eine bewusste, ausgewogene Lebensweise, die wir vermitteln wollen: Um Harmonie – sowohl für unsere Gästen als auch für die Menschen vor Ort.  

Sie hätten ja auch ein Hotel im Appenzeller Land suchen und dieses auf Nachhaltigkeit trimmen können.
In Indonesien kann man mit wenig Geld viel mehr bewegen und hat ein extrem hohes touristisches Potential, das noch nur sehr spärlich erschlossen ist. Man muss dieses einfach möglichst nachhaltig erschliessen. Zudem wird man in den meisten Regionen Indonesiens sehr herzlich empfangen.

Oftmals profitiert eine Generation vom Tourismus, dann kommen die Massen und nur noch wenige verdienen viel. Kulturell folgt ein Spagat zwischen Tradition und neu eingeführtem westlichem Lifestyle.
Ja, genau deshalb wollen wir die Community beteiligen und aufzeigen, dass Tourismus auf überschaubarem Niveau gut funktioniert. Allenfalls geht unser Plan ja auf, und die Community lehnt das Angebot ab, wenn ein Four-Seasons-Bettenbunker um eine Bewilligung fragt. Wir wollen die Leute darauf sensibilisieren, sodass sie längerfristig denken und Umweltüberlegungen in Ihre Entscheidungsfindung mit einbeziehen.

 


Roland Thomann stieg als PR-Berater bei Wirz Public Relations in die Kommunikationsbranche ein, dann war er Vizedirektor für Kommunikation und Fundraising bei Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen am Hauptsitz in Genf und zuletzt Geschäftsführer PR bei Jung von Matt/Limmat

Die Stiftung ROSA ist überzeugt, dass nachhaltiger Tourismus einen entscheidenden Beitrag zu einer langfristig positiven Entwicklung von Gemeinschaften in Entwicklungsländern leisten kann. ROSA generiert konkreten sozialen und ökologischen Mehrwert, indem sie den Profit aus den eigenen nachhaltigen Tourismusprojekten nutzt, um Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Darüber hinaus unterstützt ROSA den Know-how-Transfer zwischen Kulturen und vermittelt Mikrokredite. Dieses Konzept ermöglicht eine respektvolle Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und die Nutzung der natürlichen Ressourcen im Einklang mit der Natur. Ziel ist, die Biodiversität zu fördern und die kulturelle Vielfalt der Einheimischen zu erhalten, ohne auf die nachhaltige Entwicklung verzichten zu müssen.


Bild: Roland Thomann im Dorf Silabu in den Mentawai Inseln, einer kleinen Inselgruppe vor Sumatra, auf der Suche nach dem passenden Ort für die ROSA Foundation (zVg)

Interview: Edith Hollenstein