«Wir kämpfen um zusätzliche Ressourcen»

Streaming von Live-Events - Grossveranstaltungen über 1000 Personen sind wegen des Coronavirus verboten. Anlässe werden abgesagt, verschoben – oder ins Internet verlagert. Die Anfragen für Live-Videostreaming bei Swisscom Event & Media Solutions haben sich mehr als verdoppelt, so Experte Tobias Saurer.

von Christian Beck

Herr Saurer, wegen des Coronavirus müssen Veranstaltungen abgesagt werden. Und Sie können sich vor Anfragen kaum retten …
Veranstalter und Unternehmen sind aktuell verunsichert bezüglich der Austragung von Events. Im Zweifelsfall entscheiden sich viele für eine Absage oder Verschiebung. Damit werden monatelange Vorbereitungsarbeiten zunichtegemacht – mit teilweise verheerenden wirtschaftlichen Folgen. Auf der Suche nach Alternativen gelangen sie dann an Live-Streaming-Anbieter wie uns, denn Live-Events lassen sich heute zum Glück effektiv in den digitalen Raum verlagern.

Und Sie profitieren davon. Wird das nachhaltig sein?
Hier muss ich zwei Dinge klarstellen. Erstens sind wir als breit aufgestellter Event-Dienstleister in Bereichen wie etwa der technischen Gesamtprojektleitung auch negativ von den Verboten und Absagen betroffen. Zweitens fallen auch bei uns im Digital-Media-Bereich einzelne Aufträge weg, etwa wenn Events komplett abgesagt werden und somit auch kein ergänzendes Streaming gebraucht wird. Aber man muss diese Rückschläge auch als Chance sehen. Unternehmen, welche der Technologie bisher eher skeptisch gegenüberstanden, probieren diese jetzt aus und erkennen möglicherweise die Vorteile.

«Wir kriegen von Tag zu Tag mehr Anfragen»

Ganz konkret in Zahlen. Wie stark haben die Aufträge durch Covid-19 zugenommen?
Konkrete Umsatzzahlen will ich keine nennen, aber so viel kann ich sagen: Die Anfragen haben sich innert Wochenfrist mehr als verdoppelt. Zudem kriegen wir von Tag zu Tag mehr Anfragen und kämpfen um zusätzliche Ressourcen.

Plaudern Sie aus dem Nähkästchen: Für welche Kunden konnten Sie «dank» Coronavirus Aufträge gewinnen?
Auch hier will ich nichts Konkretes sagen, aber ich gebe Ihnen gerne ein Beispiel. Gerade gestern traf eine Anfrage eines internationalen Grosskunden ein. Dieser braucht bereits in rund zwei Wochen eine bidirektionale Videoübertragung an vier internationalen Standorten gleichzeitig, in mehreren Sprachen, inklusive Teilnahmemöglichkeit für User aus betroffenen Gebieten, die beispielsweise im Homeoffice arbeiten. Der Event hätte ursprünglich physisch stattfinden sollen und wird aufgrund der aktuellen Lage jetzt gewissermassen virtualisiert.

Erklären Sie mir den Unterschied: Wann macht welche Technologie Sinn?
Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen der One-to-many- und der Many-to-many-Kommunikation. Existiert nur ein Sender, der viele Empfänger erreichen will, reicht in der Regel ein Live-Videostream über Kanäle wie YouTube, Facebook oder die Unternehmenswebsite. Ein Beispiel ist ein Exhibition-Stream, die digitale Version eines physischen Messestandes oder einer Roadshow. Wird darüber hinaus eine sichere und neutrale Plattform mit Zusatzfunktionen gewünscht, etwa bei einer Mitarbeiterveranstaltung oder Medienkonferenz, eignet sich unsere Webcast-Lösung.

Und was kann die?
Die Webcast-Lösung erlaubt beispielsweise Zugriffsschutz, das zusätzliche Einblenden synchronisierter Powerpoint-Slides oder das Stellen von Fragen via Q&A oder Chatfunktion. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Webcast mit allen gängigen Devices angeschaut werden kann, optisch personalisierbar und zudem GDPR-konform ist. Und last, but not least gibt es noch die Videokonferenz, bei der abwechselnd verschiedene Sender – möglicherweise von verschiedenen Standorten – zugeschaltet werden. Diese bidirektionale Videokommunikation entspricht in etwa der Aussenschaltung, wie wir sie aus dem klassischen TV kennen, und ist entsprechend aufwendig.

«Der persönliche Kontakt ist für viele Unternehmen nach wie vor wichtig»

Warum setzen Unternehmen überhaupt noch auf Medien- und Bilanzkonferenzen? Wäre eine Übertragung nicht ohnehin effizienter?
Effizienter und auch umweltschonender, ja. Aber der persönliche Kontakt mit Kunden, Journalisten und weiteren Stakeholdern ist für viele Unternehmen nach wie vor wichtig – und das aus gutem Grund. Wir sehen entsprechende Technologien darum oft als sinnvolle Ergänzung zur physischen Präsenz.

Welche Kosten fallen an, wenn ein Unternehmen auf eine solche Übertragungstechnologie setzt?
Die Kosten hängen extrem vom Use-Case ab und beginnen bei wenigen Tausend Franken für einen «einfachen» Live-Stream bis hin zu mehreren Hunderttausend Franken für komplexere internationale Projekte wie etwa das eingangs genannte. Entscheidend ist auch, welche Dienstleistungen der Kunde mit im Paket haben will. Wird die Produktion von einem Team vor Ort oder gar inhouse umgesetzt – oder will der Kunde alles aus einer Hand inklusive Eventkonzeption, Ablaufregie und so weiter? All das hat einen Einfluss auf die Preisgestaltung.

Und wie muss ich mir das konkret vorstellen: Fahren Sie da mit dem Übertragungswagen vor?
Das kann durchaus vorkommen, aber in den meisten Fällen reichen ein kompaktes, mobiles Video- und Audiosetup, eine transportfähige Live-Box mit der notwendigen Hardware – wie Encoder und so weiter – sowie eine hohe Internetbandbreite. Um diese sicherzustellen, organisiert unser Produktionsleiter oder Streaming-Operator im Vorfeld eine dedizierte temporäre Internetleitung.

Welches sind dabei die grössten Herausforderungen?
Kunden erwarten heute neben einer tollen User-Experience vor allem zwei Dinge: Sicherheit und Zuverlässigkeit. Bei einer Live-Übertragung gibt es keine zweite Chance, deshalb muss auf Anhieb alles klappen. Entsprechend aufwendig ist das Setup – vor allem im Premiumsegment. Gerade jetzt liegt unsere grösste Herausforderung aber vor allem in den begrenzten Personalressourcen und der Verfügbarkeit von Equipment aufgrund der enormen Nachfrage von nationalen und internationalen Kunden.



Tobias Saurer ist Head of Digital Media bei Swisscom Event & Media Solutions. Er verfügt über 18 Jahre Erfahrung in der Videobranche. Seit mehr als zehn Jahren setzt er sich intensiv mit Onlinevideo und Live-Streaming auseinander.