Podcast-Kehrtwende in letzter Minute

Locarno Film Festival - Das Festival setzt «Futurespectives» kurzfristig ab und lanciert «Locarno Meets» – allerdings ohne den bisherigen Produktionspartner BrandAudio. Die Gründe für die Kehrtwende bleiben nebulös.

von Nick Lüthi

Wenige Wochen vor Festivalbeginn lief alles nach Plan. Die Produktionsfirma BrandAudio bereitete sich auf die Produktion von weiteren Episoden des Podcasts «Futurespectives» vor, die sie während des Locarno Film Festivals aufzeichnen wollten. Die Unterkünfte für das vierköpfige Team von BrandAudio hatte das Festival bereits gebucht. Der Vertrag für die Podcastproduktion zwischen BrandAudio und Festival war zwar noch nicht unterzeichnet, aber das hatte nichts zu bedeuten. Auch im Vorjahr folgte die Unterschrift erst nach Ende des Festivals. «Wir hatten keinen Grund anzunehmen, dass wir schon bald abgesägt würden», sagt Darryl von Däniken im Gespräch mit persoenlich.com. Im Gegenteil: Das Festival war des Lobes voll für «Futurespectives» und drückte seine Wertschätzung für die Arbeit gegenüber dem Team von BrandAudio immer wieder mit teils überschwänglichen Formulierungen aus.

«Beide Seiten waren vom Erfolg überzeugt»

Vor zwei Jahren hatte sich das Locarno Film Festival entschieden, den Podcast «Futurespectives» zu produzieren. Die Idee dazu kam von der Produktionsfirma BrandAudio. Sie konnte das Festival überzeugen, künftig im Media Mix auch auf Audio zu setzen. Mit dem Podcast sollte das Festival das Jahr über im Gespräch bleiben. Als Presenting-Partner kam Festivalsponsor UBS an Bord. «Eine gelungene Kooperation, von deren Erfolg beide Seiten gleichermassen überzeugt waren», erinnert sich Darryl von Däniken, Mitgründer und Inhaber von BrandAudio. Zum Abschluss des letztjährigen Festivals legte der Podcast los.

In 25 Episoden kamen Grössen aus der Filmwelt wie Juliette Binoche, Matt Dillon oder Costa-Gavras zu Wort. Die Gespräche führte die frühere BBC- und Apple-Music-Produzentin Gabby Sanderson während des Locarno Film Festivals 2022. So entstanden kompakte und kurzweilige Konversationen von einer Viertelstunde bis maximal 50 Minuten Dauer über Gegenwart und Zukunft von Film und Kultur.

Die erste Staffel von «Futurespectives» startete im August 2022 und endete im vergangenen Juni. Während des diesjährigen Locarno Film Festivals wäre vorgesehen gewesen, mit anwesenden Persönlichkeiten aus der Filmwelt die Gespräche für die nächste Staffel des Podcasts aufzuzeichnen. Doch dazu kam es nicht.

Am 14. Juli, zwei Wochen vor dem Start der diesjährigen Ausgabe, habe das Festival dann plötzlich mitgeteilt, «die Koproduktionspartnerschaft und den Vertrag mit BrandAudio zu kündigen». Das schrieb BrandAudio in einer Medienmitteilung, die am Montag auf dem Branchenportal Podnews veröffentlicht wurde. «Für uns kam der Entscheid völlig überraschend. Es gab im Vorfeld keinerlei Anzeichen, dass die Zusammenarbeit nicht weitergeführt werden sollte», sagt von Däniken.

«Nicht verlängert, um Strategie zu überdenken»

Auf die Frage von persoenlich.com nach den Gründen für die Beendigung der – gemäss Aussagen beider Seiten – erfolgreichen Zusammenarbeit mit BrandAudio teilt das Locarno Film Festival mit, man habe den Vertrag nicht verlängert, um die Podcast-Produktionsstrategie zu überdenken. Es liege in der Natur des Locarno Film Festivals, seine Prozesse ständig zu verbessern. «So können wir dem Publikum qualitativ hochstehende Dienstleistungen und Produkte garantieren und unsere Position in der Schweiz und auf internationaler Ebene stärken», heisst es in einem schriftlichen Statement. Mehr gebe es dazu nicht zu sagen, heisst es auf Nachfrage. 

Das Festival wird nun am 4. September den neu konzipierten Podcast «Locarno Meets» lancieren. Die Episoden von «Futurespectives» verbleiben in Absprache mit BrandAudio Media im Medienarchiv des Festivals und stehen dem Publikum weiterhin zur Verfügung.

Das Festival hätte die Marke «Futurespectives» weiterverwenden wollen für ihren neuen Podcast, sagt Darryl von Däniken. Doch nach der einseitigen und nicht weiter begründeten Beendigung der Zusammenarbeit, kam das für BrandAudio nicht infrage. Da das Festival und BrandAudio als Partner die Rechte an der Marke gemeinsam halten, braucht es für die Verwendung das Einverständnis von beiden. Darum muss das Festival seine künftigen Podcast-Aktivitäten unter einem neuen Namen weiterführen.

Auch wenn sich Darryl von Däniken noch keinen endgültigen Reim auf die überraschende Beendigung der Partnerschaft mit dem Locarno Film Festival machen kann, sieht er insbesondere die Rolle der UBS kritisch, die als Presenting-Partner mit im Boot war. Im Tagesgeschäft machte BrandAudio die Erfahrung, dass sich die UBS in die Produktion einmischte. So sei es vorgekommen, dass Vertreter des Sponsors etwa die Streichung von Aussagen der Gesprächspartner oder die Kürzung von Episoden verlangt hätten.

«Wir vertrauen der Expertise des Festivals»

Die UBS-Medienstelle streitet diese Vorgänge nicht ab, betont aber, dass dies nichts zu tun habe mit dem Entscheid über Produktionspartner: «Wir sind grundsätzlich nicht in die Auswahl von Dienstleistern des Locarno Film Festivals involviert. Als langjährige Partnerin des Festivals schätzen und vertrauen wir der Expertise im Hinblick auf ihre Podcast-Strategie vollumfänglich.» Im Gespräch mit persoenlich.com präzisiert Mediensprecher Igor Moser: «Es war allein der Entscheid des Festivals, die Zusammenarbeit mit BrandAudio zu beenden. Wir haben damit nichts zu tun.»